Ansichten eines Troubadours, Woche 1: „Der Zirkus ist in der Stadt“, Tag 2.

*Knock Knock*
Lebst du schon oder stirbst du noch?

Hat das Dasein als Untote/Untoter dich stark verändert? Wie war dein Halloween?

Ich erinnere mich noch, wie ich zu Halloween vor – war es vor drei Jahren? Oder vier? – im Chaya Fuera, einem (damals noch) angesagten Club in Wien war, und nach der Party auf dem Weg zum Auto all die Clubgänger auf der Straße sichtete. Zombie-Apokalypse!

Dutzende, nein, Hunderte von verkleideten Betrunkenen, deren Gang sich kaum von jenem der Zombies aus „The Walking Dead“ unterschied. Ein beängstigendes Bild! Bleiche Blondinen in kurzen Röcken und mit zitternden Beinchen, blondgestriegelte Möchtegern-Checker mit beachtlichem Schuhwerk und geschmacklosen Halskrausen.

Ja. Gute Zeiten. Das war damals, als der Euro noch stark war und den Neureichen der Sinn nach Tohuwabohu und Prassen stand.

Glorreiche Zeiten.

Ich mein, Halloween – „All Hallows‘ Eve“, der Abend vor Allerheiligen, und vorher (nicht bewiesen) das keltische Totenfest Samhain – verfolgte einst ein durchaus nobles Ziel. Nun ist es ein Ausdruck exorbitanten Kapitalismus‘ und nirgendwo wurde mir das deutlicher bewusst als hier, im Schmelztiegel eben dessen.

“I believe… I believe that in America I will be washed clean.” (Stavros Topozouglou, “America, America”, 1963)

Ich für mein Teil hab dieses Halloween alleine und ohne großen Hokuspokus verbracht. Und das ist auch vollkommen okay so. Dass die ganze Welt sich ausgerechnet an diesem Tag betrinkt und ins Koma feiert, bedeutet mir nichts. Tatsächlich bin ich heute nach einem ausgedehnten Spaziergang durch Manhattan, nüchtern nach Hause gegangen. Hört, hört!

 

Mein Weg führte mich bis zur 48sten, Ecke 11. Avenue runter, wo paar angesagte Clubs thronen. Bei den Warteschlagen ist mir schwindlig geworden! Ich mein, komm schon, das war mir seit jeher ein Rätsel. Wie wenig muss man von seiner eigenen Lebenszeit halten, um sich zwei, drei Stunden an einer Diskothek anzustellen! Sorry, falls ich jemanden offende, ich meine das völlig wertfrei. Aber worin liegt der Mehrwert?

Lassen wir es uns mal auf der Zunge zergehen: Zwei Stunden warten, um in den Club zu gelangen, dann dreißig Dollar oder zwanzig Euro zahlen, um HINEINZUKOMMEN (?!), danach eine weitere halbe Stunde warten, um seinen Mantel abzugeben, was WIEDER vier Dollar kostet, nur um schließlich mit dem Brustton der Überzeugung von sich behaupten zu können: Ich bin drin.

Und dann beginnt der Spaß erst! *schrilles Lachen*

Fünfzehn Dollar für ein Bier im Plastikbecher! Jawohl. ZWANZIG Dollar für einen halbherzig gemischten Cocktail, der zur Hälfte aus Eis besteht? Gotcha! Und wenn du auch nur einen Cent zu wenig Trinkgeld auf den Tresen knallst, wirst du angesehen wie ein Schwerverbrecher.

Um dich herum wabern die fruchtigen Gesäße exotischer Schönheiten, von allen Seiten ertönen die Bässe außerordentlich geschmackloser Songs, irgendwo betätigt jemand irgendwelche Knöpfe und verdient dabei das Dreifache, was du für einen Gig bekommst, obwohl deine Musikausbildung deinen Eltern gefühlt ’ne Million Euro und dich den letzten Nerv gekostet hat.

Geil!

Aber gut. Ich übertreibe natürlich bewusst, damit der Text dich amüsiert.

Zugegeben, es gab Zeiten (und sie werden bestimmt wederkehren), da hat es mir großen Spaß gemacht, durch die Diskotheken zu ziehen und zu tanzen. Ich habe nun kein Privatprofil mehr auf Facebook, aber vielleicht gehörst du zu denen, die Zeugen der Clubfotos von letztem Februar wurden, als ich mit einem Kumpel (ebenfalls Gitarrist) durch die Wiener Clubs zog und völlig losgelöst und mit geübter Sicherheit auf den Tribünen tänzelte.

Heilige Maria, was war nur los mit uns. Fakt ist: Wir hatten einen komplett anderen Fragenkatalog als heute. Fakt ist: Wir waren gebrochene Männer.

Anyway! Ich schweife ab. Wo waren wir? Bei den Warteschlangen, ja? Nun, needless to say: Ich stellte mich heute Abend NICHT an. Stattdessen sättigte ich meinen Blick an dem einen oder anderen Gesäß der außerordentlich aufreizend gekleideten Teufelchen und Geisterchen, bevor ich mit einem zufriedenen Grinsen – vollkommen im Zen – meinen Spaziergang fortführte.

Es tut so gut, glücklich zu sein! Ich danke Gott dafür, dass ich diese Zeiten erleben darf. Alleine durch die Welt zu spazieren, einem Kobold mit Schnauzbart gleich, während um dich herum alles seinen Lauf nimmt. Das klingt doch magisch, oder? Was ist wertvoller, als im Einklang mit dir selbst zu sein?

Sag es mir. Sag mir, was ist wertvoller!

Da fällt mir ganz spontan ein Zitat aus „Fluch der Karibik 3“ ein. Undzwar sagt Keith Richards mit seinem wettergegerbten Gesicht zu Johnny Depp: „Der Trick ist es nicht, ewig zu leben, Jacky. Der Trick ist, ewig mit sich selbst leben zu können.“

Und ich könnte ihm, verdammt nochmal, nicht mehr zustimmen! Was meinst du? Darf ich mir die Frechheit erlauben, dir eine persönliche Frage zu stellen?

Erträgst du es, alleine zu sein? Hältst du die Stille aus? Weißt du, wer sich hinter deiner Maske verbirgt? Weißt du, wer hinter den Floskeln schlummert? Wenn ich dich auffordern würde, mir JETZT sofort, OHNE nachzudenken, deine glücklichste Erinnerung zu verraten, würde sie dir einfallen?

Okay, zugegeben, das war mehr als eine Frage. *Emoji mit Heiligenschein* Aber ich mag dich. Verstehst du? Ich habe dich gern, weil du meine Schwester/mein Bruder bist und wem sollte ich mich mehr verbunden fühlen, als meiner eigenen Spezies? (Außerdem liest du meinen Blog, dafür könnte ich dich sehr fest umarmen *Emoji mit verspieltem Grinsen*)

Gott, dass Zeitalter der Emojis hat meine Fertigkeiten mit dem Laserschwert, ehm, mit der deutschen Sprache zerstückelt. Vergebung.

Wir schweifen erneut ab. Mir ist klar, dass oben genannte Fragen tief dringen. Doch die Entscheidung liegt bei dir. Ich bin nur ein einfacher Mann und obwohl ich mich auf meiner Visitenkarte völlig unverfroren als „Musician, Performer, Writer“ darstelle, könnte genauso gut „Mystiker, Gelegenheitstrinker und Freizeitmelancholiker“ draufstehen. Wie auch immer. Worauf ich hinauswill, ist: Ich wage es nicht, irgendjemandem Ratschläge zu erteilen. Dazu bin ich selber viel zu elend und das wäre nicht in einer Million Jahren die Absicht dieses Blogs. Ich hoffe, das weißt du.

Ich stelle nur Fragen.

Und wie ein sehr alter, sehr weiser Freund von uns einst sagte, bevor er hastig davonritt: „Fragen. Fragen, die nach einer Antwort verlangen.“

Erzähl mal, wie hast du Halloween verbracht? Hat dich der Kater wachgeküsst? Lass mich raten: Jägermeister? Wie war Wien so drauf diese Nacht? Berichte mir doch von deinen Erlebnissen, wenn du möchtest.

Nun denn! Für Onkel Raptis ist es nun Schlafenszeit. Schönen Tag und viel Spaß beim Ausnüchtern! *Zwinker*

Möge der Dienstag, der Erzbischof des zweiten Höllenkreises, die linke Hand des siebenmäuligen Ungeheuers, mit dir sein!

Peace and Love

Gourmet-Tipp: Rührei (Eierspeis) mit Speck und ein Bottich (Kübel) Kaffee

Fakt zum Tag: Heute vor zehn Jahren wurde in Wien der Internationale Gewerkschaftsbund (IGB) gegründet!

(Jannis Raptis, „Ansichten eines Troubadours“ Blog 2016, http://www.jannisraptis.com)

Advertisements