Ansichten eines Troubadours, Woche 18: „Gäste, Geister und Geschenke“, Tag 1.

Einen wunderschönen Wochenstart, liebe Leserschaft!

Die Abwege der drei Lehrerinnen erreichten exorbitantes Ausmaß und ebenso die Meinen, als ich das Wochenende verpasste, zu bloggen.
Wenn ich dir in meiner grenzenlosen Bescheidenheit einen kleinen Tipp geben darf: Fang nie mit einem täglichen Blog an! *lacht*

Na? Wie geht’s denn so?

Meine Stimmung ist urplötzlich umgeschlagen, als die Regenwolken weiterzogen. Ich könnte fast meinen, es geht mir gut. Dafür danke ich den Zwölf.

Spürst du es auch? Das Entspannungsmoment dieser Tragödie? Die sanften Vorboten des Frühlings?

Wie sagt Gríma Schlangenzunge so schön, als er die Éowyn anmacht:

 „So schön, so kühl wie ein blasser Morgen im Frühling, noch durchhaucht von Winterkälte.“ – Grima Schlangenzunge

Wundervoll.

Ja, ich gestehe, nach dem 12-stündigen Marathon am Samstag bin ich immer noch in Mittelerde-Stimmung. Wie ist es möglich, frage ich! Wie ist es möglich, dass ein Mann in einer Welt, die – so behaupten zumindest die Meisten – fiktiv ist, sich mehr Zuhause fühlt als in der, in die er hineingeboren wurde.

 „Das verstehe ich nicht.“ – „Ich auch nicht.“ – Frodo und Gandalf

 Anyway. Hauptsache, die Magie bleibt bestehen! Dazu benötigen wir keine Drogen, keine tantrischen Praktiken und keinen Whisky. Ich muss nur die ersten Sekunden von Peter Jackson Meisterwerk ansehen, die ersten Zeilen von Tolkiens Epos lesen und ich bin drin. Dass sich nach all den Jahren der Dunkelheit nichts daran geändert hat, gibt mir ungeheuerlichen Trost.

„Ja. Ich bin zurück.“ – Samweis Gamdschie

Wie sagte ein Freund von mir einst, als er zum vielleicht hunderttausendsten Mal Star Wars guckte: „Ich werde niemals eine Frau so sehr lieben wie diesen Film.“

Das hat mir immer schon gefallen! *lacht*

Weißt du, warum ich darüber schreibe, lieber Leser/liebe Leserin?

Weil ich WEISS, dass es da draußen Hundertausende gibt, die meine Meinung teilen! Ich WEISS, dass ein großer Teil der Männer und Frauen, die diesen Blog abonniert haben, genau versteht, wovon ich hier spreche.

Sind wir deswegen Realitätsverweigerer? Fliehende? Kinder?

Mag sein!

Wie auch immer man uns nennen mag: Ich denke, wir tun das Richtige!

Wäre diese Welt nicht unerträglich kalt und grau, wenn wir nicht die Fähigkeit hätten, zu fliehen? Einzutauchen in Zauberwelten, die andere Menschen erschaffen haben? Beweist das nicht, dass wir uns alle um so viel mehr ähneln als unterscheiden?

Gestern hat ein Freund von mir beim Kaffeetrinken etwas sehr Schönes gesagt. Er sagte: Du, als Grieche der Diaspora, singst die Lieder deiner Heimat hier in Österreich und alle Griechen im Lokal können diese Lieder mit dir mitsingen, ohne sich gegenseitig zu kennen.

Und ich dachte mir: Fuck man, der Kerl hat recht! Wie magisch ist das eigentlich?

Dass die Kunst uns alle auf eine transzendente, unerklärliche Art und Weise vereint.

Ob nun Musik, Bücher, Theater, Film oder Malerei: Jeder Mensch kann diese universelle Sprache verstehen.

Aber gut, ich drifte wieder ab in idealistisches Gerede über das Potential der Menschheit. Über den Schatten der Zukunft, der noch zu weit entfernt ist. Über den Moment, in dem wir tatsächlich behaupten werden können: Der Mensch ist die Krone der Schöpfung.

„Haltet eure Stellung! Haltet eure Stellung! Söhne Gondors und Rohans, meine Brüder! In euren Augen sehe ich dieselbe Furcht, die auch mich verzagen ließe. Der Tag mag kommen, da der Mut der Menschen erlischt, da wir unsere Gefährten im Stich lassen und aller Freundschaft Bande bricht. Doch dieser Tag ist noch fern. Die Stunde der Wölfe und zerschmetterter Schilde, da das Zeitalter der Menschen tosend untergeht, doch dieser Tag ist noch fern! Denn heute kämpfen wir! Bei allem, was euch teuer ist auf dieser Erde, sage ich: Haltet stand, Menschen des Westens!“ – Aragorn (König Elessar)

Danke.

Danke, dass dieser Film mich stets daran erinnert, wie sehr es sich lohnt weiterzumachen! Dass es sich lohnt, die Völker der Menschen zu einen, um dem Bösen zu trotzen, das in unserer Welt vielleicht kein dunkler Nekromant mit Namen Sauron ist, aber möglicherweise ein siebenmäuliges Ungeheuer namens Kapitalismus, Fanatismus, Nationalismus, Egoismus, Respektlosigkeit, Unachtsamkeit und Eifer.

So rührt mich auch Samweis’ Rede nach fünfzehn Jahren immer noch zu Tränen, wenn ich sie – zusammen mit Sean Astins herausragenden Schauspielfähigkeiten und Howard Shore’s meisterhaftem Soundtrack – höre und sehe:

„Ich weiß. Es ist alles falsch. Eigentlich dürften wir gar nicht hier sein, an diesem Ort. Aber wir sind hier. Das ist wie in den großen Geschichten, Herr Frodo, in denen, die wirklich wichtig waren. Voller Dunkelheit und Gefahren waren sie. Und manchmal wollte man das Ende gar nicht wissen, denn wie könnte so eine Geschichte gut ausgehen? Wie könnte die Welt wieder so wie vorher werden, wenn soviel Schlimmes passiert ist? 

Aber letzten Endes geht auch er vorüber, dieser Schatten. Selbst die Dunkelheit muss weichen. Ein neuer Tag wird kommen und wenn die Sonne scheint, wird sie umso heller scheinen. Das waren die Geschichten, die einem im Gedächtnis blieben, selbst, wenn man noch zu klein war, um sie zu verstehen. Aber ich glaube, Herr Frodo, ich versteh’ jetzt. Ich weiß jetzt: Die Leute in diesen Geschichten hatten stets die Gelegenheit umzukehren, nur taten sie’s nicht. Sie gingen weiter, weil sie an irgendetwas geglaubt haben! (…) Es gibt etwas Gutes in dieser Welt, Herr Frodo, und dafür lohnt es sich zu kämpfen.“ – Samweis Gamdschie

Weißt du, lieber Leser, früher, als Kind, war ich stets fasziniert von den unfassbaren Kulissen, von der Magie und von den grandiosen Schlachten dieses cineastischen Spektakels. Später verinnerlichte ich die Gespräche über Kameradschaft, Liebe und Loyalität und nun, als Erwachsener, verstehe ich, dass diese Geschichte, ganz gleich, wie sehr Tolkien sich dagegen gewehrt hatte, sie als Allegorie zu sehen, unerhört aktuell und wichtig ist.

Geschichten wie „Der Herr der Ringe“, die – so würde ich es zumindest betrachten – als moderne Mythologie, die eines Tages zeitlos sein wird, gelten könnten, spiegeln sämtliche Stärken und Schwächen der Menschen wieder. Sie zeigen uns vor, was geschieht, wenn wir scheitern, sie zeigen uns jedoch auch, was geschieht, wenn wir treu Seite an Seite stehen.

Mittelerde existiert.

Die Herren der Ringe haben uns korrumpiert, die Menschen sind verstreut und uneins und gerade nun, in Zeiten wie diesen, benötigen wir das, was Gandalf – eines der mächtigsten Wesen Mittelerdes – in den einfachen, apolitischen und lebensbejahenden Hobbits stets gesehen hat: Die kleinen Dinge, wie er so schön in „Der Hobbit“ sagt. Dinge wie Freundschaft, Treue und eine natürliche und gesunde Heimatliebe, sowie das Wertschätzen der Qualitäten eines guten Essens, eines leckeren Bieres, eines gut gepflegten Gartens und des Pfeifenkrauts. Das Streben nach Frieden, Ruhe und Einfachheit.

Das, was ich „Tao“ nenne.

Nach über fünfzehn Jahren habe ich nun zum ersten Mal begriffen, warum ausgerechnet die Hobbits über das Schicksal Mittelerdes bestimmt haben, wie Galadriel in der Intro des ersten Film erklärt.

Ich habe es nun begriffen.

Uff.

„Es ist schon spät und der Weg ist lang. Ich muss aufbrechen.“ – Bilbo Beutlin

Tatsächlich bin ich heute so motiviert, mein Leben richtig zu leben, dass ich jetzt nach über einem halben Jahr wieder ins Fitnessstudio gehen werde!

Hört, hört!

Wünsch mir Glück, lieber Leser.

Zum Abschluss noch ein letzter Dialog zwischen Frodo und Gandalf, den du, falls du – wie ich – Schwierigkeiten hast, mit dieser Welt und Realität klarzukommen, sicher begreifen, lieben und schätzen wirst:

„Ich wünschte. Ich hätte den Ring nie bekommen, ich wünschte, all das wäre nie passiert.“

„Das tun alle, die solche Zeiten erleben, aber es liegt nicht in ihrer Macht, das zu entscheiden. Wir müssen nur entscheiden, was wir mit der Zeit anfangen wollen, die uns gegeben ist. In dieser Welt sind auch andere Kräfte am Werk, Frodo, nicht nur die Mächte des Bösen. Bilbo war dazu ausersehen, den Ring zu finden. In diesem Fall wärst auch du dazu ausersehen, ihn zu haben. Und das ist ein ermutigender Gedanke.“

Danke John Ronald Reuel Tolkien und danke Peter Jackson für all das Gute, das ihr für diese Welt getan habt.

 

(Jannis Raptis, „Ansichten eines Troubadours“ Blog 2017, www.jannisraptis.com)

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