Ansichten eines Troubadours, Woche 11: „Fünfzigtausend Drachmen für einen T-Rex“, Tag 3.

Fortsetzung von Woche 9, Tag 4. Da das Fragment ohne Titel so gut ankam, habe ich beschlossen, weiterzuschreiben. Der Text kriegt jetzt den Arbeitstitel: „Der Drache von Laos“.

II.

„Willkommen in Vientiane, Gringo“, riss mich eine Frauenstimme aus meinem traumlosen Schlaf.

Ich blinzelte. Morgendliches Sonnenlicht drang in den Jet. Ich rieb mir die Augen und blickte in Lo Tiphs Gesicht, die mich schief anlächelte und mir ein Sandwich hinhielt.

„Danke“, brummte ich und nahm mein Frühstück entgegen.

Beinahe hatte ich geglaubt, all das wäre nur ein wirrer Traum gewesen. Ich wäre in Guadalajara aufgewacht, hätte mir ein Frühstück gemacht und den Tag vor meiner Schreibmaschine verbracht.

Aber Lo Tiph war real. Und laut eigener Angabe war sie nicht einmal ein Roboter.

Doch dieses Grinsen verwirrte mich umso mehr!

„Gut gelaunt?“, sagte ich müde und riss die Frischhaltefolie von meinem Tiefkühlbaguette herunter.

„Besser als letzte Nacht“, gab sie zur Antwort.

Ihre Lederjacke war noch immer blutbefleckt. Wäre ich nicht so hungrig gewesen, hätte ich bei diesem Anblick wohl keinen Bissen heruntergekriegt.

Ganz gleich, welchem Clan sie angehörte und wie tödlich sie sich präsentierte: Pietätlos war dieser Umstand allemal.

Man rannte nicht einfach mit den Blutflecken erschlagener Männer herum. Das… das gehörte sich einfach nicht.

Aber gut. Ich hatte mir in die Hose gepisst. Was hatte ich schon zu melden.

„Wie lang… wie spät…?“, versuchte ich, unterbrach mich jedoch mit einem herzhaften Gähnen selber.

„Wir sind knapp zwanzig Stunden geflogen“, erklärte Lo Tiph sachlich. „Zwischen dir und Guadalajara liegen ziemlich genau 9000 Meilen. Für dich ist es etwa achtzehn Uhr. Wir sind jedoch dreizehn Stunden in die Zukunft geflogen. Guten Morgen und willkommen in Laos.“

„Danke“, hauchte ich und biss in mein Sandwich. Dabei hatte ich Gelegenheit aus dem Fenster zu blicken.

„Wir befinden uns an der thailändischen Grenze. Vientiane ist seit 1975 die Hauptstadt von Laos und…“

„Danke“, unterbrach ich Lo Tiph mit einer harschen Handbewegung.

„Komm schon. Gestern wolltest du noch durch mein Hintertürchen und jetzt bei Tageslicht möchtest du nicht einmal mehr meine Stimme hören?“, sagte sie gespielt beleidigt. „Das ist aber nicht sehr gentlemanlike.“

„Gestern wusste ich auch nicht, dass die Batukadische Schlange mich nach fucking Laos entführen wird!“, schalt ich sie mit vollem Mund.

„Das ist ein Argument. Wie dem auch sei: Wir landen in zehn Minuten. Iss dein Sandwich“, sagte meine unbekannte Entführerin und zwinkerte mir charmant zu, was die Situation noch grotesker machte, als sie ohnehin schon war.

„Okay“, knurrte ich und konzentrierte mich auf mein Sandwich. „Scheiß drauf. Scheiß auf alles. Das alles ist nur ein Traum.“

***

Doch es war kein Traum. Und fünfzehn Minuten später stieg ich zusammen mit Lo Tiph und einigen Crewmitgliedern aus.

Aus einem, wie es schien, nicht registrierten Privatjet.

Der mich von Guadalajara nach Laos gebracht hatte.

Mit angepissten Klamotten.

Ganz große Klasse…

Wir waren in einer Lichtung gelandet, die von dichtem Palmenwerk umschlossen wurde, was mich, kombiniert mit der unerträglichen Feuchtigkeit, unwillkürlich an Jurassic Park 3 erinnerte.

Wo blieb der Spinnosaurus?

Ich war bereit, es mit jedem Hirngespinst aufzunehmen.

„Wieso…“, versuchte ich, „wieso… landen wir nicht einfach auf einer Landebahn? So, wie alle normalen Leute auch?“

Lo Tiph lächelte. „Dieser Flug ist nicht offiziell, Gringo.“

„Dann sind wir…?“

„Illegal? Ja. Das ist das Wort. Komm.“

Sie führte mich ans andere Ende der Lichtung, wo sich eine Gruppe laotischer Männer, die mich allesamt ausdruckslos musterten, um einen Jeep versammelt hatte. Wer waren diese Kerle? Mafiosi? Und wieso war ich nochmal hier?

Lo Tiph sagte etwas auf einer Sprache, die ich nicht verstand. Ich nahm an, dass es sich um ihre Muttersprache handelte. Als sie geendet hatte, machte einer der Männer die Beifahrertür auf und winkte mich zu sich.

Ich sah ihn verstört an.

„Geh“, sagte Lo Tiph. „Diese Männer unterstehen meinem Befehl. Sie werden dich sicher ins Geheimversteck bringen.“

„Wieso sollten sie das tun?“, fragte ich.

„Heute wirst du alles erfahren. Ich hätte dich bereits im Flugzeug darüber aufgeklärt, doch ich hielt es für angebracht, dich deinen Schock ausschlafen zu lassen.“

„Meinen was? Ich muss doch sehr bitten, Madame!“, rief ich.

Sie tätschelte freundschaftlich meine Schulter. „Schon okay. Jetzt geh.“

„Was ist mit dir?“

„Ich habe noch etwas zu erledigen. Ich werde euch so schnell wie möglich folgen.“

„Ich verstehe das nicht“, sagte ich leise.

„Das macht nichts.“

Und mit diesen Worten kehrte Lo Tiph mir den Rücken und ging. Wohin, das wusste wohl nur sie.

„Komm, ins Auto“, sagte einer der Laoten auf gebrochenem Englisch.

Stumm folgte ich seiner Einladung und stieg in den Jeep.

„Also, wo gehen wir hin?“, fragte ich resigniert.

„Geheimversteck“, erklärten die Männer. „Bauch von Phat That Luang.“

„Wessen Bauch? Ach, vergiss es.“

Ich schnallte mich an, während langsam Leben in den Geländewagen kam und schloss die Augen. Was auch immer hier geschah, ich hatte nicht länger die Kraft, mich dagegen zu wehren. Ich war von einer tödlichen Unbekannten vor einer Massenschiesserei gerettet worden, kurz bevor ich mit ihr nach Laos geflogen war, um das Geheimversteck der Batukadischen Schlange zu erreichen.

Ja.

Das klang doch nach einem ordinären Mittwochabend.

Dabei hatten wir schon Freitagmorgen. Jetlag, Schock und die Absurdität der Situation verwandelten mein Zeitgefühl in eine namenlose Brühe, aus der ich kein Entrinnen sah. Ebensowenig wie ich ein Entrinnen aus dem Jeep meiner Gefangennehmer sah.

Denn ich war ein Gefangener. Ein Gringo, der während seines Mexikoaufenthaltes entführt worden war.

Wie es schien, von der Laotischen Mafia.

Gute Zeiten waren dies.

Gute Zeiten.

Fortsetzung folgt.

 

(Jannis Raptis, „Ansichten eines Troubadours“ Blog 2017, www.jannisraptis.com)

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