Ansichten eines Troubadours, Woche 32: „Das Maximum an Multidimension“

Zypern. Unendliche Weiten.

Gelobt sei der Erfinder der modernen Klimaanlage.

Als ich mich gestern meiner täglichen Selbstmedikation widmete und an der Bar zerrann wie ein von Möwen zugeschissenes Schmirgelpapier, wie ein Picasso-Gemälde, dem die Farbe ausgeht, wie ein Labrador auf Lysergsäure, da spürte ich den Gipfel all der Abscheu, die mich ein weiteres Mal überkommen hatte, wie einen Lötkolben in meinem Rektum. Auslöser war ein Gespräch über die Kirche, das ich mit meiner Partnerin führte, und beim Gedanken an all den goldenen Prunk, der die „Gotteshäuser“ ziert, wortwörtlich kotzen wollte. Ich erinnerte mich an die Stelle in der Bibel, als Jesus wutentbrannt in den Tempel stürmt und die Marktstände und Münzen umwirft und dachte mir: Wenn ich das jetzt täte, käme ich ins Gefängnis. Ich geriet ein weiteres Mal in Rage über die Blindheit des Volkes, über die Heuchelei, über die Frechheit – nein, das Verbrechen! – Gott und den Menschen zu trennen und dazwischen selbsternannte Despoten und Kirchen sowie Symbole und Dogmen ohne Ende aufzustellen und dem Menschen das einzige zu rauben, wofür es sich zu leben lohnt.

Die Freiheit.

Hier, im ultrakonservativen Zypern, einer Insel, die wirklich ALLES durchleben musste, bin ich – der Steppenwolf, der alles hinterfragt und herabgesetzt hat – mit einem Traditionalismus, einem Patriotismus und einer Geisteseinstellung konfrontiert, die mir den letzten Nerv rauben.

Hier streiten sich Christen und Muselmanen um ein Fleckchen Erde, das am Ende des Tages ohnehin die Juden besitzen werden. Der Glanz der drei Weltreligionen!

Ganz große Klasse.

Und, um die gegenwärtige Popkultur heranzuziehen und so zu tun, als wäre ich hip: Anstatt uns zusammenzutun und gegen die Weißen Wanderer – die eigentliche Bedrohung! – zu kämpfen, sitzen wir da und geifern umadum.

(Apropos: Die neue Staffel Game of Thrones ist bis jetzt großartig!)

Ja. Soviel dazu.

Möglicherweise bin ich – ein Heimatloser, der sogar auf Ostern, Hochzeiten und Geburtstage pfeift – der Einzige, der in der Lage ist, die Situation nüchtern zu betrachten.

Oder aber, ich bin etwas zwischen ignorantem Wrack und Semi-Erleuchtetem, das einen Pakt mit allen Teufeln und Engeln geschlossen hat, und in der Lage ist, Satan und Gott als Ein und Dasselbe zu erachten.

Kinder, wacht’s auf! Es gibt keinen Dualismus im Sinne von „Gut und Böse führen Krieg, bis eines der beiden siegt“! Alle Götter wären ohne ihre Teufel wertlos und umgekehrt! *lacht-herzhaft*

Aber gut. Wir alle haben Angst. Und wir alle hängen an unserem Ego. Eins und Eins macht Zwei und noch Eins dazu und wir haben Drei.

 

Und jeder scheißt sich davor an, sein Traumschloss in Brand zu setzen, die Seifenblase zum Platzen zu bringen und aufzuwachen. Natürlich, wer traut sich schon, aufzubrechen mit der geringen Aussicht auf Erfolg und der Garantie, Jahre seines Lebens nackt und allein in der Eiswüste zu verbringen?

Nicht viele, nehme ich mal an.

Da sind Shortcuts wie die Religion ein netter Versuch, sich selbst zu überzeugen, dass man eh alles richtig macht. Eine milde Betäubung sozusagen.

Und am anderen Ufer gibt es dann Möchtegern-Rebellen, die alles polemisch anzweifeln und auf unschöne Art entweihen, nur, um die Stars ihrer eigenen kleinen Seifenoper zu sein und mit dem Brustton der Überzeugung von sich behaupten zu können, sich gegen das Regime aufgelehnt zu haben.

Ich lache gerade lauthals!

Ein Käfig voller Narren! Und wir sind mitten drin.

Mach die Augen auf, lieber Leser, und schau dir mal dein Umfeld an. Was siehst du?

Möchtest du wissen, was ich sehe? Vielleicht ähneln sich unsere Beobachtungen ja?

Ich sehe einen Haufen taubstummer Blinder, von denen viele das Potential hätten, zu erwachen und von denen wiederum ein beträchtlicher Teil tatsächlich auch ein gutes Herz besitzt. Doch die Entscheidungen und Handlungen all dieser unserer Geschwisterchen verlaufen in einem Kreislauf des Leidens, der Fehler und der Furcht. Ich sehe kaum eine funktionierende Beziehung, kaum eine wahrhaftig funktionierende Karriere und ein unablässiges sich Zufriedengeben mit Mittelmaß und schlecht aufgetischten Lügen.

Der Grund?

Ganz einfach: Die nicht vorhandene Fähigkeit zur ungetrübten Selbstreflektion und zum ganzheitlichen Erkennen multidimensionaler Sachverhalte.

Oder, wenn du es, etwas poetischer haben möchtest:

Jeder bewegt sich lediglich innerhalb seiner operativen Kloakenzone ums Tao herum.

Solche Leute maßen sich an, UNS Ratschläge, Tipps und Befehle zu geben und solche Leute regieren auch unseren Planeten.

Schön, das mal erkannt zu haben. Schön zu wissen, dass man ach so gescheit ist! *lacht*

Am Ende des Tages ist man maximal sein eigener Heros.

Aber he: Das ist es wert.

Wenn ich durch die kleinbürgerlichen Häuser hier flaniere, dann überkommt mich der Drang, die schlecht gezeichneten Bildnisse der Götter, die unachtsam erarbeiteten Büsten von Goethe und die wohl dressierten Hündchen allesamt dem Höllenfeuer zu übergeben.

Und manchmal möchte ich einfach nur hinterher springen und meine gesamte Vergangenheit vergessen, um endlich frei sein zu können.

Ist es nicht absurd? Dass der Ballast der Vergangenheit und die Todesangst vor der Zukunft uns alle den Moment verpassen lassen, sodass wir unablässig innerhalb oben genannter Kloakenzone leben und wirken werden und das für immer?

Ganz gleich, wie viele Abgründe ich in meinem Leben erblickt habe und noch erblicken werde: Ich danke den Göttern, mir selbst und den Gorillas, dass es mir schon sehr früh möglich war, diesen Kreislauf zu verlassen, um alleine und nackt dem Horizont nachjagen zu können.

Gut, wir schweifen ab. Hier zwei Fotos, die ich mit meinem Iphone geschossen habe:

I'm not a photographer but I think this is a great shot 😼💪📷 You like it? #nofilter #peaceofmind

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Here's another one 📷 🌊 🌊 🌊 #nofilter #beautyofnature

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Nachdem die Ansichten eines Troubadours mittlerweile fast zu einem monatlichen Blog geworden sind, wollte ich heute zu Wochenanfang nochmal meinen Senf dazu geben.

Damit die Woche auch ja spaßig beginnt! *lacht*

Ja. Dann wälze ich mich mal hier unter die Klimaanlage und mache mich an die Arbeit. Tagsüber die Bleibe zu verlassen, grenzt an Wahnsinn. Abends werd ich dann von meiner Partnerin abgeholt und an die Medikations- und Meditationsstätten gebracht, die ich benötige, um nicht zu verwelken. In der Regel reichen ein Tresen, alkoholische Getränke und gute Musik.

Tatsächlich komme ich mir ein bisschen vor wie ein schlecht dressierter, jedoch ganz niedlicher Hund, der Gassi geführt wird.

Und das ist gut so.

Denn ganz gleich, wie schwierig es für mich ist, in Griechenland oder in dem Fall Zypern zu sein, dieser Sommer ist einer der wichtigsten für mich und meine bessere Hälfte. Denn in jeder Sekunde, die sich der grausamen Hitze ergibt, stellen wir umso mehr fest, wie lieb wir uns haben und wie sehr es sich lohnt, die Komfortzone zu verlassen, die Vergangenheit zu verbrennen und das Ego zu zerstückeln, um gemeinsam die Unendlichkeit des Kosmos zu ergründen.

Dies ist ein Pfad, den zu beschreiten Mut, Kraft und eine gehörige Portion an Wahnsinn erfordert. Ein Pfad, der, so, wie es dem Tao eben eigentümlich ist, das „Schlechte“ genauso beinhaltet wie das „Gute“. Falsche Götter, heuchlerische Despoten und eine verkommene Welt gehören genauso dazu wie Erwachte und Erwachende, Liebende und Gütige und gemeinsam bilden all diese Menschen, Tiere und Pflanzen das Tao des Planeten Erde, der wiederum ein winziges Puzzleteil im grenzenlosen Universum darstellt.

Grenzenlos und in seinem unablässigen Pulsieren perfekt. Ein imaginärer Kosmos ohne „Satan“ und mit einem „gütigen Gott“ als „Herrscher“ (wtf?) , so wie es in den Märchen, die zu Heiligen Schriften wurden, beschrieben wird, würde automatisch Stillstand und somit das Ende der Welt bedeuten.

Denk drüber nach!

Schönen Wochenstart und alles, alles Liebe!

Dein Troubadour

 

PS: Scheue dich nicht, mir auf Instagram zu folgen!

Ansichten eines Troubadours, Woche 31: „Welpen, Ukulelen und Halloumi“

Einen wunderschönen guten Morgen und ein herzliches Prost aus Zypern! Ich melde mich von meiner wunderschönen Airbnb-Bleibe aus, wo die Ukulele und der Hundewelpe meiner Gastgeber mir zuckersüße Gesellschaft leisten und die vierzig bis fünfzig Grad Celsius ein wenig erträglicher machen.

Mann, tut es gut, wieder die Straße zu hitten!

Es ist eine ganz spezielle Form der Meditation, die mir sehr gefällt und die dem Urlaub eigentümlich ist, und diese Meditation besteht im Wesentlichen nur daraus, durch eine Stadt zu irren, die du nicht kennst, zu schlafen und zu essen, wann immer es dir beliebt und einfach völlig gaga und doch mit vollster Achtsamkeit in den Moment zu tauchen, ohne ans Gestern oder gar ans Morgen zu denken.

Es ist toll! Mitunter bin ich sogar so tief im Moment drin, dass ich mich kurz frage: Was ist vor fünf Minuten nochmal passiert?

Probier’s mal aus!

Und obwohl ich (neben der Umherirren-Meditation) ansonsten fast dasselbe tue wie in Wien, nämlich schreiben, trinken und mein Instrument beklimpern (die Reihenfolge variiert), fühlt es sich überall, wo nicht Wien ist, doch gleich viel besser an.

Hoher Lebensstandard auf Kosten von Lebensgefühl vielleicht? *vielsagend-in-die-Kamera-blickend*

Wie auch immer. Ich habe in den letzten Wochen reichlich Zeit gehabt, über Wien und das Stadium, das es derzeit durchlebt, nachzudenken und bin zu einigen Antworten gekommen. Eines Tages werden wir darüber sprechen, aber nicht jetzt.

Ich hoffe jedenfalls, dir geht es perfekt, wo auch immer du gerade bist!

Genieß die Sonnenstrahlen, genieß die Gunst des Sommers. Du wirst sie brauchen, denn der Winter naht.

 

Ich für mein Teil bin in einem Breitengrad, der es mir leider nicht erlaubt zwischen 11:00 und 17:00 Uhr das Haus zu verlassen. Zypern befindet sich viel weiter südlich als Griechenland, fast schon in Richtung Nordafrika. Die Sonne hier ist verdammt gefährlich.

 

Even better! Bleibt mehr Zeit zu Arbeiten! *lacht manisch* Es gibt für mich persönlich kaum eine produktivere Zeit als den Sommer. Das war immer schon so. Ich mein, letztes Jahr hab ich auf der Insel Zakynthos fast zehn Stunden täglich geschrieben. Abends gab’s dann alkoholische Beveragen und den einen oder anderen Leckerbissen… Hach, es war ein guter Sommer.

Kaum zu glauben, dass meine Tage als ewiger Junggeselle gezählt sind! *lacht*

Ist es nicht verblüffend, was für Stadien der Mensch zu durchwandern in der Lage ist? Wie viel sich innerhalb kürzester Zeit verändern kann? Ich spreche hier nur aus meinem persönlichen Erfahrungsschatz, von den letzten 12 Monaten, die der wichtigste Wendepunkt in meinem Leben waren, als mir plötzlich klar wurde, wo ich sein will, was ich tun will und mit wem ich all das teilen möchte.

Faszinierend!

Dennoch: Als ich gestern alleine durch die Gassen schlenderte (meine Partnerin kommt erst heute Abend an) musste ich taumeln angesichts der außerordentlichen Schönheit der Einheimischen. Unfassbar gute Gene, schmerzhaft schöne Frauenzimmer!

Bravo.

An alle Steppenwölfe, die meinen Blog lesen: Next stop, Cryprus! Trust me, boys.

So viel zu meiner Statusmeldung. Viel mehr habe ich eigentlich nicht zu sagen. Liebend gerne würde ich mit dir über das Tao sprechen, aber das habe ich schon oft und wenn du neu im Blog bist, lies dir am besten die letzten Beiträge durch.

Weiterhin über das Tao zu sprechen, macht die Sache unglaubwürdig. Das Tao steckt nicht in Worten. Das Tao steckt in der Ukulele, die ich in ein arabisches Saiteninstrument verwandelt habe, im Hundewelpen, mit dem ich kuschle und in der Wassermelone mit Halloumi, die die Zyprioten scheinbar gerne essen.

Das Tao steckt im Gestank der U6, in der Whatsapp-Nachricht, die dir gestern den Magen verdorben hat, im nicht funktionierenden Fenster am Beifahrersitz, das du immer noch nicht hast reparieren lassen, und in den zerfledderten Seiten der Heute-Zeitung.

Ich wünsche dir einen wunderschönen Sommer und freue mich auch meinerseits auf eine schöne Zeit mit meiner Frau, meinem Buch und meiner Musik.

Alles Liebe,

Dein Troubadour

 

(Jannis Raptis, „Ansichten eines Troubadours“ Blog 2017, http://www.jannisraptis.com)

Ansichten eines Troubadours, Woche 30: „Die Weisheitszähne des Enterbten”

Hallo und willkommen zurück zu den Ansichten eines Troubadours!

Meine einmonatige Absenz sei mir verziehen. Die Wahrheit ist: Ich habe nicht einmal eine gute Entschuldigung. Ich glaube, ich hatte schlicht und ergreifend einfach nichts mehr zu berichten.

Genießt du den langersehnten Sommer? Räkelst du dich in den Wogen des unaufhörlich fließenden Flusses? Fühlst du dich wie der Tennisball zwischen den Schlägern von Yin und Yang?

Also, ich schon!

Seit mir oben genannte Punkte körperlich und geistig unaufhörlich bewusst sind, wähne ich mich in einer nur allzu willkommenen Seligkeit. Hinzu kommt noch eine Geheimzutat, die mir jahrelang fremd war und dich ich nun endlich in den „Eintopf zum Glücklichsein“ dazu gemischt habe: Dankbarkeit.

Mein Kiefer ist wieder etwas lockerer (bis auf die Weisheitszähne, die mir gerade schmerzhaft wachsen), meine verkrampften Hände ruhen sanft im Schoß und die Schlagader auf meinem Hals pulsiert nicht länger im Taumel der Manie. Alles ist ruhig, friedlich und gut.

Danke!

Nach einem außerordentlich turbulenten Monat voller Konzerte als Sideman sitze ich nun also wie ein beurlaubter Spartaner in meinem Zimmer, tunke die Schreibfeder gedankenversunken ins Tintenfässchen und lausche den zwitschernden Vöglein Döblings. (Okay, tatsächlich klingt Bruce Springsteen aus den Boxen und singt „Born in the USA“. *lacht*)

Zwei Wochen werde ich noch in Wien sein, dann ist mir ein Sommer in der Hitze Zyperns gewiss und ich freue mich bereits, endlich wieder fortzufliegen!

Wie läuft`s bei dir?

Worüber soll ich heute mit dir sprechen? Mir scheint, ich hätte alles bereits gesagt. Und je öfter ich über das Tao spreche, desto unglaubwürdiger wird die Sache, denn, wie ich dauernd zu erklären versuche: Darüber zu reden, bringt im Endeffekt genau Nüsse. Das Tao erschließt sich dir, wenn du es zulässt. Es ist kein intellektueller Prozess.

Was gibt es also sonst, worüber ich mit dir plaudern könnte?

Meine Berichte alkoholischer Partynächte waren während des Winters sehr beliebt, doch auch diese neigen sich nun ihrem Ende. Ebenso wie meine ständigen Kontakte mit der Dunkelheit. Also auch da gibt’s nichts Spannendes mehr zu berichten.

Mein Album befindet sich in der Endphase der Postproduktion, für mein Buch suche ich nach wie vor nach einem guten Verleger und mein Privatleben funktioniert zum ersten Mal seit Jahren wie Butter.

Toll!

Ich probiere ständig neue Saiten für meine Gitarre aus, mache Sport, lache viel, trinke ausschließlich Weißwein und schaue Stargate Atlantis.

Ja.

Dann hätten wir das auch geklärt.

Demut, die Absenz des Egos und Dankbarkeit ebnen mir den Weg in ein glückliches Leben.

Weiter so, sag ich nur!

Niemals würde ich mich dazu auserwählen, DIR einen Ratschlag zu erteilen, aber wenn du schon meinen Blog liest, tu ich’s.

Erlaube dir selbst, glücklich zu sein. Atme die frische Luft, lausche den Klängen der Musik, genieß den Geschmack deines Lieblingsweins und verschmelze mit dem Moment. DAS ist Meditation. DAS ist die Wahrnehmung, die uns daran erinnert, dass wir lebendig sind.

Wir leben in einer Zeit, die ich selber, niemals verstehen werde, ebensowenig wie die Menschen, die hier hineingeboren wurden. Aber das braucht uns nicht länger zu kümmern. Denn solange WIR den WEG gehen, der für UNS der Richtige ist, machen wir – so denke ich – alles richtig.

Reise viel, singe jeden Tag und liebe deine Nächsten.

Auf bald!

Nächstes Mal vielleicht mit etwas mehr Blabla a la Jannis Raptis.

Grad ist das Leben zu schön, um es mit Worten zu entweihen!

Schöne Woche und bis bald, liebe Leserschaft!

Kisses

 

Jannis

 

(Jannis Raptis, „Ansichten eines Troubadours“ Blog 2017, http://www.jannisraptis.com)

Ansichten eines Troubadours, Woche 29: „Jenseits von Gut und Böse“

Grüß Gott, verehrte Leserschaft!

Wie geht’s?

Meine Absenz letzte Woche sei mir verziehen. Zeitaufwändige Bagatellen profaner Natur machten sich einen Jux daraus, mich kurzzeitig zu behelligen. Nun jedoch wollen wir wieder ein paar Minuten finden, um uns zu besinnen und anzukommen. Wo wir ankommen und ob wir sanft oder hart landen werden, vermag ich jedoch nicht vorherzusagen. Weißt du, was ich so lustig an der Suche nach der Wahrheit finde?

Es ist eine Mission, die weder staatlich noch von der Krone finanziert wurde, (ein Low Budget Projekt, wenn man so möchte) für die man jedoch so viel Zeit und Energie benötigt, dass alles Andere völlig vernachlässigt wird. Gleichzeitig – und jetzt kommt die Pointe – gibt es KEINERLEI Garantie, dass man fündig wird. Es ist sozusagen eine Fahrt ins Ungewisse.

Ein Experiment, das ALLES verlangt und voraussichtlich NICHTS zurückgibt.

Für Leute ohne Mut und ohne eine gehörige Portion an Wahnsinn ist diese Reise also keine Option. Diese Leute werden wohl bis zum Ende ihres Lebens um halb sieben Uhr morgens aufstehen, auf die Schnelle frühstücken, pissen, sich die Haare richten, an einen furchtbaren Ort fahren, den sie – ohne selbst daran zu glauben – ihre „Arbeit“ nennen, und nach acht Stunden sinnlosen Herumstehens wieder heimfahren, um ihren Feierabend zu genießen und schließlich einen Schlaf zu schlafen, den sie vermutlich auch noch den „Schlaf der Gerechten“ nennen werden.

Früher hätte ich gesagt: Mein Beileid.

Jetzt bin ich so weit, zu sagen: Selbst schuld, oder, um weniger provokant zu klingen: Jedem das Seine.

Da ich jedoch – wie ich in meiner grenzenlosen Selbstüberschätzung zu behaupten wage – Taoist bin, tu ich meine Bewertungen nicht allzu ernst nehmen. Ich fühle mich weder klüger, noch besser, noch elender als jene, die ich soeben anzugreifen wagte. Jeder bekommt das, was er verdient.

Und ich verdiene scheinbar ein Leben, das zu neunzig Prozent von Zweifeln, Fragen und Angstzuständen beherrscht wird! *lacht-herzhaft*

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Nein, das war natürlich ein Scherz.

Denn wir leben ja das Yin und das Yang. Und das bedeutet, dass wir wissen, dass die Freude nicht schätzbar wäre, wenn es keine Nicht-Freude gebe, wenn du mir folgen kannst. Die Freude, besser gesagt, die Glückseligkeit, die jemand zu empfinden in der Lage ist, nachdem er durch die tiefste Dunkelheit gewatet ist, die ist einfach… Unbeschreiblich.

Denn, wie soll ich es erklären, nun, da ich es zum ersten Mal wirklich erlebe?

Er oder sie hat alles auf den Kopf gestellt, alles hinterfragt, um wieder zum Ursprung zurückzukehren und festzustellen, dass alles in seiner Ordnung ist, ungefähr so, als würde aus einem ramponierten Radio zur Mittagszeit kubanische Musik erklingen.

Und das verschafft einem eine ungeheure Befriedigung.

Ich wähne mich im Spiel von Yin und Yang – ich lebe Schmerz und Freude aus und dabei wehre ich mich nicht dagegen. Das ist Wu Wei. Und ich denke, dass das der Weg ist, um mit dem Tao zu verschmelzen.

Das Erkennen und Akzeptieren des „Kräftemessens“ von Yin und Yang, dessen Abbilder wir alle und jeder einzelne Sachverhalt im Universum sind.

Oder, um es anders auszudrücken: Ist das Krokodil böse, weil es die Gazelle verschlingt?

Du kennst die Antwort auf diese Frage.

Aber wozu das Ganze? Warum sollte jemand sich die Mühe machen, ALLES, womit die lustige heutige Gesellschaft ihn ablenkt, zu vergessen, um sich auf Yin und Yang zu konzentrieren?

Keine Ahnung. Die meisten würden sagen: Sie wollen etwas „erleben“, so etwas wie „Erleuchtung“ oder irgend so einen kindlichen Unfug.

An diesem Punkt war ich bereits. Und ich bekam mehr als nur hart zu spüren: Dazu wird es nicht kommen. Es wird keine Antwort auf meine Fragen geben, nicht in diesem Leben.

Ich denke, der Sinn dieser Suche, also der Sinn des Lebens, wenn man so will, darin liegt, zu verschmelzen; mit dem Moment, mit dem Kosmos und all seinen wunderschönen und möglicherweise auch grausamen Aspekten, mit der eigenen Natur, die beschränkt und gleichzeitig unendlich ist, mit dem Seelenmaterial, das uns alle verbindet und nur ein großes Ganzes bildet. Und hierin liegt der Beweis, das Zeit und Raum fast wertlos sind.

Ich weiß, das klingt kitschig.

Aber ich fürchte, die Wahrheit ist kitschig.

Erleuchtung ist nur ein Begriff, den kein Mensch sich ausmalen kann, Gott ist eine furchtbare Wortwahl für etwas, das zu benennen, UNMÖGLICH ist, und Religionen sind ähnlich wie politische Debatten, Landesgrenzen und kriegerische Auseinandersetzung nur eine Ablenkung von dem, was wirklich von Bedeutung ist.

Und das schlummert in uns und in jedem Stein, jedem Baum, jedem Grashalm, jedem Tier und jeder Lebensform, in der Luft, im Kohlendioxid, im Plus und Minus des Magneten, im warm schwingenden G, in welchem der Planet Erde klingt, in den Sonnensystem (die nämlich wirklich ein System haben), in den Galaxien und den Galaxiehaufen, in den transgalaktischen Voids und im Gyros, das mir immer noch im Magen sitzt.

Geil, oder?

Ich habe ALLES hinterfragt, sogar die Liebe, die ich stets als die einzig unumstößliche Wahrheit angenommen habe. Alles.

Ehrlich gesagt, weiß ich nicht einmal, ob die Liebe wirklich die einzige Wahrheit ist. Ich fühle zwar, dass das so ist, aber ich kann es nicht erklären und das werde ich auch nicht versuchen.

Was ich jedoch mit Gewissheit sagen kann, ist: Harmonie und Chaos wechseln einander ab, Gott und der Teufel ringen unaufhörlich und der eine kann ohne den anderen nicht existieren, Dämonen waren einst Engel und die Gazelle, die vom Krokodil verschlungen wurde, verdaut noch immer das Gras, das sie zuvor verspeiste, bevor schließlich alles verdaut ist und das Krokodil zu einer Lederhandtasche verarbeitet wird, die wiederum einem zahnlosen Strauchdieb das Leben rettet und so weiter und so fort. Nicht einmal Gandalf erkennt alle Absichten. Denn alles ist untrennbar miteinander verbunden und erschafft auf diese Weise ein unüberschaubares, komplexes System, das nicht linear und folglich nicht zu messen oder gar zu werten ist.

Gut und Böse, Weiß und Schwarz und der ständige Drang des Menschen, alles in Tuben zu packen und sich für eine Seite zu entscheiden, spielen hier schon lange keine Rolle mehr.

Wer hier angekommen ist, der kümmert sich nicht mehr darum, ob er kriegerisch oder engelhaft handeln will; es ist selbstverständlich, dass er gemäß der Natur handeln wird, was auch immer das bedeuten mag. Er erkennt seine Position, er erkennt die Komplexität des Universums und akzeptiert die Endlichkeit seines Denkens.

Denn hier, hier muss er nur fühlen, dankbar sein und sich allen Zuständen, die er zu erfahren in der Lage ist – Gefühle, Empfindungen und so weiter – hingeben. Das ist alles.

Darüber zu reden, ist, wie ich schon oft gesagt habe, ziemlich absurd. Aber wie sonst, soll ich einen Anreiz geben?

Wirklich etwas BEWIRKEN kann ohnehin nur die einzig universelle Sprache und wir wissen, welche diese Sprache ist. *zwinker*

Warum ich die Konvention stets in den Schmutz ziehe? Warum ich all jene provoziere, ja offen angreife, die irgendwas Sinnentleertes studieren und arbeiten, ohne zu wissen, warum? (Außer, um „Geld“ – was für eine absurde Erfindung! – zu verdienen?)

Nun, ganz einfach: Weil ich an jeden von ihnen glauben möchte. Ich möchte daran glauben, dass jeder Mensch fähig ist, seinen Weg zu gehen.

Und – laut meiner Erfahrung – ist dieser Weg untrennbar mit der Berufung verbunden. Versteh mich nicht falsch, jeder von uns muss zwischendurch jobben, um sich über Wasser halten zu können. Aber jeder von uns hat auch eine Berufung und die gilt es zu erkennen.

Ich für mein Teil weiß nun, wie ich mich selbst und meine Mitmenschen in Einklang bringen kann. Mit dem Erzählen von Geschichten. Ob diese Geschichten nun musikalisch oder sonst wie rübergebracht werden, spielt keine Rolle. Bagatellen wie Geld, Ruhm und Ego haben schon LÄNGST jede Bedeutung verloren. Ich will nur das kollektive Unterbewusstsein anregen, um zu verschmelzen, wobei mein „Wollen“ auch nur ein unzulänglicher Ausdruck für einen Drang ist, der nicht in leere Worte verpackt werden sollte.

 

Kurz: Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich nicht länger struggle, auch wenn sich faktisch nichts verändert hat. Ich verdiene immer noch kaum Geld und lebe immer noch in einer Stadt, die mir das Leben aussaugt wie ein spöttischer Vampir und ich bin von der Greencard und dem Großteil meiner „Träume“ – faktisch – so weit entfernt, wie eh und je.

Aber ich kämpfe nicht länger mit meiner Bestimmung.

Ich fühle mich gesegnet und unfassbar privilegiert, ein Musiker sein zu dürfen. Ich fühle mich, als würde ich dem Kreis einer Bruderschaft angehören, die ausgesandt wurde, um eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen.

Und genau das werde ich tun.

Aus diesem Grund bin ich völlig überzeugt davon, dass JEDES EINZELNE Individuum, in der Lage ist, diese seine Bestimmung zu finden. Und damit sich selbst zu finden.

Und im Endeffekt ist das der Beginn und gleichzeitig das Ende einer Reise, die das Verständnis um Wu Wei (Die Kraft des „Nichtstuns“, vgl. Woche 28), Tao („Weg“, „Sinn“) und Ying und Yang zu einem Gefühl macht, das so selbstverständlich ist wie das Pinkeln, das Essen, das Schlafen und das Liebemachen.

Eine schöne Woche noch, lieber Leser/liebe Leserin!

Dein Troubadour

 

PS: Am Freitag kannst du mich mit Timna Brauer auf der Langen Nacht der Kirchen im Stephansdom hören.

PPS: Am Samstag kannst du mich auf dem Life Ball in der Big Band um Conchita Wurst und Ute Lemper erleben, entweder vor Ort oder im TV. Du wirst sterben, wenn du meinen Anzug siehst! *zwinker*

 

(Jannis Raptis, „Ansichten eines Troubadours“ Blog 2017, http://www.jannisraptis.com)

Ansichten eines Troubadours, Woche 28: „Die Pinie und die Weide”

Grüß Gott und schönen Wochenstart, verehrte Leserschaft!

Mit Sodbrennen und einem wehleidig zuckenden rechten Auge stieg ich soeben aus dem Flieger aus; einer betagten Maschine jugoslawischer Nationalität, die rußig und düster, aber durchaus solide, ihre dreihundert Knoten zurückgelegt hatte. Nach einem ausgedehnten Spontan-Wochenende in Thessaloniki, fühle ich mich dem Tao so nahe wie schon lange nicht. Mehr denn je belächle ich all die Hygieniker, deren tägliche Kasteiung und Askese nur dem Ziel dient, etwas zu „erreichen“, „Erfahrung“ zu erleben und so alt zu werden wie P’eng Tsu. Auch wird mir ein weiteres Mal klar, wie unendlich beschränkt das lineare Denken des modernen Menschen geworden ist, wie wenig Raum er sich und seiner Gemeinde lässt, um die nicht-linearen Konstrukte des Kosmos zu spüren, sich des Lebens zu erfreuen und sich im stetigen Wechselspiel von Yin und Yang zu wiegen.

Stattdessen trachtet er unablässig nach Kontrolle und will sich die Natur mit Maschinen und Computern zu Eigen machen.

Das ist nicht das Tao.

In einer Welt, die so verkommen ist, kann ein Mensch wie ich sich nur wie ein Alien fühlen! *lacht* Es ergibt wieder Sinn. Und ob ich nun weise oder vollkommen wahnsinnig bin, sei dahingestellt. Anfühlen tut es sich jedenfalls wie unverfälschte Erkenntnis und das ist das Wichtigste.

Ich verwendete soeben den Ausdruck „verkommen“ und muss mich tadeln, denn tatsächlich liegt mir derzeit nichts ferner, als zu vergleichen oder gar zu urteilen. Ich bin eins mit Yin und Yang, das muss reichen. Wo Licht ist, dort ist auch Schatten. Jeder Pluspol benötigt auch einen Minuspol und umgekehrt.

Und, um einen Exkurs in die heilige Dreifaltigkeit des Hinduismus zu machen: Die Trimurti besteht aus Brahma, dem Erschaffer, Vishnu, dem Erhalter und Shiva, dem Zerstörer. Dieser Kreislauf war mir seit jeher sympathisch und ich denke, für eine Religion – und meine Meinung zu diesen Institutionen kennst du – ist das Konzept recht fortschrittlich.

Genau das dachte ich mir, als ich durch Thessaloniki schlenderte und bei aller Liebe, die ich für mein Land hege, ein weiteres Mal zugeben musste: Fuck.

Die Busse streikten, das Volk war uneins und der einstige Glanz dieser Hochkultur stand in fetten, blutroten Lettern auf der Todesliste der Wirtschaftskrise und dem unerträglichen laissez-faire des modernen Griechen.

Das ist nicht Wu Wei.

Die Kraft des Nichtstuns hat absolut gar nichts mit laissez-faire oder gar Faulheit und Perspektivenlosigkeit zu tun. Bitte!

Aber zurück zu Yin und Yang, wo wir stehengeblieben waren, kurz bevor ich in Griechenland-Schelte abdriftete (wofür ich mich nicht schäme): Wo Licht ist, dort ist auch Schatten.

Das bedeutet also, dass ich nicht länger werten möchte. Ich will nicht! Und ich habe nicht das Recht dazu. Meine Spezies schlägt sich nun Mal seit Anbeginn der Zeit die Köpfe ein und scheinbar ist das für die Natur okay, andernfalls würde es nicht passieren. Menschen kommen auf die Welt, Menschen sterben, Menschen leben glücklich, andere leiden.

Ich habe beschlossen, mich von dem Gedanken einer „idealen“ Welt, Schrägstrich dem Messias-Syndrom, das mich nachts nicht schlafen lässt, zu verabschieden.

Ich kann diese Welt nicht „retten“. Niemand kann das. Und niemand muss das tun. Denn, um mit einem Jurassic-Park-Zitat zu kommen: „Das Leben findet einen Weg.“

Was uns bleibt, ist, an uns selbst zu arbeiten, und während der kurzen Zeit unseres Wirkens die Gemeinde mit unseren Kräften zu einen und glücklich zu machen. Ich habe Musik und Wörter gelernt, weiters kann ich Nächstenliebe und gutes Benehmen anbieten. Das ist mein kleiner Beitrag. Mehr kann ich nicht.

Bagatellen wie Ego, Geld und Ruhm haben schon lange keinen Platz mehr, sobald man sich so tief in die Materie gewagt hat, sobald man die unendliche Einfachheit (oder die einfache Unendlichkeit) des Tao gekostet hat. Dort, wo es keine Dualität gibt, keine Zweifel, keine Verwirrung und keine vom Menschen erfundene Systeme, die sich völlig gegen das Tao stellen.

Ich fürchte mich nicht länger. Vor nichts und niemandem. Und all jene, die am Leben hängen und den Tod fürchten, sollten sich mal ernsthaft darüber Gedanken machen, wie absurd das eigentlich ist. Während dieses Prozesses, sollen sie die Angst jedoch noch ein Mal richtig machen lassen, sie spüren, sie genießen. Denn die Angst gehört ja genauso dazu, wie alles was davor und danach im Bewusstsein stattfindet! *lacht-fröhlich*

Während meines Fluges schwelgte in Erinnerungen an mein taoistisches Wochenende in den Tiefen der thessalischen Nächte. Beinahe hatte ich vergessen, wie magisch diese Stadt bei Nacht ist! Tatsächlich hatte Thessaloniki drei Jahre lang ohne mich auskommen müssen; ein Fauxpas, der mir hoffentlich nicht wieder unterlaufen wird.

Still und heimlich feierte ich mit meinem Kumpel und Gastgeber, der das Wu Wei instinktiv begriffen zu haben scheint und von Sportwetten lebt, meinen geheimen Abschied vom „alten“ Leben. Wir zogen durch die angesagtesten Clubs der Stadt, tranken Whisky, zockten im Casino, sahen uns Tanzshows an und ich verliebte mich für einige Minuten in die Tänzerin Viktoria, die eins mit der Stange geworden zu sein schien und mir im Gespräch ihre ganz sensationellen Verführungskünste offenbarte; eine Kunst, die nur mehr selten Gebrauch findet in diesem Zeitalter der schnellen Befriedigung. Sie war zweifelsohne eine bemerkenswerte Frau, die es schaffte, Männer dazu zu bringen, sie zu lieben.

Ich gab ihr den Segen Gottes und trat auf die nächtliche Straße.

Von diesem Zeitpunkt an verschwimmen meine Erinnerungen. Wieso ich mich bei Tagesanbruch auf einem thessalischen Highway wiederfand, auf meiner großen Stirn ein Lippenstiftabdruck prangte und mich gruselige Straßenhunde anbellten, vermag ich nicht zu ergründen.

Am nächsten Tag sah ich mir Verlobungsringe an.

Sieben-Sekündige-Gedankenpause

Das Tao hatte mich in seinen sanften Schoß gebettet, ich räkelte mich genüsslich in seiner Umarmung. Zum ersten Mal hatte ich die Nacht gelebt und von der Dunkelheit gekostet, ohne dabei einem Trieb, der von Selbstzerstörung oder Unachtsamkeit genährt wird, zu folgen, ohne dabei flüchten zu wollen. Ich stand über den Dingen! Und selbst das geschah ohne Ego, ohne das Gefühl etwas „Besseres“ sein zu „wollen“. (Die Gänsefüßchen mögen nerven, doch in diesem Falle sollen sie bei den beiden Begriffen lediglich zum Nachdenken anregen *zwinker*)

Wie absurd sind nervige Quälgeister wie das Ego nur! Und doch verteufle ich es nicht; es ist Teil der menschlichen Natur, ebenso wie der Mörder, der Dieb und der Lügner Teil der menschlichen Natur sein könnten.

Was ich jedoch denke, ist: Im Zusammenleben ist es wichtig, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Oftmals stoßen wir auf Individuen, die sich gegen das Tao gestellt haben, nicht in ihrer Mitte sind und sich auf putzige Art und Weise sehr wichtig machen. Das braucht uns jedoch nicht länger zu ärgern. Unsere Aufgabe ist klar: Unsere Aufgabe ist es, eine Immunität gegen die Pfeile des Egos zu entwickeln und ins Herzland vorzudringen, wo wir tatsächlich etwas bewirken können.

Dort, wo wir alle gleich sind.

 

Dass ich die Vermessenheit besitze, über so wichtige Dinge zu schreiben, sei mir verziehen. Denn sogar die Lehren, die mir am sympathischsten sind – so wie etwa der Taoismus, der ursprüngliche Konfuzianismus, Heraklit und Sokrates, der junge Buddhismus und das ganz frühe Christentum – dienen lediglich als Geburtsthelfer.

Nicht mehr und nicht weniger. Deswegen gefällt mir das Daodejing von Laotse so dermaßen gut. Es beginnt schon mit den Worten:  Das Tao, das taoisiert werden kann, ist nicht das echte Tao.

Womit er ganz eindeutig sagt: Kinder, darüber zu reden, bringt nichts. Ihr müsst es erleben.

Allein darin ist schon die Wahrheit über Meditation und Erkenntnistheorie enthalten. Wir sprechen hier von einem Empirismus, der bereits vier Jahrhunderte vor Christus da war und den Menschen als das autarke Individuum benannte, das er ist.

Keine Götter, keine Rituale, kein verwirrendes Geschwätz, keine Teilung des Volkes, aber vor allem: Keine Trennung.

Als das große Tao verloren war, entstand die Vorstellung von Menschlichkeit und Gerechtigkeit.

Als Wissen und Klugheit kamen, entstanden die großen Täuschungen.

Als Familienbande nicht mehr harmonisch waren, entstand die Vorstellung von guten Eltern und folgsamen Kindern.

Als das Volk in Unordnung und Missherrschaft verfiel,

entstand die Vorstellung von treuen Ministern.

Lao-tzu (147c)

Da haben wir es schwarz auf weiß und ich möchte am Liebsten gar nichts mehr dazu sagen.

Wie blind muss man nur sein (und wieder werte ich, gebt mir eine Ohrfeige!), um nicht zu erkennen, was sämtliche Religionen (als sie zu verbrecherischen Institutionen wurden) angerichtet haben! Wie naiv und gutmütig muss man sein, um einem Verbrechen solcher Natur nicht entgegenzuwirken mit dem, was Gott uns gegeben hat: Dem Verstand.

Wovon ich spreche?

Pah! Gott und Mensch waren niemals getrennt! Die Einheit ging niemals verloren! Alles ist Eins, du bist Teil des nicht-linearen Konstruktes, genauso wie ich, der Tisch, an dem du gerade sitzt, das Iphone, durch das du gerade virtuell blätterst und dir denkst: „Wovon zum Teufel redet dieser Irre?“ und das Souvlaki, das mir gestern den Magen verdorben hat.

Weder Priester, noch Kirchen, noch ewige Strafen oder Belohnungen, noch Lehren sind von Nöten, um zu sich und zum All-Einen zu finden! Sie sind im besten Falle Geburtshelfer und dort endet ihre Rolle genauso, wie nun mein Text endet.

Ein weiteres Mal muss ich an Jiddu Krishnamurti denken, der einer der wichtigsten und fortgeschrittensten Individuen unserer Zeit war, und sich selbst und den Leser stets tadelte, da das Predigen und Zuhören keinesfalls zielführend, sondern maximal ein „nettes Extra“ war. Dass jeder seinem individuellen Weg zu folgen hatte, ohne dabei das Gefühl der Einheit jedoch einzubüßen.

Es beleidigt mich, dass in den Schulen Religion und Informatik gelehrt, während Dinge, die wirklich etwas bewirken könnten, nicht ein Mal angerissen werden.

Aber gut. Dass das Schulsystem Jannis Raptis ankotzt, ist wohl genauso Teil des Ganzen wie die Fliege, die grad durch das Zimmer schwirrt und bald sterben wird, wie der Hunger und das Sodbrennen und wie die Turbinen des Fliegers, die mir Kopfschmerzen bereiteten.

Alles, was geschieht, ist Teil des Stroms. Und selbst im Falle, dass wir von Aliens regiert werden: Wenn dem tatsächlich so ist, dann passiert das halt gerade und ist Teil des Ganzen. Wo ist das Problem dabei?

Die Welt zu verbessern, ist ein nobler Gedanke und ohne dieses idealistische Streben wäre mein Leben wohl ziemlich leer. Und dennoch: Ich denke nun, dass es wichtig ist, die Natur machen zu lassen. Und damit meine ich auch die furchtbaren Dinge. Denn genauso, wie sie begonnen haben, genauso werden sie auch wieder enden, bevor das Ringen von Yin und Yang sich wieder auf irgendeine Weise manifestieren, die dem Menschen Schmerz oder Freude zufügt.

In meinen düstersten Stunden schrieb ich in diesen Blog, dass es nur eine Garantie gibt im Leben. Diese wäre das Leiden.

Daran halte ich fest. Aber ich muss dem etwas hinzufügen. Es gibt nämlich noch eine zweite Garantie. Das ist die Seligkeit.

Denn ohne den Minuspol kann es keinen Pluspol geben, ohne einzuatmen, kann niemand ausatmen, ohne zu leben, kann niemand sterben – und umgekehrt.

Mischen wir uns nicht ein und urteilen wir nicht über Systeme, die bereits wunderbar funktionieren und immer funktionieren werden, denn sie sind Teil von uns wie unser Nervensystem. Das Tao wird uns leiten und wir sind das Tao.

Wu Wei, die Kraft durch das Nichtstun, können wir vergleichen mit den Ästen einer Pinie und einer Weide im Schnee: Der starre Ast der Pinie zerbricht unter der Last, der Ast der Weide gibt dem Gewicht nach und lässt den Schnee abgleiten. Dabei ist die Weide nicht schlaff, sondern federnd. Das bedeutet, dass Wu Wei, der Lebensstil eines Menschen, der dem Tao folgt, eine Form von Intelligenz ist. Ein sich Wiegen in den kosmischen Gesetzmäßigkeiten, eine Einheit mit der Natur.

Keinesfalls ein Nichtstun.

Und wieder habe ich viel zu viel gelabert, viel zu viel Tinte verbraucht, in der Hoffnung, irgendjemandem, der oftmals unter Attacken der Verwirrung leidet (mich eingeschlossen), daran zu erinnern, wer und was er ist.

Oftmals habe ich in den „Ansichten eines Troubadours“ über die Rückkehr zum Kind gesprochen.

Nun.

Bitte sehr.

Wir sind alle Kinder Gottes oder der Großen Mutter, welche wiederum in und um uns herum ist und keinen Namen trägt, keiner Religion angehört und keine Befehle erteilt oder gar Gebote hinterlässt. Oder in Lao-tzus Worten:

„Das Prinzip des Tao ist das, was von selbst geschieht.“

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(Jannis Raptis, „Ansichten eines Troubadours“ Blog 2017, http://www.jannisraptis.com)

Ansichten eines Troubadours, Woche 27: „Ein Allegretto für den Kaiser“

Einen wunderschönen Wochenstart!

Der Himmel gleicht einer weinenden Mundharmonika und erinnert mich irgendwie an die Achtziger. Wobei, Moment mal. Hat man die Achtziger eigentlich miterlebt, wenn man sich an sie erinnern kann? *mysteriös-in-die-Kamera-blickend* Ich weiß es nicht, liebe Freunde, in der Anlage ist jedenfalls das Wasser drin.

Leicht verstört, schreckte ich soeben aus meiner Siesta hoch, als mein Gemüt sich zuckend einer ganz und gar scheußlichen aktuellen Thematik erinnerte, die mich und meine gesamte Kaste betrifft.

Wovon ich spreche?

Ich spreche hiervon.

Zugegeben, seit ich nicht mehr auf Facebook bin, entgehen mir Nachrichten und News solcher Natur öfter und öfter. Doch in diesem Fall war das Thema unter Musikerkreisen einfach zu präsent, als dass es auch mein fein geschnitztes Öhrchen hätte verschont lassen können.

Erschreckend, scheußlich und einfach zum Kotzen, dieses Verbrechen.

Nicht, dass ich Anderes gewöhnt wäre; als Musiker, beziehungsweise als Künstler, ist man in der heutigen Zeit ohnehin regelmäßig mit Erniedrigung konfrontiert. (Außer man ist Sprössling eines Millionärs, oder schafft es irgendwann, selber einer zu werden.)

Doch das hier ist der Gipfel. Es stellt auf geradezu plakative Art und Weise den Zeitgeist dar, der dafür verantwortlich ist, dass mein ganzes Geld für Whisky draufgeht.

Bevor ich weiter fluche, überlasse ich das Wort allerdings meinem guten Freund und Saitenkollegen Alex Yoshii, der diesen Beitrag schrieb und eine Petition ins Leben rief, welche über Nacht die Runde machte und bereits über anderthalbtausend Stimmen zählt. Einfach draufklicken und weitergucken.

*sieben-Sekunden-Pause*

Bravo, Alexander.

Bravo! Wir brauchen natürlich noch viel mehr Stimmen! Und obwohl ich der Letzte bin, der irgendwen von irgendetwas überzeugen möchte, wage ich nun zu sagen: Lies dir das alles doch mal in Ruhe durch und wenn du uns Musiker unterstützen möchtest, gib uns bitte deine erlauchte Unterschrift. Es kostet KEIN Geld, einzig zehn bis zwanzig Sekunden deiner Zeit, kann jedoch entscheidend sein für die Zukunft alles Troubadoure.

Ich habe mich schon lange von dem Gedanken verabschiedet, in Österreich – so schön ich dieses Land auch finde – alt zu werden und plane seit etwa zwölf Monaten meine Auswanderung. Dennoch denke ich, dass es wichtig ist, oben genanntes Thema offen anzusprechen. Nicht nur für Österreich und Österreicher, sondern allgemein.

Es gibt viele Staaten auf dem Planeten, in denen die Situation tatsächlich sogar noch schlimmer ist und das stimmt mich unendlich traurig.

Falls du meinen Blog schon länger abonniert hast, dann weißt du, dass ich der Ansicht bin, diese Welt befände sich am Abgrund. Ich denke, dass die Menschheit – so fern sie nicht von Aliens regiert, oder zumindest manipuliert wird, die das Ganze übernehmen werden – sich in absehbarer Zeit selbst abschaffen wird und hey: Das ist auch vollkommen okay so! Das nennt sich Evolution.

Aber komm schon; muss diese Prozedur wirklich so ruhmlos verlaufen?

Mir ist schon klar, dass das Beamtentum, die Bürokratie und der Groschen diese Welt regieren und vermutlich würde Letztere ohne diese Dinge – zumindest mit dem jetzigen Status des Homo Sapiens – nicht anders funktionieren. Okay, akzeptieren wir so. Aber ich behaupte, dass diese Gesellschaft genauso wenig funktionieren kann, wenn es keinen Raum für Musiker und Musikschaffende gibt.

Musikanten und Gaukler hingegen soll es geben, ja? Und sie sollen die Mindestsicherung beziehen und mit ihren teuren Erwachsenen-Spielzeugen spielen?

Ooookay!

Und ich bin da mitten drin, verfluchte Scheiße; ich weiß, wie schmerzhaft das Leben als „Berufskünstler“ ist. Berufsmusiker. Was für ein Bullshit! Als ob man sich irgendwann entscheiden würde: Ich werde jetzt beruflich Musiker. Nein, nein, nein!

Die Musik findet ihren Botschafter, nicht umgekehrt. Sie überkommt den Erwählten und in manchen Fällen erhält Letzterer einen Auftrag von den Musen persönlich. Das ganze ist kein Beruf, der irgendwas mit Geld oder sozialem Status zu tun haben sollte. Es ist eine Berufung, so wie diese des Priesters.

Es gibt Tage, da verfluche ich mich selbst, meine Instrumente und die Welt da draußen. Aber das ändert nichts daran, dass meine Entscheidung unumstößlich ist. Ich habe den Musen zugesagt und ganz gleich, wie sehr das Finanzamt mich ficken will: Dieser Troubadour wird nicht schweigen. Ganz gleich, wie sehr ich innerhalb dieses Zwischenstopps namens „Ein Paar Jahre Leben auf dem Planeten Erde“ scheitere: Mein Deal mit den Musen ist mir wichtiger.

Ich kenne meine Aufgabe auf dieser Welt und ich arbeite vierundzwanzig Stunden am Tag. Und wenn das bedeutet, dass ich Abschaum bin, dann kann ich gut damit leben.

Solange ich mir meinen Whisky leisten kann.

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Nein, aber ernsthaft.

Mir persönlich geht’s zurzeit so gut wie noch nie. Mein Album ist fertig aufgenommen und befindet sich nun in der Postproduktion. Bald schon, bald schon wird das, was meine Seele, mein Gehirn und jede Menge talentierter Hände schufen, greif- und hörbar sein.

Es gibt kein Zurück.

Weitermachen, liebe Kollegen! Wir werden auch diese Bagatelle überstehen, so wie wir es immer tun.

Bitte, bitte, bitte, werte Leserschaft, lass uns gemeinsam etwas gegen die Ausbeutung jener Menschen unternehmen, die diese Gesellschaft mit ihrem Talent, ihrem Können und ihren Botschaften bereichern.

Es ist einfach eine Sünde im Angesicht des Herrn da oben.

Auf die Kaiserstadt.

Auf die Stadt der Musik.

 

Hochachtungsvoll

Dein Troubadour

 

(Jannis Raptis, „Ansichten eines Troubadours“ Blog 2017, http://www.jannisraptis.com)

Ansichten eines Troubadours, Woche 26: „Der Frühjahrsputz“

Guten Morgen, schöne Woche und ertragreichen Monat, liebe Gemeinde! Der Frühling ist da, die Vöglein zwitschern und die Grillen zirpen. Und während ich nun meine Schreibfeder in den breiigen Restinhalt des schräg geneigten Tintenfasses stoße, um meine Gedanken zu Papier zu bringen, muss ich mir eingestehen: Ich wäre lieber draußen im Park, um mich mit dem Ballspielen zu vergnügen.

Doch ich bin nicht hier, um mich zu vergnügen. Dies zu erkennen, raubt den goldenen Gitterstäben meines Döblinger Gefängnisses durchaus etwas von ihrer Härte.

Es ist schon okay so.

Wie geht es dir? Wie stehen deine Aktien? Bist du nach dem letzten Blogpost eh nicht in Ufologie abgedriftet? *lacht*

Ich für mein Teil habe diese Woche unfassbar viel aufgeräumt. Denn, falls du es nicht selber schon weißt: Das Aufräumen gehört zu den wichtigsten Dingen im Leben. Wieder kommen wir zu einem Punkt, den ich immer wieder mal gerne anspreche, beziehungsweise ausführe: Achtsamkeit.

Ich weiß nicht, ob du mir folgen kannst, aber ich habe die Theorie, dass alles plötzlich viel weniger trostlos wirkt, sobald man sich intensiv damit beschäftigt hat, sobald man dem Gegenstand die nötige Aufmerksamkeit geschenkt hat, die er verdient.

Das gilt sowohl für die Welt da draußen als auch für diese in deinem Inneren. Im Prinzip ist „achtsam Leben“ eine dauerhafte Einstellung. In meinem Leben ging die innere Ordnung stets Hand in Hand mit einem aufgeräumten Arbeitsplatz.

Mit diesem Gedanken habe ich vergangene Woche also meinen Schlaf- und Arbeitsplatz in Wien ausgemistet und entstaubt, denn, wenngleich ich nicht vorhabe, allzu lange in Österreich zu verweilen, bin ich jetzt gerade nun mal hier. Und aus einer Trotzphase heraus, auf seine unmittelbare Realität zu scheißen, halte ich für ein wenig kindisch.

Probier’s mal aus! Ein aufgeräumter Schreibtisch wirkt auf den Schaffenden schon ganz anders als eine staubige Tischplatte, die sich qualvoll unter der Last der Papierberge krümmt. Ein entstaubtes Bücherregal, in dem vereinzelte Buddha-Statuen hervorlugen, hat mehr meditativen Charakter als man sich vorstellen mag. Ein aufgeräumtes Sofa trägt auch so schon reichlich Erinnerungen an die Vergangenheit mit sich.

Und Letztere ist ja eine der größten Gefahren für den Entwicklung Anstrebenden, wie wir schon oft zuvor in diesem Blog behandelt haben.

Manchmal habe ich Tage, da würde ich am liebsten alles verbrennen und vernichten, was mich an die Vergangenheit erinnert. Möbel, Kleidung und Gemälde, alles in die reinigenden Flammen werfen! Ich denke, diese Tendenz geht Hand in Hand mit meiner wahnhaften Sucht, dieses Land zu verlassen. Aber gut, das ist eine andere Geschichte.

Kehren wir zur Achtsamkeit zurück.

Mark Aurel behauptet, dass das Glück unseres Lebens von der Beschaffenheit unserer Gedanken abhängt. Dem stimme ich zu.

Ich mein: Vielleicht kennst du diese Tage, in denen du so bewusst bist, so empfänglich für die nichtlinearen Konstrukte des Kosmos, dass sich plötzlich deine gesamte Wahrnehmung verändert. Ich spreche hier von einem meditativen Geist. Einem Geist, der jedoch nicht absichtlich meditativ, kontemplativ, diszipliniert oder gar irgendetwas sein möchte! Weit gefehlt, oh, mein teurer Archimedes! Ich spreche von einem Geist, der einfach ist. Oder noch schöner: Der das Sein zulässt.

Zugegeben, das Wort „Gedanken“ in Mark Aurels Zitat ist ein wenig heikel, aber zumindest für mich, habe ich erkannt, was er damit sagen wollte. Schlussendlich sind ja alles Zitate aus der Zeit durchaus dehnbar. *lacht*

Ich behaupte also, dass du deine Wahrnehmung bewusst steuern kannst. Natürlich kannst du dir jeden Tag einreden: Ich bin ein kleiner, alternder Grieche mit Geheimratsecken, haarigen Schultern und ohne Talente. Niemand liebt mich und ich werde alleine sterben.

Klar, das ist eine Möglichkeit. Oder aber du kannst sagen: Ich bin für meine 1,71 und meine bevorstehenden 30 Jahre ein durchaus ansehnlicher Mann, dessen Gesicht von Reife und vielen Erlebnissen kündet. Nicht jeder liebt mich, aber die, die es tun, meinen es so. Ich werde nicht alleine sterben.

Das war jetzt ein banales Beispiel. Noch ein simples Beispiel:

Ich könnte jedes Mal laut aufheulen, wenn ich die Gemeindebauten in Favoriten erblicke, ich könnte jedes Mal wutentbrannt kreischen, wenn ich im Westbahnhof unterwegs bin und die wölfischen Schurken mich aus ihren furchtbaren Augen anstieren wie wildes Getier, ich könnte jedes Mal den Herrn um Vergebung bitten, wenn ich zu meiner Frau nach Linz fahre und sich am Hauptplatz Rotten von Hooligans zusammentun und die Stimmung vermiesen.

Ja, das könnte ich.

Aber ich könnte genauso gut mit einem Gefühl großer Abenteuerlust durch Mordor schleichen, den Orks und den schirchen Halbtrollen aus dem Weg gehen, um die Prinzessin in ihrem Turm zu besuchen.

Da sieht die Welt schon ganz anders aus! Und mit ein, zwei Gläschen Talisker gewinnt das Ganze auch schon deutlich an Magie.

Ich möchte darauf hinaus, dass deine Wahrnehmung, dafür sorgt, ob du gut oder schlecht drauf bist. Darüber haben wir in den Ansichten eines Troubadours schon mehrmals geplaudert. Und nun kehren wir zur Achtsamkeit zurück. Wenn es dir schon mit so konkreten Übungen deine Wahrnehmung zu „hintergehen“ gelingt, wie groß ist dann erst das Resultat, wenn Achtsamkeit und Bewusstheit ins Spiel kommen!

Ich verspreche dir, lieber Leser und hübsche Leserin, dass das achtsame Beobachten und der liebevolle Umgang mit deinen Themen (und mit dir selbst) deine Wahrnehmung MASSIV beeinflussen werden.

Es gibt nichts Einfacheres und gleichzeitig nichts Mächtigeres als die Achtsamkeit. Ich wage sogar, zu behaupten, dass ein achtsames Leben bedeutet, mit dem Tao zu gehen. Aber gut, wer bin ich schon, zu behaupten, das Tao ergründet zu haben?

Das muss wohl jeder für sich herausfinden. Die Erkenntnisse aller Lebewesen vereinigen sich dann zu einer universellen Wahrheit, die die Form von Yin und Yang trägt und den Aliens, die uns gerade kontrollieren, einen entzücktes „Wow!“ entlocken wird.

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Tja.

Und um die literarische Brücke zum Thema „Aufräumen“, mit dem wir den Aufsatz eröffnet haben, zu schlagen: Aufräumen und Achtsamkeit haben sehr viel gemeinsam.

Als ich meinen alten Schmuck entstaubte und sorgfältig in kleine Kisten verpackte, die ich fortschaffte, war mir, als würde ich mein vergangenes Ich, das ich so oft verteufle, irgendwie akzeptieren. Dasselbe fühlte ich, als ich alte Unisachen in Tüten (Sackerl) packte und forttrug, als ich CDs, Bücher und Souvenirs trennte und liebevoll behandelte und vor allem, als ich sämtliche Briefe, die ich allesamt aufbewahrt hatte, alle Flyer und Pressemateriealien meines Lebens und alle Konzerttickets, die ich nie weggeworfen hatte, trennte und zusammen mit der kleinen Kiste, in der einige meiner Fotos aus Kindertagen aufbewahrt sind, an einen sicheren Ort brachte.

Alles bekam seine Ordnung. Und diese wiederum war dem Schoß eines achtsamen Geistes entsprungen, desselben Geistes, an dessen Busen sie sich nun nährte.

Gott, war das geschwollen ausgedrückt. *lacht*

Probier’s mal.

Bring Ordnung in deinen Arbeitsplatz oder dort, wo du die meiste Zeit verbringst. Geh achtsam mit dir, deinen Gegenständen und deinen Themen um. Löse dich von deiner Vergangenheit, aber verteufle sie nicht; vergrab sie respektvoll an einem Ort, den nur du alleine kennst.

Und dann, dann richte den ungetrübten Blick deines erwachten Geistes auf die Gegenwart. Betrachte die Maserung des Holzes, welches als Tischplatte dient, sieh dir genau die Oberfläche des Kaffees an, der gerade neben dir steht und verheißungsvoll duftet, spüre den uralten Sessel, auf dem du sitzt, spüre deinen Körper, deine Finger, die gerade die Schreibfeder betätigen. Verschmelze mit deiner Arbeit.

Werde eins mit dem, was in dir schlummert, führ es beinhart aus und hinterlasse dieser Welt ohne viel Gejammer deinen Abdruck.

Das war das Wort zum Montag, der zwar ein Feiertag sein mag, aber niemandem verbietet, sich der Arbeit hinzugeben.

Danke fürs Lesen, mein Freund und meine Freundin.

Die Macht sei mit dir.

 

Dein Troubadour

 

(Jannis Raptis, „Ansichten eines Troubadours“ Blog 2017, http://www.jannisraptis.com)