Ansichten eines Troubadours, Woche 1: “Der Zirkus ist in der Stadt”, Tag 7.

Einen wunderschönen Sonntag, meine Hübsche/mein Hübscher. Müde? Verkatert? Wie war dein Samstagabend? Geld gewonnen im Casino? Die Liebe deines Lebens getroffen? Den besten Cocktail ever gekostet? Deine neue Lederjacke ausgeführt?

Ich wünsche dir alles davon.

Mal sehen, wie beginne ich diesen Aufsatz… Sonntag. Sonntag!

Ja, der Sonntag war für mich seit jeher ein überaus kontroverser Tag. Auf der einen Seite ist der Sonntag der mit Abstand trostloseste Tag von Allen, wenn man im echten Leben tätig ist und weiß: Morgen beginnt die Scheiße aufs Neue. Auf der anderen Seite jedoch, hat der Sonntag – zumindest für mich – etwas von einem Neubeginn. Sonntag ist für mich der Tag, an dem ich verkatert, aber irgendwie entschlossen, meine Sachen regle und Ordnung in mein Leben bringe. Das Haus aufräume, die Saiten meiner Instrumente wechsle, mich um Termine kümmere, meinen Liebsten „Schönen Sonntag“ auf Whatsapp sende, mir heiße Bäder einlasse, lese, Filme ansehe, kurz: Mir Zeit für mich nehme.

*Betretenes Schweigen*

Wenn ich mir das so durchlese, klinge ich tatsächlich wie ein alleinstehender Hausmann Mitte vierzig, aber weißt du was? Das ist vollkommen okay so!

Gönnen wir uns einen meditativen Sonntag, Baby! Vor allem jetzt, in der Herbstzeit, kann man das Maximum daraus schöpfen. Wie wäre es mit einem Herbstspaziergang? Paar bunte Blätter sammeln? Kastanien? Einen Willi Dungl „Mach’s dir selbst“-Tee am Kamin schlürfen? (Die heißen ja alle irgendwie so, oder? *lacht*) Ein Glaserl Singlemalt und dazu gute Lektüre? (Also nicht JR’s Blog! *lacht*) Kino? Fein essen gehen? Treffpunkt Staatsoper?

Es gibt so Vieles, was man an einem Sonntag machen kann!

Wie gesagt, ich empfinde ihn als ambivalent. Manchmal, in meiner Überheblichkeit, beschimpfe ich den Sonntag und nenne ihn das Mekka der Kleinbürger. Seit ich fünfzehn bin, empfinde ich den Drang, der Spießigkeit des Sonntags ins Gesicht zu lachen. Sei es mit Hilfe wilder Parties oder rauschender Besäufnisse in halbleeren Spelunken. Zugegeben, in den letzten Jahren hat sich dieser Drang ein wenig beruhigt und tatsächlich wurde Sonntag zu einem „Kinotag“.

Bin ich jetzt ein Spießbürger?

Ich war Samstag, also gestern, den ganzen Tag semi-vernichtet. Hinter Sonnenbrille und einer tonnenschweren Schicht Gesichtscreme verborgen, zog ich also mit beiden Händen das Trostlos und schlenderte durch den Park. Ich hatte kaum geschlafen, fühlte mich irgendwie ungut.

Wer mich läuterte, war ein fremder Mongole, der Straßenmusik mit seiner mongolischen Pferdekopfgeige machte. Er saß im Schatten einer rankenumwobenen Unterführung, gleich beim See, und spielte. Friedlich, einsam, frei.

Ich setzte mich nieder und lauschte dem sanften Wellengang seiner Pentatonik. Ich beruhigte meinen Atem, kehrte zu mir zurück. Die aufgewühlte See in meinem Inneren kam langsam zur Ruhe. Der gestrige Abend hatte mich doch den einen oder anderen Nerv gekostet.

Aber das gehört dazu.

Des Nachts fand ich dann endgültig zu mir, als ich mich mit Lederjacke, schwarzem T-Shirt und Schnurrbart in ein Viertel, vollgespickt mit Jazzclubs, begab und auf das Konzert meines Kumpels Gustavo ging, der mit einer brasilianischen Partie in einem der Clubs auftrat.

Es tat so gut, den Rhythmen zu lauschen. Besonders stark war ein Moment, als die Sängerin eine Stiermaske packte und damit vor meinem Gesicht wedelte, während die Band in Trance verfiel und dabei denselben Akkord wiederholte, wobei der Schlagzeuger es sich derbe gab und der Querflötist in geifernden Bebop-Scales verging.

Ich versank in den Zügen der Stiermaske, wurde eins mit Klängen, Farben und Emotionen und das war gut so.

Den Höhepunkt des Abends stellte jedoch ein komplett zugekokster Herr dar, der – einem wild gewordenen Bullen gleich – auf die Tanzfläche stürmte, VOLLER Überzeugung tanzte und dabei das Publikum animierte. Er schnaubte wie ein Stier, seine Nüstern waren geweitet, seine Augen pechschwarz. Wenn es eine Personifizierung der Substanz „Kokain“ gibt, dann war das dieser Kerl.

Ich verfiel ungewollt in gackerndes Gelächter, konnte nicht fassen, wie unfassbar witzig dieses Bild war. Spätestens, als der alte Hund es schaffte, zwei kleine Asiatinnen zu sich zu locken, war mein Abend komplett und ich zückte meine Kamera, um ein Foto davon zu machen. Es gelang mir, wenn auch verwackelt, eine halbe Sekunde, bevor der Akku leer war.

Bitte sehr.

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Siehst du die Überzeugung? Siehst du die grimmige Entschlossenheit in seinen Zügen?

In der Pause unterhielt ich mich mit einem ergrauten Musiker, der mir erklärte, dass die beste Zeit, um in New York zu sein, die Jahre 1980-1987 gewesen waren. Tja, Pech gehabt. Er schien ein großer Name in der brasilianischen Szene zu sein, doch er war bescheiden und zuckersüß. Er berichtete mir von seinen täglichen Kokainexzessen damals in den Achtzigern und von Jamsessions mit Jaco Pastorius in seiner Loft, die bis 12:00 zu Mittag gingen.

Ich lauschte gespannt.

Wenig später fand ich mich in einem McDonalds wieder, wo mir eine Latina mit unaussprechlichen Brüsten begegnete. Dann stieg ich ins Taxi und fuhr Nachhause. Und jetzt kommen wir zur zentralen These. Ist ja nicht so, dass ich nur vor mich hin schreiben würde! Anfang, Mittelteil und Ende tu ich schon noch beachten, wenngleich der Spannungsbogen heute nicht ganz gelungen ist.

Anyway!

Der Taxler war Bengale. Wir unterhielten uns lange. Er war einer dieser seltenen Leute, die gleichzeitig belehrend und respektvoll zu einem sprechen; eine seltene Gabe.

Er gab mir den Rat, Wien niemals zu verlassen und nicht nach Amerika zu kommen, betonte jedoch, dass das mein Leben ist und ich machen konnte, was ich wollte. Er sprach von der Sauberkeit und der Lebensqualität, die das Wichtigste im Leben sind, und von der Ruhe Österreichs und der Schweiz. Er sprach von seinen drei Kindern, einer hochtalentierten Zehnjährigen, einem Sechzehnjährigen, den er unbedingt auf ein teures College schicken wollte und von dem Jüngsten, einem zehnmonatealten Jungen, der einfach nie schlafen wollte. Er erzählte mir von den 1600 Euro Miete in der Bronx, von den Nachtschichten und seinem wertlosen Studium, von seinem Kampf um die Greencard und der Knappheit des Geldes. Er beendete das Thema mit: „Die Greencard ist ja schön und gut, aber damit kann ich mir auch kein Essen kaufen“, woraufhin wir beide in Gelächter verfielen.

Zuletzt jedoch sagte er etwas, das sich tief in mein Hirn brannte. Diese verdammten Taxler! Wie schaffen sie das jedes Mal?

Er sagte, ein weiterer Grund, wieso ich Österreich nicht verlassen sollte, wäre meine Familie. Er meinte, er wisse zwar nicht, wie es in meiner Kultur ist, aber er hätte seine Eltern nicht im Stich gelassen, wenn sie noch am Leben gewesen wären. Und wieso? Weil sie ihn großgezogen, auf ihn aufgepasst und alles für einen getan hatten, was in ihrer Macht gestanden war.

Er sagte: Sie haben alles für dich getan und bald, wenn sie alt sind, musst du auf sie aufpassen.

Das war sein Wort zum Sonntag und ich fühlte, dass ich das Taxi zu verlassen hatte. Tatsächlich waren wir schon längst am Ziel angelangt.

Das Letzte, was er sagte, war: „You look like this guy from the movie. The guy with the moustache who comes to America and makes crazy things. What was his name? Right. Borat!”

Lachend verabschiedeten wir uns.

Was hältst du davon? Schon interessant, was er gesagt hat, oder? Nicht das mit dem Borat, sondern das davor.

Ich für mein Teil, bin zu müde, um das Thema zu analysieren, aber, wie wir zu Beginn des Aufsatzes schon festgestellt haben, ist heute ja Sonntag und da bleibt einem reichlich Zeit für Dispute solcher Natur.

Ich glaube allerdings, dass die Sichtweise des Herrn Taxifahrers in all ihrem Edelmut veraltet ist. Klar: Über die Wichtigkeit familiärer Bande lässt sich nicht streiten. Aber für mich persönlich war das Argument einfach nicht stark genug.

Ich habe allerdings kein Gegenargument.

Jedenfalls ist es immer wieder eine Mischung aus ernüchternd und bezaubernd, die Affären der Welt zu betrachten. Dieser Mann hat eine fünfköpfige Familie zu ernähren und fährt dabei die ganze Nacht Taxi. Und doch wirkt er nicht unglücklich. Er hat sein Schicksal akzeptiert.

Er hat den Sinn des Lebens gefunden, undzwar in seinen Kindern. Was er tut, tut er für sie.

Ich bewundere ihn, wie es sich wohl kaum ausdrücken lässt und es war mir eine Ehre, seinen Worten zu lauschen und in seinem Wagen zu fahren.

Weisheit, Wahrheit und Wissen sind überall verborgen, Freund/Freundin! Öffne deine Augen und Ohren, und ganz gleich, wie betrunken, gestresst oder zertreut du bist: Bemühe dich um Achtsamkeit.

Dies ist der Sinn, wie auch der Lohn des ganzen Lebens.

 

Auf das Spießbürgertum! Auf den Sonntag!

Da mein Handy, wie gesagt, kaputt ist, und somit ALLE Fotos, die ich für Instagram, ergo auch für den Blog, vorbereitet hatte, einstweilen unzugänglich sind, hier ein Bild von Mr. Conway Twitty:

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Ja. In diesem Sinne: Danke!

Das war’s auch schon mit der ersten Woche in „Ansichten eines Troubadours“! Wie hat es dir bis jetzt gefallen? Wünsche, Anregungen, Beschwerden? Bitte, bitte teil mir deine Gedanken mit! *Lächelndes Emoji*

Falls dir der eine oder andere Beitrag besonders gefällt, darfst du natürlich gerne auf den „Share“-Button klicken. Du kannst dir nicht vorstellen, was für eine große Hilfe das für mich ist, um meine Leserschaft zu erweitern!

Ich danke dir, dass du meinen Blog liest, meine Freundin/mein Freund. Und das meine ich ehrlich.

Ich werde dich in meine Trinksprüche schließen!

Möge die Nacht mit dir sein.

 

Ausgeh-Tipp: Kruger’s American Bar oder Casino Wien auf der Kärtnerstraße

Gourmet-Tipp: Tiefseetaucher (Ein vernichtender Cocktail im Kruger’s)

Musik-Tipp: Monika Oliveira & The Brazilians

 

PS: Falls dir Tag 5 dieser Woche entgangen ist, wage ich so vermessen zu sein, den spezifischen Beitrag zu empfehlen *Schüchternes Emoji*

 

(Jannis Raptis, „Ansichten eines Troubadours“ Blog 2016, www.jannisraptis.com)

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