Ansichten eines Troubadours, Woche 1: “Der Zirkus ist in der Stadt”, Tag 6.

Dunkelheit.

Handelt es sich dabei um einen Ort?

Um eine Zeitangabe?

Woher stammt die Dunkelheit? War sie vor dem Licht da? Vor dem Leben? Vor dem Tod?

Ist das Licht mächtiger als die Dunkelheit? Oder handelt es sich dabei um die Wunschvorstellung der Sterblichen?

Genug.

Fakt zum Tag: Am 5. November 1955 wird die im Zweiten Weltkrieg vollständig zerstörte Wiener Staatsoper mit Beethovens Oper „Fidelio“ wiedereröffnet.

Hach, ja. Meiner Meinung nach, ist die Wiener Staatsoper ja weiblich. Und eines der schönsten Gebäude in Wien. Zwei Mal hatte ich das Vergnügen, ihre erlauchten Hallen zu betreten. Zahllose Male jedoch wartete ich zwischen ihren Säulen frierend auf den Nachtbus, wenn der Winter mich bankrott erwischte.

Ha! Ich erinnere mich noch an einen ganz üblen Moment vor einem Jahr, als die Pleite mich niedergestreckt hatte wie eine üble Seuche, ich mich aber dennoch weigerte, mein Dasein als stolzer Döblinger aufzugeben und einen Taxler fragte, ob ich denn – da ich weder über reales noch über digitales Geld verfügte – mit Erlagschein zahlen könne.

Haha, ich lache gerade lauthals. Was für ein armseliges Theater!

Glorreiche Zeiten.

Woran erinnert mich dieses bezaubernde Bauwerk noch?

Ja, an etliche Date-Treffpunkte. Ich bin nach wie vor der Ansicht, dass die idealen Treffpunkte für das erste Date 1. Die Wiener Staatsoper, 2. Die Statue der Athene vor dem Parlament oder 3. Der Stephansdom sind. Wobei ich Drittens doch noch am Spießigsten von den drei Varianten finde.

Was ist deine Ansicht, lieber Freund/liebe Freundin? Wo würdest du als Wien-Stationierte/r den Treffpunkt eines Rendezvous mit einer/einem Fremden festlegen?

Wohlan denn! Heut is’ Samstach, ne? Party? Treffpunkt Staatsoper? Was hast du heute geplant?

Ich für mein Teil bin gerade nach Hause gekommen (Es ist gerade die Nacht von Freitag auf Samstag, ich befinde mich ja sechs Stunden in der Vergangenheit) und rekapituliere.

Heute wurden die Klischees bis zum Exzess ausgelebt. Ich weiß nicht, wo ich beginnen soll. Es war ein ereignisreicher Abend.

Ich war auf einem Rembetiko-Konzert, hier in der Upper East Side. Die Sängerin kannte ich aus Thessaloniki und seit Jahren hege ich eine geheime, wie soll ich sagen, Bewunderung für sie. Ich sprach ein paar Minuten mit ihr nach der Show, fühlte die Connection, die ich seit jeher gespürt hatte. Dann mussten wir uns verabschieden. Sie verlässt die Stadt morgen wieder.

Unmittelbar nach diesen Geschehnissen packte mich eine unaussprechliche Dunkelheit. Die Krallen der Nacht bohrten sich tief in meine Kehle und ich suchte Zuflucht in einer Bar, wo ich ein Bier bestellte und trostlos gen Äther blickte. Dabei spielte es „Let’s stay together“ von Al Green.

Meine Güte.

Ich zahlte mit Kreditkarte und begab mich in die nächste Bar. Es handelte sich dabei um eine der seltenen Raucher-Bars in New York. Hier tummelten sich unaussprechlich reiche Russen und Chinesen, fettleibige, alte Typen mit viel zu jungen Freundinnen, Milliardäre mit Uhren, die mehr wert sind als mein eigenes Leben, Edelschlampen, deren Augenringe von einem Leben in Schnee und Exzess zeugten.

Ich bestellte einen Whisky um zwanzig Dollar und eine Zigarre um denselben Preis und blickte gedankenversunken ins Leere.

Wer bin ich?, hallte es in meinem Kopf. Wer bin ich? Was tue ich? Wohin gehe ich? Wieso das alles?

Niemals zuvor vermisste ich Griechenland so sehr, wie an diesem Abend. Denn dieses zauberhafte Mädchen namens Ifigenia, deren Stimme nebenbei grandios ist, war mehr als nur ein Mädchen. Sie war ein Symbol. Sie symbolisierte das griechische Lied für mich, die griechische Kultur, kurz: Griechenland.

Ich hätte sie liebend gern geküsst. Mich liebend gern Löffelchen zu ihr gelegt und ihren Nacken inhaliert. Aber diese Chance war vorbei. Ich war allein. Allein, eingelullt von Rauchschwaden, Jazz und den Parfums der Oberschicht. Eine blonde Dame Anfang Sechzig begann mit mir zu flirten. Es tat gut, wenngleich ich doch wusste, dass es das klassische oberflächliche Geplänkel der New Yorker war. Einen Satz wiederholte sie jedoch mehrmals:

„I love you and that’s not easy.”

Ich bedankte mich jedes Mal, wenn sie diesen Satz sagte. Keine Ahnung, was sie damit meinte. Aber es war okay für mich.

Ich vermisste meine Ifigenia. Ich schrieb ihr eine Nachricht auf Facebook, in der ich ziemlich klar darlegte, dass ich sie liebe. Was auch immer Liebe in diesem Kontext bedeutet. Danke, Johnny Black!

Ich verwickelte mich in ein tiefsinniges Gespräch mit einem Herren, dessen Exfrau Jazzsängerin ist und der mit Henry Mancini und Stan Getz gefeiert hatte. Seine Augen waren glasig und irgendwie freudlos, doch ich mochte ihn und zeigte das sehr deutlich, was ihn dazu animierte, sich mir mehr und mehr zu öffnen.

Ich war ein Gestrandeter. Wieder einmal drängten sich mir folgende Fragen auf: Wo bin ich? Was tue ich? Was ist der Sinn dieser Freakshow?

Ich fühlte mich so einsam wie schon lange nicht mehr und nicht einmal der Alkohol schaffte es, mich zu läutern. Ich suchte nach Heilung. Flehte in meinem Inneren um Gnade. Hätte Ifigenia sie mir geben können? Hätte ein Leben in Griechenland mich zu einem Glücklicheren gemacht? Zu einem Besseren?

Hatte ich eine Heimat? Wieso vermisste ich Griechenland so dermaßen, wenn ich doch niemals wirklich dort gelebt hatte? Wieso wollte ich seit jeher eine Griechin heiraten? Wieso berührte mich die griechische Musik so tief?

Wer war ich? Was geschah mit mir?

Der Geruch der Zypressen stieg mir in die Nase. Ich hörte erneut Ifigenias zauberhafte Stimme, sah ihren wallenden Haarschopf, ihre feinen, hellenischen Züge und ihre nymphenhaften Äuglein. Wer war sie? Wer war ich?

Ich beschloss, nach Athen zu reisen. Nachdem 2017 ohnehin als ein Jahr des Reisen geplant ist, ist es ja auch schon wurscht, wo ich hingehe, oder?

Ich blickte mich gedankenverloren um, übergab mich in meinem Mund beim Anblick diesen abscheulichen Treibens, zahlte mit Kreditkarte und wankte aus dem Laden.

Es gibt keine Hoffnung für dich, dachte ich mir, als ich in die Kälte trat. Es gibt keine Hoffnung für eine rastlose Seele Deinesgleichen. Du bist allein. Niemand wird dich jemals verstehen. Niemand wird jemals den innersten Kern deiner Seele lieben.

Und wider jede Vernunft verneinte ich, lächelte und sagte zu mir: „Du kannst jederzeit ins Flugzeug steigen und nach Athen fliegen, wenn dir danach ist.“

Immerhin besitze ich ja eine Kreditkarte.

Zwei Stunden später ging mein Iphone 6 urplötzlich und unwiderruflich kaputt und ich verlor den letzten Nerv, der mir noch geblieben war.

Cheers, Ladies!

 

Ausgeh-Tipp: Mit dem Raumschiff zum Mars

Gourmet-Tipp: Johnny Walker, Black Label (ohne Eis natürlich)

Musik-Tipp: Al Green’s Liebesschnulzen

Sonstige Tipps: Bei Gott keine Apple-Produkte! Sie sind nur teuer und gehen schnell kaputt.

 

(Jannis Raptis, „Ansichten eines Troubadours“ Blog 2016, www.jannisraptis.com)

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2 thoughts on “Ansichten eines Troubadours, Woche 1: “Der Zirkus ist in der Stadt”, Tag 6.

  1. Hallo Jannis,
    dein Tag 6 ist zutiefst ergreifend! Ich kann alles so nachvollziehen, da es mir zurzeit ebenso geht (wer bin ich, was mach ich hier, wer bin ich, die Sehnsucht nach greece und die quasi sinnlose Liebe zu einer griechenlandliebenden unerreichbarer Frau ). Ich freue mich schon auf deine nächsten Gedankenschwünge!
    LG Angelos

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