Ansichten eines Troubadours, Woche 1: “Der Zirkus ist in der Stadt”, Tag 5.

Einen wunderschönen Freitag wünscht Dir Jannis Raptis. Wie läuft’s? Wie war deine Woche, rückblickend betrachtet? Bist du ausgelaugt? Motiviert? Empfindest du den unaussprechlichen Drang, Alkohol zu konsumieren? Gibt es irgendetwas, das du mir sagen willst?

Fakt zum Tag: Am 4. November 2008 wird Barack Obama als erster Afroamerikaner zum 44. Präsidenten der USA gewählt.

Ja. Das gute alte 2008.

*Betretenes-Schweigen-folgte-da-ich-diesen-Blog-nicht-für-politische-Themen-nutzen-werde-wir-jedoch-alle-wissen-dass-die-momentane-Situation-in-Austria-und-USA-tausendseitige-Blogs-füllen-könnte*

Heute habe ich mir ein Thema überlegt, das dir hoffentlich den sogenannten „Feelgood-Faktor“ geben wird. *Lächelndes Emoji*

Übrigens, das mit den Emojis tut mir wirklich leid. Mir ist klar, dass ich die deutsche Sprache auf diese Weise zerstückle. Aber das Zeitalter von Whatsapp und Facebook hat mich verdorben. *Leidendes Emoji*

Also gut. Ich war neulich spazieren. Dabei schlug ich meine tägliche Route ein, die etwa eine Stunde nach dem Aufstehen, also gegen 15:03, beginnt. Ich schlürfte meinen Kaffee, führte Selbstgespräche, lächelte den Eichhörnchen und Vöglein zu und betrachtete den sanften Wellengang des Sees.

Zitat des Tages: „Wenn du mich besuchen kommst, hätt ich gern ‘ne Bootsfahrt.“ – „Jeff!“

Als ich einen sonnenbeschienenen Platz erreichte, den ich unbewusst jedes Mal anstrebe, sichtete ich einen Mann, der Seifenblasen en masse produzierte. Dabei strahlte er den puren Frieden aus. Seine Bewegungen waren ruhig, aber bestimmt. Seine Augen in tiefer Seligkeit geschlossen, das Gesicht ruhend. Als würde er sein täglich Tai Chi praktizieren, führte er sein Gerät, mit dem man Seifenblasen produziert (Wie nennt sich dies Konstrukt? Bitte um Aufklärung) und wähnte sich in der Gesellschaft seiner riesigen Seifenblasen. Wie ein Biestmeister sah er aus, der Wölfe und Löwen gezähmt, wie ein Zirkusdirektor, der seine Mannschaft besser kennt als jeder Andere, wie ein Zen-Meister, der den Sinn des Lebens begriffen hat.

Er war voll und ganz in der Versenkung. Jede Faser seines Körpers, jedes Quantum seiner Achtsamkeit war dieser einen Tätigkeit gewidmet: Dem Erschaffen von Seifenblasen. Nichts und niemand konnte ihn aus seiner Einswerdung herausreißen. Ja, er war Eins geworden. Eins mit seinen Seifenblasen, eins mit seiner Tätigkeit, eins mit dem Kosmos.

Er hatte den Sinn von Meditation begriffen. Den Sinn des Lebens. Er ruhte in sich! Weder Sturm noch Feuer, weder Schwert noch Pistol, hätten ihm in diesem Moment drohen können. Wilde Tiere hätte er besänftigt, Katastrophen wären spurlos an ihm vorbeigeglitten. Ja er hatte sogar die Zeit besiegt. Er war zeitlos. Sein Gesicht ein Bildnis endloser Anmut, alterslos, geschlechtslos.

Ich war überwältigt. Tränen traten in meine Augen, mein Kater löste sich in Luft auf, mein endloser Gedankenstrom verwandelte sich in wohltuenden Feenstaub.

Denn dieser Mann war ein Heiliger. Ein Fels in der Brandung. Er war mein Petrus! Ich sättigte meinen Blick an ihm, trank aus der unerschöpflichen Quelle seiner strahlenden Schönheit, seiner väterlichen Überlegenheit, seiner brüderlichen Liebe. Ich wollte bei ihm sein! Ich wollte so sein wie er!

Die Sonne schien auf den Platz herab und tauchte alle Anwesenden in goldenes Licht. Kinder tummelten sich um meinen Petrus, spielten euphorisch mit den riesigen Seifenblasen, lachten, freuten sich des Lebens.

Oh, wie sehr liebte ich nur diesen Moment! Und wie sehr liebe ich in diesem Augenblick die Erinnerung, während ich sie wiedererlebe. Weißt du, mein Lieber/meine Liebe, es gibt diese seltenen Momente im Leben, die sehr kurz und in Wirklichkeit komplett unspektakulär sind und über die zu sprechen, banal erscheint. Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Ich hatte einige dieser Momente. Winzige Erinnerungen, in denen eigentlich nichts Aufregendes passiert.

Und doch gehören sie zu meinen Wertvollsten. Wie oft habe ich nicht an einen bestimmten Moment am balinesischen Strand gedacht, als die orangenfarbene Sonne unterging! An einen Waldspaziergang, an ein schweigsames Beisammensein, an den Geschmack einer Kürbissuppe.

Und weißt du, warum diese kleinen Erinnerungen so wertvoll sind?

Ich denke, ich kenne die Antwort.

Weil wir, als wir sie erlebten, im Moment waren. Es gab kein Denken mehr, kein Gestern und kein Morgen. Es gab nur das Jetzt. Wir besiegten die Zeit und waren Eins.

Und das, meine hübsche Schwester/mein tapferer Bruder, ist die Definition von Meditation.

So wurde auch dieser Moment mit dem Seifenblasenmann zu einem jener Momente, die ich niemals vergessen werde. Zu einem Moment, in dem ich so dermaßen im Einklang mit mir war, mit der Welt um mich herum, mit dem Treiben aller Wesen und dem Lauf der Planeten, dass ich meine Zufriedenheit nicht in Worte fassen könnte, was ich jedoch paradoxerweise versuche.

Ich schulde diesem Fremden meinen Dank. Meinem Petrus, dem Zen-Meister des Parks, dem Seifenblasenmann, dem Zähmer wilder Tiere, dem Spielemeister der Kinder.

Wenn er nur wüsste, dass in diesem Augenblick Hunderte sich mit ihm beschäftigen! Wie würde er reagieren?

Gab es in deinem Leben Momente solcher Natur? Davon will ich ausgehen. Fühl dich frei, sie mit mir zu teilen. Es interessiert mich! Wir verbringen viel zu viel Zeit damit, uns darüber Gedanken zu machen, wie wir unseren Gewinn maximieren, unser Selbstbild bewahren und unsere Ziele verfolgen können, und vergessen dabei das Wesentliche. Ich weiß, es klingt banal. Aber es ist die Wahrheit. Und die Wahrheit ist simpel.

Lebe den Moment. Erlaube dir zwischendurch, einzutauchen, zu verschmelzen mit dem Zellkern des Moments. Kein Denken. Kein Ego. Nicht einmal mehr eine Persönlichkeit. Nur mehr die Verschmelzung deiner Seele mit der Weltenseele, die Rückkehr zur Einheit, die Kraft der Stille.

Langsame Bewegungen. Wenige Worte. Ruhiger Atemfluss.

Um mit den Worten Krishnamurtis zu sprechen:

“Meditation is really very simple. We complicate it. We weave a web of ideas round it what it is and what it is not. But it is none of these things. Because it is so very simple it escapes us, because our minds are so complicated, so time-worn and time-based. And this mind dictates the activity of the heart, and then the trouble begins. But meditation comes naturally, with extraordinary ease, when you walk on the sand or look out of your window or see those marvellous hills burnt by last summer’s sun. Why are we such tortured human beings, with tears in our eyes and false laughter on our lips? If you could walk alone among those hills or in the woods or along the long, white, bleached sands, in that solitude you would know what meditation is. The ecstasy of solitude comes when you are not frightened to be alone no longer belonging to the world or attached to anything. Then, like that dawn that came up this morning, it comes silently, and makes a golden path in the very stillness, which was at the beginning, which is now, and which will be always there.” (Jidu Krishnamurti, Meditations, 1969)

Okay. Ganz gleich, was ich jetzt noch sage, es wäre Verschwendung.

Siehst du die Einfachheit? Siehst du, wie simpel das Tao ist? Ich habe viele Jahre meines Lebens damit zugebracht, danach zu forschen. Die Wahrheit ist: Es ist kein intellektueller Prozess.

Wir werden im Laufe der nächsten Monate immer wieder auch über solche Themen sprechen, was – wie gesagt – paradox ist, aber was bleibt uns anderes übrig? Darüber zu schweigen?

„(…) so complicated, so time-word and time-based.”

Das gefällt mir besonders gut. Und dieses Denken diktiert die Aktivitäten unsere Herzens und DORT beginnt der Ärger! Hah! Genauso ist es. Wahnsinn.

Weißt du, was ich schön fände? Wenn du dir ein paar Minuten Zeit nimmst, dein Gedächtnis nach ein, zwei Erinnerungen zu durchforsten, die WIRKLICH wertvoll für dich sind. Nur für dich. Du kannst es in der U-Bahn tun, vor dem Schlafengehen, beim Whiskytrinken an der Theke, vollkommen egal.

Wenn du Harry Potter kennst, dann ist dir der „Patronus-Zauber“ sicher ein Begriff. So ähnlich kann man die Sache herangehen. Eine Erinnerung, die so mächtig ist und so schön in ihrer Einfachheit und Wahrhaftigkeit, dass du jeden bösen Geist damit in die Flucht schlagen kannst.

Wow. Ich für mein Teil empfinde gerade Wogen der Inspiration!

Lass uns etwas Gutes schaffen heute! Lass uns unsere Arbeit mit Elan und Durchschlagkraft ausführen und die Message auf den Punkt bringen!

Die Welt braucht dich.

Ich brauche dich.

Möge die Macht mit dir sein, meine Schwester/mein Bruder!

Ausgeh-Tipp: In den Wald

Gourmet-Tipp: Licht und Liebe (Und Kürbissuppe)

Buch-Tipp: Krishnamurti „Meditationen“

(Jannis Raptis, „Ansichten eines Troubadours“ Blog 2016, www.jannisraptis.com)

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