Ansichten eines Troubadours, Woche 2: “Das Entschuldete Manöver”, Tag 5.

Über die Wirkung von Feenstaub:

Feenstaub (ugs. auch Nereiden-Hauch oder Najaden-Kuss) ist ein seltenes Rauschmittel, das aus den Flügeln ausgewachsener Feenwesen gewonnen wird und hoch halluzinogen und/oder euphorisch wirkt. Kleinere Mengen können libidofördernd sein, während Mengen ab 50 mg zu 48 Stunden andauernder Glückseligkeit und bis zu 14-tägigen Kreativitätsschüben führen können. Die Einnahme in Kombination mit positiver Grundstimmung kann zu wahrem Glück, Ichauflösung und bedingungslosem Lieben führen. Entsprechend den Bestimmungen des Einheitsabkommens über die Betäubungsmittel 1961, das von fast allen Staaten der Welt ratifiziert wurde, sind die Erzeugung, der Besitz und der Handel von Feenstaub nahezu weltweit verboten. In einigen Ländern ist auch der Konsum illegal.

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Einen wunderschönen, sonnigen Movember-Tag!

Die Medien zucken aus, der Schwarze Turm wird belagert, mein Umfeld geht sich gegenseitig an die Gurgel und ich sitze in meinem Kämmerchen, umringt von Hochhäusern, und schreibe im schaurigen Licht einer nahezu abgebrannten Kerze neue Lieder.

Das Leben geht weiter. Vergiss das nicht.

Fakt zum Tag: Heute hätte Fjodor Dostojewski seinen 195. Geburtstag gefeiert! Happy Birthday!

Nachdem die letzten Posts eher ernsterer Natur waren und meine Leserschaft, wie mir die Statistik der Webseite verrät, eher auf amüsante Beiträge steht, gönn ich uns heute wieder ein wenig Unterhaltung.

Die Nacht von Donnerstag auf Freitag… Wir beide wissen, was das bedeutet.

Ich schlendere durch die verregneten Straßen der Metropole, pfeife eine mittelalterliche Melodie vor mich hin und versuche IRGENDWIE an die Realität anzuknüpfen. Denn ich arbeite derzeit täglich stundenlang an meiner Musik und weiß bald nicht mehr, wo vorne und hinten ist.

Und weißt du, was der Witz an der Sache ist?

Ich habe es noch immer nicht zustande gebracht, Wattestäbchen zu kaufen.

Tja. Pech gehabt, Raptis! *Watschen*

Hach, bitte um Läuterung!

Ich verbringe den Abend wieder einmal im tiefsten Harlem. Schon seltsam, dass ich mich unter den Afroamerikanern am wohlsten fühle. Vielleicht war ich in einem anderen Leben auch ein Schwarzer? Wer weiß.

Tränen der Liebe treten in meine Augen, als der Jazz mich durchdringt und langsam die Wirkung eintritt. Die Jungs und Mädels sind voller Energie und Wildheit. Ihre Haarprachten, ihr Rhythmusgefühl, ihre ebenmäßigen Gesichter verzaubern mich. Schweiß glänzt auf den stählernen Oberarmen der groß gewachsenen Schönlinge. Die Damen jedoch duften nach Magie und Freiheit und ihre Anmut ist grenzenlos.

Jeder ist nett zu mir. Die Musik verbindet uns, erinnert uns daran, dass wir Brüder und Schwestern sind, ganz gleich, wo wir herkommen, wer in diesem Land regiert und wo wir aufgewachsen sind.

Das – das! – ist es, wonach ich mich sehne. Und hier, im tiefsten Harlem, finde ich es. Der Jazz durchlöchert mich, ich vergesse bald meinen Namen. Ich vergesse, wo ich herkomme, ich vergesse, wo ich hingehe. Ich BIN einfach. Hier, jetzt. Es gibt nur mehr den Moment und das unauslöschliche Gefühl der Liebe, das mich mit meinen schwarzen Brüdern und Schwestern vereint. Zeit und Raum haben keine Bedeutung mehr, einzig das goldene Band, das uns alle miteinander verbindet, pulsiert friedlich dahin. Denn dieses Band, das Netz des Seins, ist mein einziger Anhaltspunkt.

Der Rhythmus der Trommeln trägt mich sanft mit sich, die Melodien des Saxophons reinigen mich von innen. Ich lächle wie ein Idiot, mein Kiefer verkrampft sich, so breit grinse ich.

Ein Käfer lugt schüchtern hinter der dorischen Säule hervor und als ich ihn ertappe, verwandelt er sich in einen Regenbogen aus Lakritze. Zweiunddreißig Eichelhäher plädieren vor sich hin. Anfangs schüttle ich resigniert den Kopf, dann lache ich und schenke ihnen mein Monokel. Die Baumriesen ächzen unter dem Gewicht ihrer eigenen Kronen, irgendwo ertönt das Pfeifen des losgelösten Alleinunterhalters. Ein abgehalfterter Kaiserlicher stellt die Frage in den Raum, ob nicht vielleicht die Piraterie der richtige Kurs sei. Das Gemälde antwortet mit unhaltbarem Lachen, bevor Kronleuchter und Senator einander näherkommen. Darauf habe ich schon lange gewartet! Auch, als der Finne anfängt, meine Anwesenheit zu bemängeln, höre ich nicht auf zu grinsen. Soll er nur! Ich geb einen feuchten Kehricht auf die Anwesenheitspflicht. Ich bestehe nur mehr aus Sternenstaub und Geifer. Ich kann fliegen. Möchtest du mit mir fliegen?

Warme Hände berühren mich. Der süßliche Geruch weiblichen Schweißes steigt mir in die Nase. Ich empfinde einen Anflug von Erregung. Triolenfeeling und Walking Bass erschüttern mein Immunsystem. Es fühlt sich verdammt gut an!

Ich zwirble meinen Schnurrbart, brumme ein schüchternes „Mhm!“ vor mich hin und reiche der Gazelle die Hand, bevor ich mich in ihrem Duft verliere. „Gib mir eine Prophezeiung“, flüstere ich ihr ins Ohr. „Gib mir eine Prophezeiung.“ Dabei streichle ich zärtlich ihren Handrücken.

Als ihre Flüsterstimme sich in einen vierstimmigen Akkord verwandelt und mir den Orakelspruch gibt, um den ich gebeten habe, lösen sich auch all meine Zweifel in Luft auf.

Kennt die Gazelle die Zukunft? Improvisiert sie? Spekuliert sie?

Kurz bevor meine Legislaturperiode abläuft, muss ich allerdings noch meinen Steuerberater kontaktieren. Aber im Moment ist das vollkommen wurscht. Denn ich bin Eins. Ich bin Zwei. Ich bin leicht. Und etwas frei.

Ich nicke wissend, als der Bass sein Eigenleben entwickelt und, angetrieben von den Fangarmen des Kubismus, seine Emanzipation feiert. Warum eigentlich nicht? Ganz ehrlich, warum nicht? Lass ihn doch. Er hat es verdient, glücklich zu sein.

Ich wiederhole die Prophezeiung, die mir gegeben wurde, stumm in meinem Kopf. Dabei spüre ich, dass die Gazelle mich vom anderen Ende der Halle anblickt. Ihre silbernen Augen leuchten. Sie weiß alles. Sie hört meine innere Stimme. Sie fühlt meine Erregung, meinen Freiheitstrieb, meine Zügellosigkeit und meine Liebe. Sie mag heute meine Schwester sein, aber wer war sie gestern?

Ein Strudel aus Feenstaub umfängt mich. Ein paar der Staubkörner gelangen in meinen Kragen und verursachen Juckreiz. Mein Schnurrbart vibriert und trachtet nach seinem Eigenleben, ich zügle ihn jedoch, bevor er auf dumme Gedanken kommt.

Woher stammt das Gazellentum? Wer beherbergt mein Geheimnis? War die Savanne da, bevor das Pandämonium entriegelt wurde?

Ich fühle, wie die Wärme mich benommen macht. Meine Brüder und Schwestern lieben mich, beweisen mir stumm, dass ich einer von ihnen bin. Ich inhaliere ihren wilden Duft, versinke in ihren starken Armen, verschmelze mit ihren Seelen und wir sind wieder eins, genauso wie damals. Genauso wie morgen.

Ein letztes Zucken geht durch meinen Körper. Dann niese ich und ein Schwall unhaltbaren Feenstaubes rinnt dabei aus meiner Nase. Es vergehen Minuten, Wochen, Lichtjahre. Die Harmonie der Sphären schwingt jedoch in einem angenehmen C-Dur weiter. Meine Nase rinnt unaufhörlich dahin. Feenstaub für alle!

Genüsslich räkelt sich die Gazelle mit ihren Schwestern im bunten Fluss aus Feenstaub. Sonnenlicht und Regenbogenfarben bedecken sie, lassen sie erstrahlen in neuem Glanz. So anmutig ist sie! So vollkommen, überlegen und rein. Sie blickt mich an, ihr silbernes Auge glänzt, ihre Hörner schimmern im Feenstaub.

Wie Mutter und Kind sehen wir einander an. Dann folgen wir dem bunten Pfad, der nach wie vor aus meiner Nase rinnt, nicht wissend, wohin er uns führen wird. Nicht wissend, wo er enden wird.

Wir folgen dem Pfad.

 

 

(Jannis Raptis, „Ansichten eines Troubadours“ Blog 2016, www.jannisraptis.com)

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