Ansichten eines Troubadours, Woche 7: „Die Weihnachtsbäckerei“, Tag 1.

Guten Morgen, guten Morgen!

Mann, es ist 8:30! So früh hat mein Wecker seit vielen Monaten nicht mehr geläutet.

Kammerdiener Johann! Entstauben Sie meine Halskrause!

So, ich gebe dir jetzt eine Zeitlupenaufnahme meines Aufstandes beziehungsweise meines Aufstehens.

Ich gähne und schalte den Wecker aus. Da ich ihn am Vorabend strategisch klug positioniert habe, muss ich nun aufstehen, um ihn zu erreichen.

Jetzt bin ich auf den Beinen. Wacklig, aber doch. Irgendwo kräht ein Hahn. Nein, es ist doch nur die Hupe eines Müllwagens.

Ächzend schleppe ich mich ins Badezimmer und putze meine Zähne. Dabei pfeife ich leise La Paloma. Ich spucke die Zahnpasta aus, wasche mein Gesicht und befreie mich aus meinem Pyjama, bevor ich unter die Dusche springe. Wobei mit „springen“ eher torkeln und sich dabei den kleinen Zeh anhauen, gemeint ist.

Ich stelle das Wasser auf eine angenehme Temperatur (Jannis Raptis ist ein Warmduscher) und beginne mit dem Aufwachritual. Ich könnte jetzt locker noch sechs, sieben Stunden schlafen.

Aber ich muss nach Oberpullendorf.

Jannis Raptis und seine Abenteuer.

Ich dusche länger als sonst, denn das warme Wasser zu verlassen, bedeutet, sich dem Tag zu stellen. Ein Unterfangen, das ich schon immer gefürchtet habe.

Aber es gibt kein Entkommen.

Ich werde leiden.

Langsam steige ich aus der Dusche, packe mein Handtuch und trockne mich gründlich ab. Ich käme meine einstige Haarpracht, die nun nur mehr ein jammervolles Bild abgibt, nach hinten und schmiere mein Gesicht mit Olay Tagescréme ein.

Trostlos schlurfe ich zurück in mein Zimmer und ziehe mich an. Dabei lasse ich den Computer Weiße Rosen aus Athen abspielen. Ja, da wär ich jetzt gern. In einem Athen, in dem die weißen Rosen noch nicht auf der Todesliste der Wirtschaftskrise stehen.

Angezogen und mit dem Blick eines entgräteten Barsches begebe ich mich in die Küche und koche Kaffee. Okay, ich koche keinen Kaffee, aber es klingt magisch, wenn man es schreibt. In Wahrheit fülle ich den Wasserkocher und drücke nur einen Knopf.

Dann bereite ich, leise vor mich hin fluchend, mein Frühstück vor: Zwei Scheiben Marmeladenbrot und eine halbe Mandarine.

Anstatt mich in Achtsamkeit zu üben und mein Mahl zu genießen, tippe ich dabei auf dem Handy rum und checke die wenigen Business-Mails und die frühmorgendliche Post meines privaten Accounts. Es gab Zeiten, da waren beide Ordner noch deutlich voller.

Ich vermisse diese Zeiten nicht.

Der Tag beginnt. Meine Kiefer mahlen. Mein Hirn beginnt, langsam aufzuwachen. Ich bin bereit für Geifer, schnelles Geld und den Weltfrieden.

Mindestens eines davon sollte heute passieren.

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Wie sieht’s bei dir aus? Bist du in Bereitschaft? Möchtest du mir einen kleinen Einblick in deinen Tagesbeginn schenken? Es würde mich wirklich interessieren, ob alle Menschen morgens so leiden.

Die Schulzeit war für mich zu Beispiel eine Höllenqual. Es gibt nichts Schlimmeres, als früh aufzustehen.

So!

I said it, I meant it, I’m here to represent it.

Und jetzt los, los, los, los! Keine Zeit zu verlieren! Fokus! Arbeit! Leistung! Profit!

The West is the Best, spricht die tiefe Stimme der dollarbehafteten Götzenstatue in meinem Kopf.

The West is the Best.

 

(Jannis Raptis, „Ansichten eines Troubadours“ Blog 2016, www.jannisraptis.com)

 

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