Ansichten eines Troubadours, Woche 10: „Neues Jahr, neues Glück“, Tag 3.

Hoppla! Der Mittwoch hat mir wiedermal ein Bein gestellt. Irgendetwas an diesem Wochentag ist ganz und gar obskur. Könnte es sein, dass wir schon so tief im Rock’n’Roll sind, dass es sich bei Mittwoch um den neuen Freitag handelt?

Ich weiß es nicht, Jim. Ich weiß es nicht.

Anyway: Hier kommt der Mittwoch-Post.

Ein eisig kalter Nordostwind wehte, als ich durch die Wiener Innenstadt hinkte und auf der Suche nach Trost vor einem schicken Lokal Halt machte. Drinnen wartete mein Freund und Kollege Dan, der mindestens genauso sehr wie ich unter diesem lebensfeindlichen Wetter litt. Unsere Lippen waren gerötet, unsere Nasen ebenfalls. Unsere Augen tränten. Wir hatten beide das Trostlos gezogen.

Also beschlossen wir, etwas dagegen zu unternehmen.

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Der Trunk reinigte uns von Innen und wir vergaßen für wenige Minuten die Kälte und die Geister der Vergangenheit, die sich heute wieder einen Spaß daraus machten, uns zu verfolgen. Furchtbare Gespenster waren dies. Ihr teuflisches Grinsen verursachte mir Gänsehaut und bei dem dämonischen Leuchten ihrer Augen hätte ich panisch aufschreien können.

Wieder einmal stellte sich mir die Frage: Woher schöpft die Vergangenheit ihre zerstörerische Kraft?

Oder noch schlimmer:

Was ist die Vergangenheit?

Was ist Zeit?

Kann ein gebrochener Mann jemals wieder glücklich werden?

Ist ein Mann überhaupt ein Mann, bevor sich ihm sein Schicksal offenbart hat?

Woher stammt die Dunkelheit? War sie da, bevor das Licht kam? Ist die endlose Dunkelheit des Alls mächtiger als das Licht der Sonnen? Ist unser Licht längst erloschen, so, wie das Licht all dieser Sterne, die das Himmelszelt bespicken und uns vorlügen, real zu sein?

Ich benötigte nur einen Tequila-Shot, um mit dem Brustton der Überzeugung zu verkünden:

„Wir sind real. Das Licht ist unauslöschlich. Jeder Mensch besitzt die Fähigkeit glücklich zu werden.

Und ich bin es bereits.“

#90s #boygroup 🎤✨🎧 #bff #musicianslife

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Gut gelaunt und mit der Gewissheit, dass das Tao eh alles richten würde, zog ich mit meinem Kollegen durch die Stadt. Wir machten Halt bei einer guten Freundin von uns, die ein paar Leute eingeladen hatte, sangen Lieder, aßen ein wenig und probierten einen köstlichen Whisky, den sie uns anbot.

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Ich unterhielt mich mit einer Frau über das Bloggen und wir waren uns einig, dass Blogger, die hauptberuflich Blogger sind, mal arbeiten gehen sollten. Zusätzlich zu einem Beruf jedoch zu bloggen, erachteten wir als vertretbar.

Ich mochte ihre Ansicht zu dem Thema und noch mehr mochte ich ihren undefinierbaren, jedoch äußerst betörenden Blick. Sollte sie diesen Blogpost jetzt lesen, grüße ich sie sehr herzlich und wünsche ihr viel Spaß im Theater morgen!

Ja. Ich bin ein sehr aufmerksamer Zuhörer.

Ich vergesse nur Namen, Geburtstage und wo jemand arbeitet. Aber sonst hab ich das Gedächtnis eines leicht angeheiterten Elefanten.

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Auf dem Weg nach Hause machten Dan, ich und eine gute Freundin von uns noch im Schwedenplatz-McDonalds Halt. Anstatt mir ein Beispiel an meinen asketischen Freunden zu nehmen, bestellte ich den größte Burger – Big Rösti! – und fraß mich halb ins Nirwana.

Ein außerordentlich zähes Biest, knochentrocken, schwer wie Blei, aber unfassbar lecker. Die Sünde ist das Schönste auf der Welt und da halte ich meine Hand ins Feuer.

Ich hatte eine Begegnung der dritten Art, als ein Psychopath sich an unseren Tisch stellte und uns auf unfassbar gruselige Art und Weise anstarrte und seltsames Zeug vor sich hin murmelte. Ich muss gestehen, dass mein Magen einen Sprung machte und ich wusste, was das bedeutete: Gefahr.

Selten hat mich mein Magen so direkt gewarnt.

Als der Fremde irgendwann begann etwas über Allah zu murmeln, schlangen wir unseren letzten Bissen herunter und verließen den Mäci. Ich hatte große Angst und hätte mich nicht gewundert, wenn der Kerl uns plötzlich ne Knarre an den Schädel gehalten hätte.

Mein Bauch hatte mich überdeutlich gewarnt.

Vor der Wohnungstüre trafen wir auf einen älteren Herrn, der schwer alkoholisiert durch das Bermudadreieck torkelte und uns nach Feuer fragte. Ich weiß nicht warum, aber irgendwie mochte ich ihn. Er war höflich, sturzbetrunken zwar, aber irgendwie integer. Während er mit Feuerzeug und Zigarette kämpfte, erklärte er uns, dass wir jungen Leut die Zukunft wären. Wir lauschten ihm gespannt, fast so, als würden wir einem Zauberer lauschen. Obwohl er keine Ahnung hatte, was wir soeben erlebt hatten, sagte er mit einer Selbstverständlichkeit, dass mir warm ums Herz wurde:

„Und es ist vollkommen wurscht, ob wer schwoarz oder weiß, ob er Muslim oder Christ ist, es gibt nur ZWEI Gattungen Menschen. Und das sind: Gute und Arschlöcher. Nur die Zwei gibt’s.“

Ich konnte nicht fassen, dass er das wortwörtlich so sagte, wie ich es vor zwei Wochen in meinem Blog geschrieben hatte. Es war so eine Befreiung! Und ich fühlte den Diamanten meiner Liebe wieder pulsieren.

Wie recht er doch hatte! Und wie wichtig es in dem Moment für mich war, mich wieder daran zu erinnern. Wie wichtig es für die Welt ist, sich daran zu erinnern.

Wir leben in einer Welt, die voll ist mit bösen Menschen.

Das Christentum, der Islam oder das Zehnäugige Spaghettimonster sind nicht das Problem.

Seite an Seite mit meiner Bänderzerrung und meinem Kollegen begab ich mich schließlich nach Hause, wo ich zu den Klavierkonzerten von Wolfgang Amadeus Mozart ein letztes Gläschen trank.

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Ich träumte die Nacht einen drehbuchreifen Traum, den niederzuschreiben mich jetzt vermutlich zu viel kosten würde. Aber er war verdammt intensiv. Ich träumte vom Tod und von den letzten Stunden, die mir blieben, sowie von den Gefühlen 1. Am Leben zu hängen und 2. Bereit für den Tod zu sein.

Es war wirklich heftig.

Ich wachte manisch um 6:00 in der Früh auf. Der Psycho vom Mäci kam mir in den Sinn und ich fürchtete mich. Glücklicherweise war auch Dan schon auf den Beinen, der ebenfalls aus entsetzlichen Träumen hochgeschreckt war und sich nun nach Basketballspielen fühlte.

Wie zwei Urmenschen setzten wir uns aufs Sofa, wobei wir uns in Decken hüllten und Mandarinen aßen. Stumm brütend, warteten wir auf den Sonnenaufgang.

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(Jannis Raptis, „Ansichten eines Troubadours“ Blog 2017, www.jannisraptis.com)

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