Ansichten eines Troubadours, Woche 10: „Neues Jahr, neues Glück“, Tag 4.

Gott, es ist so unfassbar kalt draußen! Meine Güte, da friert einem ja das letzte Bisschen Selbstachtung ab.

Brr! Koit is.

Na, wie geht’s denn so? Wie war dein Donnerstag? Was hast du unternommen? Was hat dich heute erheitert, was verärgert? Wie ist dein Realitätsquotient? Bist du gerade feiern? Immerhin ist Donnerstag ja der hippere Freitag.

Oder so.

Ich bin heute brav Zuhause mit meinem Teechen und Mozarts Klavierkonzerten. Draußen wehen eisige Winde und es sind grausame Stimmen in der Luft. Keine zehn Elche bringen mich heute irgendwohin.

Erzähl mir von dir. Wie gehst du mit diesem lebensfeindlichen Klima um? Gehörst du zu der Sorte Menschen, die das leiwand findet und Schlitten fahren geht oder eher zur Sorte, die es unter keinen Umständen packt?

Und sag mal, bist du derzeit auch so schläfrig? Ich kämpfe ständig dagegen an, einzunicken. Meine Güte, wieso muss das Leben so anstrengend sein?

Jammerte er und nippte an seinem Tee. Hach ja.

Worüber wollen wir heute bloggen?

Wo waren wir stehengeblieben? Ahja. Dany und Jeffrey sitzen mit ihren Decken und Mandarinen auf der Couch und warten auf den Sonnenaufgang und darauf, dass die nächtliche Manie vorbei geht.

Sie unterhalten sich über ein Thema, das immer wieder in diesem Blog angerissen wurde. Über die Austauschbarkeit der Leute und die Abscheulichkeit der (a)sozialen Medien.

Ich mein, ganz ehrlich. Wir alle kennen das: Wir wollen auf eine Party und fragen fünfzehn Leute gleichzeitig auf Whatsapp, „wo denn heut was Cooles steigt“. Mit wem wir ausgehen, ist im Endeffekt wurscht.

Oder noch schlimmer: Wir wollen die Nacht nicht alleine verbringen und fragen zehn Leute gleichzeitig, ob sie verfügbar sind, bevor wir mit dem Nächstbesten oder dem Meistbietenden ein halbherziges Date ausmachen und uns zuletzt gegenseitig ausnutzen, um nicht alleine schlafen zu müssen.

Darüber kann ich ein Lied mit vielen Strophen singen und ich bin froh, dass diese Zeiten für mich vorbei sind.

Diese Farce ist die Königsklasse der Unachtsamkeit!

Ich hab das Gefühl, dass jeder mittlerweile so denkt. Alles muss schnell sein, alles muss gleichzeitig passieren, alles ist profit- und erfolgsorientiert.

Wo bleibt da die Achtsamkeit? Wo bleibt der spirituelle Gehalt? Die Wahrhaftigkeit? Die Ehrlichkeit? Die Einzigartigkeit?

Wir versinken in einem Meer der Belanglosigkeit und merken es nicht einmal. Oder, wie mein Freund es heute Morgen so schön genannt hat: Die Menschheit schafft sich ab.

Zugegeben, das klingt schon sehr dramatisch. Aber ich bin bald am Ende mit meinem Latein. Ich erinnere mich an eine Zeit, als ich täglich mindestens zweihundert SMS schrieb, die nur aus ein, zwei Wörtern bestanden. Als Freund der deutschen Sprache hasste ich mich dafür.

Und wozu?

Ich versuchte krampfhaft Kontakte aufrechtzuerhalten mit Lächerlichkeiten wie Schnellnachrichten, die aus sinnlosem Blabla bestanden, und in Wahrheit hatte ich einen Großteil dieser Bekanntschaften jahrelang nicht mehr in „real“ gesehen.

Ich mein, what the fuck!

Wieso sparen wir uns diese erbärmliche Farce nicht und entscheiden uns: Ja oder Nein?

Freunde oder Fremde?

Ich kenne die Antwort nicht. Ich bin jedoch froh, seit über drei Monaten kein Facebook-Privatprofil mehr zu besitzen. Wenn ich jemanden wirklich vermisse, rufe ich ihn an und frage ihn, wie es ihm geht oder verabrede mich mit ihm.

So einfach ist die Welt.

Am allerschlimmsten jedoch finde ich Absurditäten wie Tinder oder Badoo oder Bumble oder Lovoo oder Leck-mich-doch-am-Arsch wie die ganzen Drecksvereine heißen.

Ich mein, komm schon. „Swipen“? Seriously? Links und rechts wischen und urteilen über eine irreale Person, die wir nicht kennen und niemals kennenlernen werden?

Mir kommt das Kotzen!

Verkommt der Jagdinstinkt des Mannes zu einer solch lachhaften Parodie für verweichlichte Konventionsanbeter und Leugner des urtümlichen Rollenbildes?

Wo bleibt das Spiel? Die Magie?

Wenn ich in die Bar gehe und eine Frau anspreche, muss ich sie riechen, ansehen, spüren, dem Klang ihrer Stimme lauschen. Ob wir uns küssen, schlagen, heiraten, hassen oder zweistimmig „La Paloma“ pfeifen, ist am Ende des Tages vollkommen wurscht.

Zumindest bin ich einem Menschen begegnet und keinem Zahlencode auf einem sprechenden Plastikknochen namens „Mobiltelefon“.

Hach, aber wozu rede ich hier überhaupt? Du und ich, wir sind vielleicht einer Meinung, aber das wird auch nichts an den Trends unseres Zeitalters ändern.

Ich sage aber: Kleinigkeiten wie Tinder sind der Beginn einer immer unachtsamer werdenden Gesellschaft, die in Belanglosigkeit erstickt.

Die Leute sind beziehungs- ge- ver- und zerstört. Da geht nichts mehr weiter.

Mehr Romantik braucht die Welt. Mehr Wahrhaftigkeit. Mehr Gehalt. Mehr Inhalt. Mehr Liebe.

Ich möchte nicht ständig auf mein Handy starren. Lieber blicke ich aus dem Fenster.

Die Leute haben aufgehört, aus dem Fenster zu blicken.

Ja, das denke ich.

 

(Jannis Raptis, „Ansichten eines Troubadours“ Blog 2017, www.jannisraptis.com)

 

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