Ansichten eines Troubadours, Woche 12: „Freunde, Feinde und ein Scheffel Salz“, Tag 4.

Die Geiferkiste wurde geöffnet!

Ich telefonierte heute Morgen drei Stunden lang mit meinem Freund und Kollegen Jan. Wir sprachen über Jesus, über die Ernährungspyramide der antiken Hochkulturen, das frühe Christentum, die apokryphen Evangelien und über die Absurdität, die Bibel in ihrer heutigen Form als bare Münze zu nehmen, wenn man doch weiß, dass das alles nur eine kanonisierte Fassung politisch engagierter Kirchenväter ist.

Auch sprachen wir über die Gnostiker, die vatikanischen Konzile, Kaiser Konstantin und die außerordentlich widersprüchliche Theorie von der „Heiligen“ Dreifaltigkeit und darüber, dass wir im Herzen große Jesus-Fans sind.

Schau, das war ich mit frischen 18 Jahren! Meine Freunde nannten mich „den Propheten“.

 

Doch sehr bald arteten unsere Gespräche aus und nach einem kurzen Exkurs in Themen wie „Fernbeziehung“ oder „Selbstkontrolle“ fielen wir in das Schwarze Loch, das ich bereits am Dienstagabend geöffnet hatte.

Raum, Zeit und Begriffe wie „Nichts“ und „Sein“ packten ihre rasierklingenversehenen Peitschen aus und rissen uns die Haut von den Knochen.

Ich entschloss mich, nicht aufzugeben. Ich bin nun schon so tief im Geifer, mein Bart wurde von so vielen Dämonchen angespien, dass es sich nicht lohnt, umzukehren.

Hermann Hesse nennt solche Leute „Die Selbstmörder“. Und genau so einer bin ich. Ich möchte den Schierlingsbecher bis zur Neige trinken und sehen, wie weit ich komme. Ich kann jederzeit abspringen. Jederzeit aufhören.

Aber zunächst heißt es: Graben.

Tiefer und tiefer sollst du graben, hinein in die Dunkelheit sollst du blicken. Dazu fällt mir ein Zitat von Gandalf ein:

„Die Zwerge gruben zu gierig und zu tief.“

Und noch eines von Nietzsche:

„Blickst du zu lange auf einen Abgrund, blickt der Abgrund irgendwann auf dich.“

TAM TAM TAM! *düster-dreinblickend-mit-gewaltigem-Schnauzbart*

Heftige Scheiße, ja. Aber ganz ehrlich: Könntest du in der Seifenblase weiterchillen?

Ich kann’s nicht.

Ich gebe freiwillig meinen gesunden Menschenverstand und mein Dasein als glückliches Wesen auf, um der Wahrheit näher zu kommen.

Sich ständig zu betrinken, um zu vergessen, ständig die Beinchen hübscher Partylöwinnen zu betrachten, stellt nur eine temporäre Lösung dar.

Gott, gib mir eine Antwort!

Was ist der Sinn dieses Treibens?

Muss ich denn sterben, um zu leben, wie Falco so schön sagt.

Freunde, Feinde und Ganoven! Fünfzigtausend Schilling für einen Stegosaurus! Ein Königreich für ein Guanako! Die Bruderschaft der Zirbeldrüse! Das manövrierte Entschulden!

Ähm, Sir, Sie reden wirr…

Ich landete gestern Abend nach längerer Party-Pause in einem überfüllten Latin Club, wo ich mehrmals dem Erbrechen nahe war. Mein Freund machte sich einen Spaß daraus, mich in Barney Stinsons Tradition fremden Frauen vorzustellen („Kennen Sie Jeff?“), was mir jedoch keinerlei Freude bereitete.

Ich packte die Oberflächlichkeit nicht, packte die Kindermenschen, wie Hermann Hesse sie so schön nennt, nicht, die sich selbstvergessen ihren niederen Trieben hingaben und glücklich waren.

Ich beneidete sie.

Ich wurde gelb vor Neid.

Nach mehreren Schimpftiraden über Gott und die Welt und einer dezenten Randale zum Abschluss kehrte ich einsam und volltrunken nach Hause zurück und weinte mich in meinen Revoluzzer-Schlaf.

Kennst du diese Phasen, lieber Leser/teure Leserin?

Diese Tage oder Wochen, in denen du wieder einmal alles hinterfragt hast und keinen Ausweg mehr siehst?

Du wirst zum Steppenwolf, geisterst umher, bist weder lebendig noch tot, weder Teil dieser Welt noch Teil einer anderen, einsam und doch in Gesellschaft aller Dämonen dieser Welt, gott- und teufellos, durstig und übersättigt zugleich…

Und nur eine Antwort von Oben kann dich noch retten.

Oder?

*Sieben-Sekunden-Gedankenpause*

Ich schrieb vorher den Satz: „Ich gebe freiwillig meinen gesunden Menschenverstand und mein Dasein als glückliches Wesen auf, um der Wahrheit näher zu kommen.“

Ich denke ehrlichgesagt, das ist eine sehr beschränkte und trostlose, klischeegenährte Sicht auf die Dinge.

Und so will ich nicht sein. Ich schätze, du auch nicht.

Wäre es möglich, dass es gar keine „größere“ Wahrheit gibt und wir lediglich einem größenwahnsinnigen Trieb folgen, indem wir Göttern, Raum, Zeit und Begriffen, von denen wir nicht viel verstehen, zu viel Bedeutung beimessen?

Beziehungsweise: FALLS es diese Wahrheit gibt, müssten wir dann nicht von Natur aus so konzipiert sein, dass wir fähig sind, sie zu erfassen?

Könnte es sein, dass die Wahrheit direkt vor unserer Nase ist? Dass wir in unserer grenzenlosen Vermessenheit einfach den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr erkennen?

Wäre es möglich, dass die „Wahrheit“ sich überall versteckt und wir sie einfach nur zulassen müssen?

Könnten der morgendliche Wimpernaufschlag meiner Frau, der Klang meiner Gitarre und das grandiose Pfeffersteak, das ich gestern aß, die einzige Wahrheit sein, die ich benötige, um Glückseligkeit zu verspüren?

Sollten wir „einfach nur“ akzeptieren und loslassen?

Was sagst du dazu?

Inspiriert dich das oder macht es dich fertig?

Ich für mein Teil kann mich gerade nicht entscheiden.

Außerdem habe ich furchtbare Kopfschmerzen! *lacht*

Auf die Kindermenschen!

Ihnen gehört die Welt.

 

(Jannis Raptis, „Ansichten eines Troubadours“ Blog 2017, www.jannisraptis.com)

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s