Ansichten eines Troubadours, Woche 13: „Die Frau des Intendanten“, Tag 5.

Grüß Gott, lieber Leser/liebe Leserin!

Na, wie war dein Freitagabend? Bist du bereit für das Wochenende? War diese Woche, rückblickend betrachtet, eine Bedeutende? Oder hat sich ein weiteres Siebentagekonstrukt widerwillig der Vergangenheit ergeben, ohne auch nur den Hauch einer Veränderung zurückgelassen zu haben?

Was würde die Frau des Intendanten dazu sagen?

*Mysteriöses Schweigen*

Ich für mein Teil spielte gestern Abend einen meiner derzeit raren Gigs. Undzwar landete ich diesmal in der Hofburg auf dem Boku-Ball. Vor einem Jahr spielte ich noch auf dem IAEA-Ball und hustete Blut, als die Frau meiner damaligen Träume mich mit ihren lebensgefährlichen Äuglein anblickte.

Gottseidank sind diese Zeiten jedoch vorbei und so begab ich mich voller Elan in die Marmorhallen, um mich nach unserer unschönen ersten Begegnung mit ihnen zu versöhnen. Ich freute mich des Lebens, war nett zu allen meinen Mitmenschen, lächelte viel und verschmolz mit meinem inneren Troubadour.

Ich war Jannis Raptis in seiner Höchstform. Jannis Raptis, wie ich es gern jeden Tag wär.

 

Es war ein außerordentlich zufriedenstellendes Gefühl, meine eigenen Lieder vorzutragen und dabei zu beobachten, wie die Leute reagierten. Ich kleidete mich in die Hülle eines Entertainers, laberte voller Überzeugung von Drachen und holden Maiden und schrie regelmäßig ins Mikro: „That was exactly what I had been looking for!“ , da ich es liebe, den Plusquamperfekt auf Englisch überzustrapazieren.

Gute Neuigkeiten: Die Leute tanzten und sangen jeden Refrain mit.

Ich denke, das bevorstehende Album wird gut ankommen. Und selbst, wenn nicht: Ich liebe diese Platte und das ist das Allerdwichtigste! *lacht*

Während ich also meinen eigenen Troubadour-Traum lebte, geschah es, dass ich eine Frau im Publikum erblickte, die mich in ihrer grenzenlosen Süße und Anmut regelrecht verzauberte. Intensiver denn je spürte ich die Präsenz meines inneren Minnesängers, als ich in ihren ebenmäßigen Zügen versank und das tat, was Minnesänger eben tun: Eine Dame besingen!

Ich denke, sie spürte das und die Verbindung, die zwischen uns entstand, ähnelte einer jungen Knospe, die mit jedem Refrain mehr und mehr zur Blüte wurde.

In diesem Augenblick gab es keine gesellschaftlichen Normen, keine Hintergrundgeschichten, keine realen Probleme und keine Gründe, es nicht zu tun. Die fremde Schöne und der Troubadour fanden sich auf der Brücke, die die Musik nur für sie beide schuf, und wenngleich sie sich nicht kannten, so fanden ihre Herzen doch zueinander.

Und es war gut so.

Als ich sie im Laufe des Konzertes aus den Augen verlor, gab ich keinen Laut des Unmutes von mir. Mittlerweile weiß ich, dass es so etwas wie eine „perfekte“ Geschichte nicht gibt. Die Geschichte war perfekt, so wie sie stattgefunden hatte. Ohne viel Blabla, ohne viel Hokuspokus.

Sie war perfekt, weil sie echt war und weil sie sich für die Dauer einiger Lieder von den Fesseln unserer Dimension befreit hatte.

Das ist für mich Romantik. Das und nichts Anderes.

Ohne den zartbitteren Beigeschmack des Todes kann ein Moment nicht wahrhaftig schön sein, oder? Ohne die drohenden Wellen des Ozeans, der alles verschlingt, ohne die blitzgetränkten Stürme des Äolus verliert Vollkommenheit doch völlig an Wert, oder etwa nicht?

Und sie ist deswegen vollkommen, weil sie eben nicht vollkommen ist.

Macht das Sinn?

Oder rede ich wieder einmal wirr?

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Jedenfalls begab ich mich nach der Show an die Bar und erlaubte mir eine kleine Belohnung. Ich mischte Bier mit Weißwein und schaffte es endlich, mich ein klein wenig anzuheitern. Merke: Adrenalin vernichtet jeden Rausch! *lacht*

Als ich also dasaß und rekapitulierte, umringt von unaussprechlich schönen Gazellen und überaus gut gekleideten Recken, ereignete es sich, dass Traum und Wirklichkeit einander begegneten.

*7-sekündige Gedankenpause*

Und in der Brühe von Traum und Wirklichkeit, die ineinander übergingen, begegnete der Troubadour eben jener holden Maid, die er zuvor besungen. Und vom höchsten Gipfel des Parnassos klang die Askomandoura, als Satyren und Nymphen in Aufruhr gerieten. Äolus jedoch lächelte und brachte eine kühle Brise.

Ich fühlte, dass ich mich auf gefährliches Terrain wagte, wusste, dass ausnahmslos jeder Traum zerplatzen kann, wenn man nur fest genug daran rüttelt.

Doch ich konnte mir nicht helfen. Zu schön war die Junge! Oh, bei Zeus und den Blitzen, die die Zyklopen für ihn geschmiedet! Ihr weißer Hals war zart wie der eines Rehs, ihr Haar duftete nach Lavendel, ihr Mund ähnelte einer aufgebrochenen, süßen Frucht und ihre haselnussbraunen Äuglein hätten mühelos Kriege anzetteln können.

So tappte auch ich erneut in die Falle, in die wir Sterbliche so gerne tappen. Ich trachtete nach mehr. Ich machte den Traum wahr, wissend, dass die bleischweren Gewichte des „realen Lebens“ ihn mir früher oder später wieder nehmen würden.

Wir unterhielten uns wie zwei junge Elfen, die die Welt der Menschen bereist und einander gefunden hatten. Wir sprachen von gefallenen Königreichen, verlassenen Festungen, endlosen Wäldern und vom Sternenstaub. Dabei tranken wir ein Gebräu, das uns beide an ein Zeitalter erinnerte, dem wir entstammten und in welchem wir König und Königin gewesen wären und einander geliebt hätten, bis der Tod uns voneinander getrennt hätte: Met, den Honigwein des Nordens.

Und so, wie der Met in seiner endlosen Süße meine Kehle hinabrann, so sickerte auch die verführerische Süße der Blüte, die einst Knospe gewesen, in meinen Verstand.

Rechtzeitig, bevor Realität, Norm und Ehre Alarm schlagen konnten, verließ mich die Holde jedoch wieder, um zu ihren Freunden zurückzukehren. Ich blieb alleine zurück, trank noch zwei Gläser Wein und wurde von einer Sekunde auf die nächste sternhagelvoll.

Kann passieren.

Ich irrte durch die überlaufenen Hallen und Gänge, begegnete Tausenden und Abertausenden, suchte nach etwas, was ich niemals finden würde, lachte und fluchte gleichzeitig, sprach in Zungen, verlor den Verstand und betete zu Mozart.

Ich fühlte mich so Salieri wie lange nicht mehr.

Es war das Allegro con brio aus der 25. Symphonie in G-Moll, das in meinem Kopf hallte. Es hatte die Zeit überdauert! Stell dir nur vor, mein geliebter Ptolemäus! Mozart lebt! Und ich bin nur ein kleiner Cosinus in der Frequenz eines Tones des Allegro! Aber con brio fühle ich mich allemal!

Nymphen lächelten verspielt zwischen den Statuen der alten Athener, Satyre verfolgte sie mit erhobenen Gemächten und geiferndem Mundwerk. Irgendwo stolperte König Lykaon vor sich hin und verwandelte sich in einen blutrünstigen Wolf. Iocaste jedoch unterbrach das Streichquartett und schrie hysterisch ihren Schmerz gen Hallendecke.

Und ich, ein winziger Cosinus, folgte dem Pfad, den nur ich sehen konnte und den das Allegro con brio für mich bildete. Mit Tränen in den Augen und einem stummen Dank stolperte ich ins Taxi und verließ das rauschende Fest des Bacchus, auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, auf der Suche nach einer endlosen Weite, auf der Suche nach Ruhe.

Auf der Suche nach Mozart.

 

(Jannis Raptis, „Ansichten eines Troubadours“ Blog 2017, www.jannisraptis.com)

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