Ansichten eines Troubadours, Woche 13: „Die Frau des Intendanten“, Tag 6.

Ein herzliches Grüß Gott!

Na? Fühlst du dich heute magisch?

Ich schon! Bin total im Zen, das ist ein seltenes Gut!

War gestern in einem Club, wo aus mir unerklärlichen Gründen gratis Wein ausgeschenkt wurde. Faszinierend!

Solche Dinge sollte man jedoch prinzipiell nicht hinterfragen, sondern: es einfach tun. Wenn Gott einem Geschenke macht, dann hat man, verdammt nochmal, danke zu sagen und sie in ihre knackigen Popöchen zu kneifen!

Gratis Wein in Wien, das habe ich bislang noch nie erlebt.

Have a good Sunday everybody! Peace & Love #joy #humanbeing #togetherness

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Ich begrüßte also etliche Freunde und Bekannte und machte es mir am Tresen bequem. Der Laden war überfüllt und alle tanzten, als gäbe es kein Morgen. Aus meiner ehemaligen Zeit als Partylöwe, Frischfleischbeschauer und Gazellen-Fallensteller erinnerte ich mich noch daran, dass die Bar, strategisch gesehen, den besten Ort darstellte.

Selbst nun, da mir diese Dinge mehr als nur egal sind, fühlt sich die Bar jedoch in ihren Grundzügen bereits richtig an. Ich weiß nicht, was es ist, aber der Tresen an sich hat eine beruhigende Wirkung auf den Gast. Der Tresen ist für Einzelwölfe, allen voran Aliens, Glücksritter und Troubadoure, der einzige Anker. Wenn du mir folgen kannst. Der einzige Halt, die letzte Boje, die einen noch vor dem Ertrinken retten kann.

Der Tresen ist für Viele ein heiliger Ort.

Ich trank meine Weinbecher brav aus und grinste breit in die Kamera, so wie ein guter Entertainer es auch zu tun hat. Unablässig wurde ich angequatscht, (selbstverliebtes Geschwafel) lächelte, führte nette Unterhaltungen und blieb bei mir.

Ich wollte einfach nur Wein trinken und zärtlich zu mir und zu meinen Mitmenschen sein. Dies war mein einzig‘ Bestreben. Und es funktionierte! Ich nahm die Gemeinde wahr, nahm das kollektive Unterbewusstsein wahr, die goldenen Fäden, die uns alle verbanden und lediglich von Banalitäten wie Persönlichkeit und Ego getrübt wurden.

Aber ich konnte die Fäden trotzdem sehen. Und das war nur recht und billig so.

Dass am anderen Ende der Bar eben jene Frau vor sich hin tänzelte, die das Herz dieses Troubadours vor Jahren in tausend Teile zerfetzt hatte, änderte nichts an meinem Zen. Im Gegenteil, ich denke, ich fühlte intensiver denn je, wie weit ich bereits gekommen war in meinem Leben. Wie viel an Ballaststoffen ich bereits zurückgelassen hatte! Ich stand mit beiden Füßen im Leben, mein Kopf jedoch war in den Wolken.

Das war würdig und recht.

Dass ich diese Frau nicht begrüßte, dass sie nach zwei Stunden zu mir kam und mich fuchsteufelswild rüttelte, dass sie mich einen Egoisten schalt und dass ich kaum mehr als ein Knurren von mir gab, änderte nichts an der Schönheit meines hart erarbeiteten Zen-Zustandes.

Doch ich spürte, dass die Wogen der Trostlosigkeit sich am Horizont bereits ankündigten. Ich wusste nicht, ob ich heulen, brüllen, einen Tisch zerschmettern oder eine Kaktus essen sollte, deswegen beschloss ich, zu gehen.

Weißt du, lieber Leser, nichts ist schrecklicher, als eine Person, die man lieb hat, aus seinem Leben löschen zu müssen. Doch manchmal bleibt einem Menschen keine Wahl, nicht wahr?

Es gibt Dinge, die, so schön sie auch sein mögen, in Wahrheit Hindernisse darstellen. Das zu erkennen, bedeutet, weise geworden zu sein. Die Tat des Loslassens schlussendlich zu vollziehen, bedeutet, stärker geworden zu sein.

Denn Ziel ist es, so denke ich, nach all der Fragerei der letzten Wochen, spirituell zu wachsen.

Wir sind auf dieser Welt nur zu Gast. Diese Dimension ist eine Übergangsphase, die irgendeinem Zweck dient, den wir (noch) nicht zu verstehen in der Lage sind.

Und das ist okay so.

Ich begab mich also semi-erleuchtet ins WUK, wo ich mir zum ersten Mal in meinem Leben ein Spektakel namens „Silent Disco“ gab. Die Nacht war schon fortgeschritten, die Gazellen in Raserei, mein Alkoholpegel durchaus vorhanden.

Mehrmals wurde mir Kokain angeboten, doch ich lehnte dankend ab. Stattdessen trank ich Jägermeister und Bier und sang in der guten Gesellschaft zweier Schulfreunde laut zur Musik der 90er.

Falls du noch nicht auf einer Silent Disco warst, hier die Erklärung: Jeder Clubbesucher bekommt beim Eintritt ein Paar Kopfhörer (als Pfand gibt er seinen Ausweis her), welche per Knopfdruck zwischen zwei (!) Kanälen switchen kenna. Können, Verzeihung. Das bedeutet, dass die Musik von den DJ’s direkt in die Kopfhörer gelangt, was wiederum bedeutet, dass im Saal per se keine Musik hörbar ist. Nimmt man jedoch für ein paar Sekunden die Kopfhörer ab, hört man die Leute laut singen, und als ob das allein nicht schon absurd genug wäre, singt die eine Hälfte zur Musik des ersten Kanals und die andere Hälfte zur Musik des Zweiten.

Außerordentlich surreal, aber irgendwie auch genial.

Ich für mein Teil hatte sehr viel Spaß dort und empfehle es weiter. Es handelt sich bei der Silent Disco um eine Erfahrung, die es definitiv wert ist, gemacht zu werden.

Im Laufe des Abends führte ich zahlreiche interessante Gespräche mit Menschen aus allen Winkeln dieser Welt. Am besten gefiel mir ein arabisches Sprichwort, das mir eine sehr liebenswerte junge Araberin beibrachte, als ich verzweifelt versuchte, die Gurken aus meinem Gin Tonic zu fischen.

Undzwar lautete dieses Sprichwort:

Heute die Zigarette, morgen die Gurke.

Ja. Darauf trank ich dann auch!

Viereinhalb Monate schon Nichtraucher, aber gintonicgetränkte Gurken kann ich noch nicht absetzen.

Schönen Sonntag noch!

Wir hören uns heute Abend mit Episode 2 meines sonntaglichen Podcasts!

Alles Liebe derweil,

Hochachtungsvoll,

Dein Troubadour

 

(Jannis Raptis, „Ansichten eines Troubadours“ Blog 2017, www.jannisraptis.com)

 

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