Ansichten eines Troubadours, Woche 15: „Der Turm des Exarchen“, Tag 4.

Trostlosigkeit umfängt mich. Der Turm des Exarchen wirft seine drohenden Schatten.

Dunkelheit.

Woher sie kommt, die Dunkelheit?

Ich weiß, die Frage stelle ich dir regelmäßig. Mittlerweile meine ich, die Antwort zu kennen.

 

Bericht eines entrückten Geistes IV

Die Dunkelheit kommt aus den Tiefen des menschlichen Bewusstseins. Dort, wo Raum und Zeit keinen Platz mehr haben und wo kein mittelbarer Gedanke mehr Fuß fassen kann, dort wo weder Liebe noch Hass gelten.

Dort, wo… Das ist so nicht richtig, da wir den Raum ja verneint haben. Dann, wenn, wäre genauso falsch, nachdem wir die Zeit als irreal abgestempelt haben. Das bedeutet, dass ich keine Worte finde, um die Koordinaten dieses Zustandes zu beschreiben.

Tut mir leid.

Jedenfalls – um es für die menschliche Sprache halbwegs greifbar zu machen: „Dort“ lauert sie – die Dunkelheit.

Und wenn sie zu Besuch kommt, können kein Trunk, kein zehngängiges Bankett und kein wohlgeformter Busen dieser Welt sie aufhalten. Denn ihre Wogen vermögen ganze Schiffe zu versenken!

Es gibt in der Regel auch gar kein Entkommen. Es gibt nur das Ertrinken. Den schmerzhaften, entsetzlichen Ertrinkungstod, den Sieg der Dunkelheit und die eigene Wiedergeburt, die – und daran können wir festhalten – jedes Mal erfolgt.

Es ist ein ständiger Kreislauf des Sterbens und Neuauferstehens. Manche durchleben diese Prozedur täglich, andere wöchentlich, wieder andere – so wie ich – haben keinen Zugriff auf den Terminkalender.

Dann kommt die Dunkelheit, wann, wie und so hart sie will.

Wenn die Dunkelheit, nachdem sie einen mit ihren Säften vollbesudelt hat, wieder weicht, fühlen Jene, die besucht worden sind, in der Regel nichts als Kälte. Manche zittern auch. Andere murmeln vor sich hin und schlurfen – leeren Hüllen gleich – von Tresen zu Tresen, von Bett zu Bett. Denn die Dunkelheit ist ein Besucher, der Verwüstung und Pein hinterlässt. Sie trennt die Spreu vom Weizen, sie zeigt Schein und Wirklichkeit auf.

Und ihre Sense schneidet sich durch Haut, Fleisch und Seele.

Wenn die Besucherin also wieder gegangen ist und wir zum Geschirrspüler hinken, um die Überbleibsel des Kaffeekränzchens zu entsorgen, wenn die Kälte, von der oben die Rede war, sich ankündigt und in den leergefegten Hallen unseres Seins Totenstille einkehrt, dann, dann erst entweicht unserer gemarterten Kehle ein maroder Schrei. Und wenn der Schrei verklungen, wenn die Stille so laut und schmerzhaft ist, dass die Seele zu zerspringen droht, dann erkennen wir manchmal – manchmal auch nicht – dass der Besuch vonnöten war.

 

Denn wenn die Dunkelheit nicht kommt, dann gibt es keine Aussicht auf ein neues Licht.

 

Manche geben sich ihr Leben lang mit flimmernden, im Grunde längst abgelaufenen und von Motten umschwirrten Glühbirnen zufrieden. Sie leben und schaffen im trostlosen Licht einer ersterbenden Lampe, die jedoch nie ganz ausgehen will.

Andere brauchen die Dunkelheit. Sie brauchen das zerspringende Glas der Glühbirne, den Schrei des Drachen, der Mutter, Geliebte und Tochter zugleich ist.

Denn so – nur so! – kann die Birne gewechselt werden. Und nur wenn die Birne gewechselt wurde, fällt neues, frisches Licht auf alle Ecken der Klosterzelle, die sich Leben nennt. Die Besuchten erkennen Spinnennetze und Staub, lose Dielen und kaputte Wandschränke. Sie können das Zimmer aufräumen, sie können wieder lesen, ohne dabei im Kopfschmerz, den schlechtes Licht herbeiführt, zu ergehen.

Das bedeutet also, dass der Wechsel der Glühbirne manchen von uns, also all Jenen, die bei schwachem Licht nicht gut sehen können, gut tut. Nein, dass eben dieser Wechsel nötig ist.

Das wiederum bedeutet, dass wir bis in alle Ewigkeit Jene sein werden, die der Dunkelheit in regelmäßigen Abständen Kaffee kochen werden. Wir werden vor der Dunkelheit in die Knie gehen und tun, was sie von uns verlangt. Wir werden uns von ihr auspeitschen, foltern und ficken lassen, so wie sie es möchte. Und wenn sie von uns verlangt, mit Glöckchen in den Ohren vor ihr zu tanzen und dabei La Paloma zu singen – dann werden wir, verdammt nochmal, ihrem Befehl Folge leisten.

Die Dunkelheit ist eine harte Dame.

Der Pakt, den sie mit dem Glühbirnenhändler schloss, steht auf Stein geschrieben, ist unvergesslich, unumstößlich und währt bis in alle Ewigkeit.

Wer neues Licht will, der lässt vorher die Dunkelheit in sein Haus.

Wer leben will, muss bereit sein, täglich zu sterben.

 

(Jannis Raptis, „Ansichten eines Troubadours“ Blog 2017, www.jannisraptis.com)

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