Ansichten eines Troubadours, Woche 15: „Der Turm des Exarchen“, Tag 5.

Halli Hallo, wie geht’s denn so?

Hast du Glühbirne gewechselt? *zwinker*

Immerhin ist heute Samstag; die Pforten der Tanzclubs stehen sperrangelweitoffen für alle Nachtschwärmer und Jene, die es gern wären. Das Gazellentum tummelt sich um die Wasserlöcher und lässt sich von den meistbietenden Krokodilen beschauen oder gar verspeisen. Die Wässer sind blutbesudelt und alle feiern dieses Spektakel!

Die Titanic sinkt ein weiteres Mal. Der Tempel zu Jerusalem wird wieder einmal zerstört.

Denn wie könnte es auch anders sein?

Auch ich werde heute Teil dieses absurden Zirkus’ sein und mit dem Blick des gehetzten Wolfes durch die Tanzflächen schlurfen. Ein weiteres Mal werde ich mir die Frage stellen, was das alles für einen Sinn hat, ein weiteres Mal werde ich meine nicht getroffenen Entscheidungen hinterfragen und ein weiteres Mal werden die Dämonen mich besuchen und sagen: Friss!

Und ich werde stattdessen trinken und weglaufen.

Hach, als ob es ein Entkommen gäbe!

Es gibt kein Entkommen.

Meine Kräfte schwinden.

Verstört von den zerfetzten Gazellenschenkeln und den Mäulern der Krokodile, an denen noch Hautfetzen hängen, werde ich mich zum Turm des Exarchen schleppen und in seinem Schatten um Gnade flehen.

Samstag!

Always great fun!

Die Gelder reicher Väter werden verprasst, die Töchter armer Väter hintergangen werden. Lieder ohne Sinn werden aus ramponierten Lautsprechern tönen und als ob das nicht schlimm genug wäre, wird die Lautstärke der Dämonenstimmen jedes Trommelfell zum bluten bringen. Und als ob DAS nicht schon schlimm genug wäre, wird jeder mit ausgebreiteten Armen und einem Ausdruck tiefer Seligkeit im Gesicht „Danke!“ schreien und sich ekstatisch und mit blutigem Ohr auf dem Parkettboden winden.

Samstag!

Wertvoller Trunk wird mit Eis verdünnt, schlechtes Essen den Krokodilen zum Fraß vorgeworfen werden, die keine Gazellen in ihre Mäuler bekamen. Mädchen, die einst Würde hatten, werden von ihren eigenen Stöckelschuhen zu Tode erstochen werden. Der Boden wird mit Leichen übersät sein.

Samstag!

Es ist ein Fest des Todes, der Geilheit, des Frustes, der schlechten Entscheidungen, des schmutzigen Geldes. Hell scheinen die Lichter des Samstags und doch ist die Dunkelheit dichter, als sie es jemals war.

Und wenn tatsächlich weit im Osten, am Horizont, die ersten Strahlen der jungen Sonne sich zeigen, dann – dann! – werden die Hyänen langsam aufkreuzen. Ihre abscheulichen Grinsefratzen werden Jedem das Blut in den Adern gefrieren lassen, ihre geifernden Mäuler werden keine Gnade kennen.

Und die letzten Überbleibsel, die den Boden schmücken, werden langsam und genüsslich, in geradezu festlicher Ergriffenheit, verzehrt werden.

Samstag.

Diese Nacht hinterlässt jede Woche Verwüstung, Blutspuren und den Gestank von Verwesung.

Samstag.

Der Tag, an dem ich einsehe, dass es im Matsch keine Diamanten zu finden gibt.

Samstag.

Das Fest der Halbtoten.

Samstag.

Jener, der dir zuflüstert: „Du bist Konsument und Beobachter deines eigenen Lebens.“

 

 

(Jannis Raptis, „Ansichten eines Troubadours“ Blog 2017, www.jannisraptis.com)

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