Fortsetzung von Woche 18, Tag 5.

VI.

Langsam bekam ich genug von Neonlichtern und Stahlwänden.

Tatsächlich war das Geheimversteck größer, als ich anfangs angenommen hatte. Die Batukadische Schlange fraß sich in labyrinthischer Manier durch die Eingeweide von Pha That Luang; des berühmten Tempels von Vientiane. Seit dem sechzehnten Jahrhundert, als die buddhistische Stupa erbaut worden war, hatte sich die Batukadische Schlange hier eingenistet. Wenngleich ich keine Details aus meiner geheimnisvollen Entführerin herausbekam, erfuhr ich doch, dass die Gilde das Wissen von Jahrhunderten beherbergte. Hier, in den Archiven, tief im vielgewundenen Gedärm von Pha That Luang.

Während Tiphanie mich durch die Hallen und Gänge führte und ich dabei meinen wässrigen Kaffee schlürfte, erzählte sie mir von der Funktion und Bedeutung der Batukadischen Schlange, von ihren Mitgliedern und deren Aufgaben, vom Leben der Assassinen und dem fortwährenden Kampf mit der großen Konkurrentin: Der Schwarzen Witwe.

Zu erschöpft, um mich noch über irgendetwas zu wundern, lauschte ich den spannenden Geschichten und spielte bereits mit dem Gedanken ein Drehbuch über diesen Wahnsinn zu verfassen. Ich war mir sicher, dass HBO mein Projekt mit aufrichtigem Interesse begutachten würde.

Stellte sich die Frage, wie die Einschaltquoten aussehen würden.

„Das bedeutet“, sagte ich, als wir durch eine Kammer gingen, wo etwa dreißig Männer und Frauen in Kitteln Waffen zusammensetzten, „dass jeder euch kontaktieren kann, wenn er möchte?“

Tiphanie bejahte. „Im Grunde schon. Wenn jemand wen tot sehen will und das nötige Kleingeld hat, wendet er sich an die Schlange.“

Ich brummte und trank einen Schluck Kaffee.

„Doch hauptsächlich handelt die Schlange im Auftrag des Staates, der Großkonzerne oder des Reichenmonopols.“

„Das bedeutet, Eure Aufträge sind politischer Natur?“

„Wir achten gut darauf, nicht zu weit zu gehen“, sagte die Laotin. „Wir dürfen nicht vergessen, dass die Batukadische Schlange apolitisch ist. Wir dienen dem Meistbietenden, aber wir bemühen uns, keine wichtigen, politischen Schachzüge in die Wege zu leiten.“

„Das klingt mir nicht sehr einleuchtend“, gestand ich.

Wir bogen ab und gelangten in eine Mensa, wo reges Treiben herrschte.

„Das muss es auch nicht.“

„Werdet ihr mich jetzt zu einem von euch machen?“

Tiphanie lachte unkontrolliert los. „Oh, nein. Nein. Nein, nein, nein.“

„Ist ja gut, ist ja gut“, knurrte ich und warf meinen Pappbecher in den Müll. „Was wollt ihr eigentlich von mir?“

„Sobald wir herausgefunden haben, worauf deine außergewöhnlichen Resistenzen basieren, sehen wir weiter.“

„Alles klar.“

Wie durch einen Schleier nahm ich das Geschehen wahr, beobachtete die zahllosen Männer und Frauen, die hier arbeiteten, als wären sie in einer Firma angestellt. Alles schien nach geordneten Bahnen zu verlaufen und wäre ich nicht noch immer unter Schock gestanden, hätte ich glatt vergessen, dass diese Firma aus ausgebildeten Mördern bestand.

Assassinen, wie sie sich nannten.

Papperlapapp! Das waren Menschen, die andere Menschen für Geld umbrachten. Fertig. Man konnte sich diesen Umstand nicht schönreden.

Und ich, ich war im Moment ihr Gefangener. Ganz gleich, wie scharf die Laotin und wie sympathisch der schrullige Doktor Aris Kondopoulos waren.

Ich war ein Gefangener in Laos, weit, weit weg von Zuhause.

 

(Jannis Raptis, „Ansichten eines Troubadours“ Blog 2017, www.jannisraptis.com)

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