Ansichten eines Troubadours, Woche 19: „Der Pflichtschuldigkeitsmissionar“, Tag 5.

Das Leben ist ein Hollywoodfilm.

Und ich hatte beinahe vergessen, wie wenig Budget dieses Projekt auftreiben konnte.

Kameraführung: Ungenügend.

Drehbuch: Miserabel!

Regie: Lachhaft.

Casting: Talentlos.

So bin ich gezwungen, die graue Fassade der Gemeindebauten zu sehen, die Abscheulichkeit des Lindwurmes namens U6, die tristen Mienen der Passanten, die vernichtenden Nachrichten, die in den manipulierten Medien ausgestrahlt werden und mein überstrapaziertes Konto, das die letzte Lieferung Bowmore auf dem Gewissen hat.

Für Leute wie uns, Jim, gibt es keinen Platz auf dieser Welt.

Wir sind der Abschaum der Gesellschaft.

Dabei wollen wir die Welt nur zu einem besseren Ort machen, nicht wahr?

Ich habe nie mehr verlangt als die Freiheit, meine Lieder zu singen und damit leben, oder zumindest überleben zu können. Stattdessen bin ich gezwungen, mich jeden Tag mit geliehenem Geld volllaufen zu lassen, um nicht zu ersticken. Lieber im Whisky ertrinken, als an der Tristesse der Gesellschaft zu ersticken. Lieber im Whisky ertrinken, als an mangelnder Gerechtigkeit zu verdursten.

Keine Gnade für die Missionare der Pflichtschuldigkeit. Keine Gnade für die Ehrenwerten. Keine Gnade für die Gemarterten. Und wer Blut gehustet hat, der soll nun umso lauter husten.

Ich ziehe mit meiner Frau durch die Bars, wo überall die Geistermädchen aus meiner Vergangenheit lauern und mich mit blutigen Grinsefratzen daran erinnern, was für ein geiferndes Wildtier ich doch bin. Stattdessen versuche ich mich nun in falscher Frömmigkeit und bilde mir ein, das Weiß der Gerechten anlegen zu können.

Sie ist ein Wesen des Lichts, das beim Zähneputzen Elbenlieder singt.

Ich war ein Wesen des Lichts, das zu oft mit Werwölfen und Dämonenfürstinnen abgehangen ist und nun vergessen hat, wo der Lichtschalter sich befindet.

Das Mal prangt auf meiner Stirn. Ich bin gezeichnet, ebenso wie John Taylor aus meiner humoristischen Geschichte über die Batukadische Schlange.

Dies ist nun der Futtertrog der Geknechteten. Lass uns zusammen lachen, lass uns zusammen weinen, wie ich bereits am allerersten Tag in den Ansichten eines Troubadours schrieb.

Ich vermisse den salzigen Wind, den die Ägäis entsandte, ich vermisse den Harfenklang der Napaien und die thrakischen Gesänge meiner Ahnen.

Ich vermisse eine Heimat, die niemals die Meine war.

Geboren, um zu leiden, geboren, um zu reisen. Neulich wachte ich auf und ich meinte zu wissen, was der Zweck meines Daseins ist – neben dem Besingen des Volkes, der Schönheit und der Freiheit.

In dieser Dimension bin ich dazu verdammt, nach meiner zweiten Hälfte zu suchen. Nach der Muttergöttin, die zugleich meine Königin, meine Tochter, meine Schwester und meine Hure ist. Dazu verdammt, die Welt zu bereisen, auf Schiffen, Flugzeugen und überteuerten Fiakern. Und im Zuge dieser Suche begegne ich der ganzen Welt; zahllosen Frauen, aber auch Männern, Männern von Ehre und solchen, die diese nicht kennen.

Wäre also in diesem Fall mein Weg das Ziel? Wäre das Ziel überhaupt noch wertvoll, wenn ich es gefunden hätte?

„Ich suche das Einhorn bei Tag und bei Nacht, du nennst mich verrückt und hast nur gelacht!“, so singe ich in einem meiner Lieder, die du auf dem bevorstehenden Album hören wirst.

Die Suche nach dem Einhorn, tja. Ein Unterfangen für die Irren! Eine Reise der Narren. Und das Schlimmste: Diese Expedition ist NICHT staatlich finanziert.

Man würde lauthals lachen, wenn man vorher nicht an seinem eigenen Atem erstickt wäre. Manchmal möchte ich einfach nur trinken, trinken, trinken und dann platzen und mich in Feenstaub verwandeln, der die Welt rettet.

Ich schließe die Augen und sehe das Gesicht der unsterblichen Muttergöttin. Alle Frauen der Welt sind darin enthalten und ihre mannigfaltige Schönheit vermischt sich zu einem Antlitz der Vollkommenheit, das jeden Sterblichen in den Wahnsinn treibt. Schön und schrecklich zugleich blickt mich dieses Gesicht an, die Züge ebenmäßig und von einer Anmut, über die zu schreiben Blasphemie wäre, die Augen wissend und unsterblich.

Ich möchte zu ihr, ich möchte eins werden mit ihr, für immer bei ihr bleiben. Und es ist mir egal, wer sie ist, ob Göttin oder Mensch, Mutter, Tochter oder Hure. Sie ist alles, und ich bin Teil von ihr.

Die Trennung schmerzt. Die Abnabelung von Gaia verspricht uns ein Dasein voller Schmerzen und Leiden! Suchend. Rastlos. Erinnere dich, Jim! Erinnere dich: Wir sind Eins mit den Bäumen, den Flüssen, den Bergen und allen Tieren, ebenso wie wir mit allen Menschen EINS sind.

Blind sind sie alle!

Sie geben ihren Göttern Namen und schlagen sich gegenseitig die Köpfe ab, sie haben sich schon vor langer, langer Zeit gegen das Tao gewendet.

Drum braucht die Welt uns mehr denn je! Diese Aufgabe ist von solch einer Dringlichkeit, dass ich ersticke, wenn ich sie nicht bald ausführen kann, ohne mich dabei wie ein Scheißstück zu fühlen. Was scheren mich die Miete von vor zwei Monaten, die Stromrechnung und der Kredit?

Ich habe eine Welt zu retten.

Mehr als zu singen und die Menschen zu vereinen mit dem Wenigen, was ich kann, bleibt mir nicht.

Aber bitte, Herrgott nochmal: Lass es mich doch einfach tun!

Lass uns Künstler nicht länger leiden. Gib uns deine Gunst und deine Gnade und ebne uns den Weg.

Die Welt braucht mehr gute Lieder anstelle von Schwertern, mehr bedeutungsvolle Texte anstelle beschissener Verszeilen rachsüchtiger, sogenannter „heiliger“ Schriften.

Ich habe die Nase voll.

Ich bin stinksauer.

Dieses Chaos, in das wir hineingeboren werden, kann nur ein schlechter Scherz sein, eine gescheiterte Betaversion schlechter Programmierer.

Klar kann man drüber lachen, um nicht zu verzweifeln. Aber ich persönlich finde die Witze platt und vorhersehbar.

Der Vollmond blickt auf uns herab. Und er schweigt wissend, so wie er es immer getan hat.

Alle Versprechen, die die Götter gaben: Ungültig.

Ich wache nachts auf und kriege keine Luft, da Pflichtschuldigkeit, EAN-Codes und der Geifer der Elenden auf meiner Brust lasten.

Die Spinne fährt ihren Stachel aus. Er trieft bereits in all seiner Abscheulichkeit und das mächtige Gesäß des Untiers erbebt, während es den Boden verdunkelt und verspricht, gleich herabzudonnern, um zuzuschlagen.

Und wenn der Stachel uns trifft, dann Gnade uns Gott!

 

Relax, it's just a #movie 🎬🎥📺 #shooting #makeup #night #holzderstechpalme

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(Jannis Raptis, „Ansichten eines Troubadours“ Blog 2017, http://www.jannisraptis.com)

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