Ansichten eines Troubadours, Woche 20: „Ein Scheunendrescher für den Stadtvogt“, Tag 1.

Heut ist so ein richtiger Scheißtag, aber trotzdem wünsche ich uns allen einen angenehmen Wochenstart!

Herzlich willkommen zu Woche 20 in den Ansichten eines Troubadours!

Willkommen.

Wie geht’s dir? Wie war dein Wochenende? Was machen deine Gewissenserforschungen? Was hältst du von Spotify und was von Kanye West? Wie wirken sich Vollmond und Planetenkonstellationen in der benachbarten Galaxis auf dich aus?

Gestern hab ich einen tollen Film im Kino gesehen: „Logan“ mit einem brillanten Hugh Jackman! Wirklich, wirklich empfehlenswert.

Am Vorabend war ich mit meiner Mutter und meiner Frau auf einem fantastischen Konzert in Breitenfurt, das eine griechische Sängerin aus Athen gegeben hat. Sie und ihre drei Jungs – Geige, Laute und Kontrabass – verzauberten mich mit den erdigen Klängen der Inseln und des Festlandes und ich fühlte den Zeitgeist der Alten Griechen.

Wirklich, ich habe ihn gefühlt. Ich denke sogar, ich war für ein paar Stunden glücklich.

Alles in Allem war’s ein tolles Wochenende.

Was steht heute auf dem Programm?

Wie gehen wir die Woche an?

Was können wir leisten, um die Welt zu verbessern?

Ich starre heute auf die Papierbögen meiner Projekte und kriege keinen Satz zusammen, ich führe Telefonate und komme zu keinen Resultaten.

Alles steht still.

An solchen Tagen, liebe Leserin und lieber Leser, bleibt einem nichts zu tun als zu meditieren oder sich volllaufen zu lassen und abzuwarten.

Oder beides.

Ich weiß noch nicht, wofür ich mich entscheiden werde.

Nutzen wir die Gunst der Stunde oder die Gunst der Sterne? Folgen wir unserer Bestimmung oder dem Ruf einer erlöschenden Gottheit? Sind wir eher Säugetiere oder eher Sklaven unserer eigenen Konstrukte? Wer versichert uns, dass auch nur irgendein Gedanke, der uns plagt, Sinn macht? Wer versichert uns, dass irgendeine Entscheidung Sinn macht?

Ich mein, neulich war ich zum Beispiel in einer Bar und während ich mit einer guten Freundin am Tresen saß und trank, erblickte ich ein Luder sondergleichen, das nach Aufmerksamkeit und Fleisch lechzend seine konzentrischen Kreise auf der Tanzfläche zog. Die Junge war von graziler Gestalt, ihr Gesicht schrie geradezu nach einem proteinreichen Peeling, ihre Zähne nach Bleichmittel und ihr entblößter Bauchnabel nach der neuesten Feuchtigkeitscreme von Olaz.

Die Dunkelelfe tänzelte signifikant alkoholisiert neben mir her, streifte mich unablässig mit ihrem Ellbogen, später mit ihrem Oberschenkel und zuletzt sogar mit ihrem Gesäß. Dabei warf sie mir die Blicke des Miststücks zu, verbog sich wie eine von allen Dämonen besessene Schlange und zeigte mir irgendwann selbst ihr Unterhöschen, als sie mit gespreizten Beinen in die Hocke ging.

Ganz großes Kino.

Unter anderen Umständen wäre ich wohl original ausgezuckt und hätte sie zu Hackfleisch verarbeitet, oder aber zumindest meinen Dämonologen angerufen und meine Beruhigungspillen geschluckt.

Doch ich blieb stoisch sitzen und sah sie mit dem ausdruckslosen Blick des Überlegenen an. Heuschrecken steckten in meinem Haar, Weintropfen glänzten in meinem Bart. Meine Kleidung bestand aus Kamelhaar, meine Sandalen waren abgenutzt.

Diese Arena war nicht länger die Meine.

Zugegeben: Liebend gern hätte ich sie befleckt, liebend gern hätte ich prickelnden Sekt aus ihrem Bauchnabel getrunken, ihr meinen Zeige- und Mittelfinger in den Mund gesteckt und ihr ins Ohr geflüstert: „Gestehe“. Danach hätte ich ihr ein paar zärtliche Ohrfeigen gegeben und ihr Ohr angeknabbert.

Aber ich war einfach zu wütend. Es reichte mir. Ich wollte kotzen, ich wollte weinen, ich wollte explodieren, ich wollte losbrüllen wie ein brünstiger Dilophosaurus.

Deshalb begab ich mich zu ihrer – wie mir schien – jüngeren Schwester, die in geradezu plakativer Schüchternheit neben ihr stand und mit ihrem Handy spielte. Sie freute sich, als ich ein paar Worte mit ihr wechselte und ich wiederum freute mich, dass sie sich freute. Ich zog meinen Mantel an und entnahm dessen Innentasche eine Visitenkarte, die ich der Jüngeren gab. Mit einem geradezu kindhaften Strahlen nahm sie das Geschenk an. Im selben Moment entriss ihr die verhurte Schwester die Karte; ihr Gesicht war eine einzige Maske des Schreckens und ich hätte losrennen können, so sehr verstörte und erregte es mich gleichzeitig. Die Zähne waren scharf, der Blick umso schärfer, aus den Augen rann Blut, die Nüstern vibrierten, als hätten sie zu viel Schnee geschnüffelt. Und noch bevor ihre jüngere Schwester etwas hätte sagen können, begann die Dämonin zu kreischen und zu geifern und ich wusste, dass meine Zeit gekommen.

Ich hätte bleiben, recherchieren und wenige Wochen später ein Buch mit dem Titel „Ficken und Schläge“ herausbringen können, doch ich entschied mich, meine Bettstatt aufzusuchen.

Ich hasste wieder einmal alle Menschen.

Ein weiteres Mal hatten das Tier und der Edle in mir um die Vorherrschaft gerungen. Ein weiteres Mal hätte das Tier gesiegt. Ich akzeptierte mittlerweile, dass es keine Gnade gab.

Dass die ganze Welt ein Irrenhaus war und ist und dass Leute wie ich mit ihrem leeren Geschwätz über Moralvorstellungen, politischen Idealen und wahrhaftiger Romantik hier nichts verloren haben. Entweder sie erliegen ihren inneren Dämonen und hassen sich wieder einmal selbst, oder aber sie verwelken und werden ausgelöscht.

Oftmals passiert auch beides zugleich.

Ein weiteres Beispiel.

Wir fuhren neulich mit dem Auto auf der Straße. Jemand hatte versehentlich vergessen, die Türe gescheit zuzumachen, was – zugegeben – keine Bagatelle ist. Da rast doch glatt ein Van an uns vorbei, beugt sich ein glatzerter Urwiener ausse und brüllt wutentbrannt und mit einer Aggressionsbereitschaft sondergleichen: „Ihr habt’s die Tür offen, ihr Idioten!“ Sein Gesicht schrie nach einer Politur der Sonderklasse.

Liebend gern wäre ich angehalten und hätte diesen Hurensohn ins Koma geprügelt und an seine eigenen Hunde verfüttert.

Und wieder hätte ich nicht gewusst, ob das Sinn macht oder nicht. Wieder hätten Tier und Edelmann miteinander gerungen, ebenso wie bei der verdorbenen Dunkelelfe oben.

Was macht das alles überhaupt für einen Sinn? Es gibt keine Hölle und keinen Himmel, es gibt keine Gerechtigkeit und selbst wenn: Petrus hätte doch schon längst gekündigt.

Was ist richtig und was ist falsch?

Es heißt, man solle seinem Bauchgefühl folgen…

Sollte man aber nicht auch den Verstand heranziehen, wenn das Bauchgefühl in beiden oben genannten Beispielen schreit: Zerfetzen!

Wann weiß man also, was man zu tun hat?

Herrgott, es ist doch ohnehin alles wurscht. Solange Männer wie Caligula, Augustus, Stalin, Hitler oder Erdogan an der Macht sind, ist es sogar offiziell: Es gibt keine Rettung.

Oder, um in Sarumans Worten zu sprechen: „Es gibt kein Morgen für die Menschheit.“

Wir leben in einem Sündenpfuhl. In einem Scheißloch, das einst ein Paradies hätte werden können.

Doch Kain erschlug seinen Bruder und ich würde meinen Nächsten, wie wir oben gelesen haben, an seine Hunde verfüttern.

Wo bleibt da die Gnade? Wo bleibt da die Krone der Schöpfung?

Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.

Vor dem Ende noch werde ich in die Berge ziehen und dort bleiben. Alleine und in Ruhe und erst, wenn ich würdig bin, werde ich wieder herabsteigen.

Manchmal blicke ich in den Spiegel und möchte mir eine Ohrfeige geben und mich wachrütteln, manchmal aber, da will ich mich einfach nur liebevoll umarmen und mir zuflüstern: Alles wird gut und du bist ein feiner Kerl.

Ich fürchte mich.

Und ich bewundere all Jene, die das nicht tun.

Bekenntnisse eines Troubadours.

Geständnisse einer Hetäre.

Monologe eines exkommunizierten Kurfürsten.

Der Scheunendrescher geifert sich durch die Ländereien und sorgt für Angst und Schrecken. Er hinterlässt nur Verwüstung, politische und religiöse Kriege, eine Persiflage der Gleichberechtigung und grenzenlosen Kummer.

Während ich jetzt also meinen Glenlivet schlürfe, möchte ich in Van Goghs impressionistischem Gemälde „Caféterrasse am Abend“ versinken.

Dort werde ich warten, bis die Muttergöttin, die mich leugnete, zu mir zurückkehrt und mich abholt.

Ich werde warten, bis sie mich abholt.

Bis sie mich abholt.

 

Relax, it's just a #movie 🎥😅🔫📽🎬 #holzderstechpalme #vienna #makingof #shooting

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(Jannis Raptis, „Ansichten eines Troubadours“ Blog 2017, www.jannisraptis.com)

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