Ansichten eines Troubadours, Woche 29: „Jenseits von Gut und Böse“

Grüß Gott, verehrte Leserschaft!

Wie geht’s?

Meine Absenz letzte Woche sei mir verziehen. Zeitaufwändige Bagatellen profaner Natur machten sich einen Jux daraus, mich kurzzeitig zu behelligen. Nun jedoch wollen wir wieder ein paar Minuten finden, um uns zu besinnen und anzukommen. Wo wir ankommen und ob wir sanft oder hart landen werden, vermag ich jedoch nicht vorherzusagen. Weißt du, was ich so lustig an der Suche nach der Wahrheit finde?

Es ist eine Mission, die weder staatlich noch von der Krone finanziert wurde, (ein Low Budget Projekt, wenn man so möchte) für die man jedoch so viel Zeit und Energie benötigt, dass alles Andere völlig vernachlässigt wird. Gleichzeitig – und jetzt kommt die Pointe – gibt es KEINERLEI Garantie, dass man fündig wird. Es ist sozusagen eine Fahrt ins Ungewisse.

Ein Experiment, das ALLES verlangt und voraussichtlich NICHTS zurückgibt.

Für Leute ohne Mut und ohne eine gehörige Portion an Wahnsinn ist diese Reise also keine Option. Diese Leute werden wohl bis zum Ende ihres Lebens um halb sieben Uhr morgens aufstehen, auf die Schnelle frühstücken, pissen, sich die Haare richten, an einen furchtbaren Ort fahren, den sie – ohne selbst daran zu glauben – ihre „Arbeit“ nennen, und nach acht Stunden sinnlosen Herumstehens wieder heimfahren, um ihren Feierabend zu genießen und schließlich einen Schlaf zu schlafen, den sie vermutlich auch noch den „Schlaf der Gerechten“ nennen werden.

Früher hätte ich gesagt: Mein Beileid.

Jetzt bin ich so weit, zu sagen: Selbst schuld, oder, um weniger provokant zu klingen: Jedem das Seine.

Da ich jedoch – wie ich in meiner grenzenlosen Selbstüberschätzung zu behaupten wage – Taoist bin, tu ich meine Bewertungen nicht allzu ernst nehmen. Ich fühle mich weder klüger, noch besser, noch elender als jene, die ich soeben anzugreifen wagte. Jeder bekommt das, was er verdient.

Und ich verdiene scheinbar ein Leben, das zu neunzig Prozent von Zweifeln, Fragen und Angstzuständen beherrscht wird! *lacht-herzhaft*

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Nein, das war natürlich ein Scherz.

Denn wir leben ja das Yin und das Yang. Und das bedeutet, dass wir wissen, dass die Freude nicht schätzbar wäre, wenn es keine Nicht-Freude gebe, wenn du mir folgen kannst. Die Freude, besser gesagt, die Glückseligkeit, die jemand zu empfinden in der Lage ist, nachdem er durch die tiefste Dunkelheit gewatet ist, die ist einfach… Unbeschreiblich.

Denn, wie soll ich es erklären, nun, da ich es zum ersten Mal wirklich erlebe?

Er oder sie hat alles auf den Kopf gestellt, alles hinterfragt, um wieder zum Ursprung zurückzukehren und festzustellen, dass alles in seiner Ordnung ist, ungefähr so, als würde aus einem ramponierten Radio zur Mittagszeit kubanische Musik erklingen.

Und das verschafft einem eine ungeheure Befriedigung.

Ich wähne mich im Spiel von Yin und Yang – ich lebe Schmerz und Freude aus und dabei wehre ich mich nicht dagegen. Das ist Wu Wei. Und ich denke, dass das der Weg ist, um mit dem Tao zu verschmelzen.

Das Erkennen und Akzeptieren des „Kräftemessens“ von Yin und Yang, dessen Abbilder wir alle und jeder einzelne Sachverhalt im Universum sind.

Oder, um es anders auszudrücken: Ist das Krokodil böse, weil es die Gazelle verschlingt?

Du kennst die Antwort auf diese Frage.

Aber wozu das Ganze? Warum sollte jemand sich die Mühe machen, ALLES, womit die lustige heutige Gesellschaft ihn ablenkt, zu vergessen, um sich auf Yin und Yang zu konzentrieren?

Keine Ahnung. Die meisten würden sagen: Sie wollen etwas „erleben“, so etwas wie „Erleuchtung“ oder irgend so einen kindlichen Unfug.

An diesem Punkt war ich bereits. Und ich bekam mehr als nur hart zu spüren: Dazu wird es nicht kommen. Es wird keine Antwort auf meine Fragen geben, nicht in diesem Leben.

Ich denke, der Sinn dieser Suche, also der Sinn des Lebens, wenn man so will, darin liegt, zu verschmelzen; mit dem Moment, mit dem Kosmos und all seinen wunderschönen und möglicherweise auch grausamen Aspekten, mit der eigenen Natur, die beschränkt und gleichzeitig unendlich ist, mit dem Seelenmaterial, das uns alle verbindet und nur ein großes Ganzes bildet. Und hierin liegt der Beweis, das Zeit und Raum fast wertlos sind.

Ich weiß, das klingt kitschig.

Aber ich fürchte, die Wahrheit ist kitschig.

Erleuchtung ist nur ein Begriff, den kein Mensch sich ausmalen kann, Gott ist eine furchtbare Wortwahl für etwas, das zu benennen, UNMÖGLICH ist, und Religionen sind ähnlich wie politische Debatten, Landesgrenzen und kriegerische Auseinandersetzung nur eine Ablenkung von dem, was wirklich von Bedeutung ist.

Und das schlummert in uns und in jedem Stein, jedem Baum, jedem Grashalm, jedem Tier und jeder Lebensform, in der Luft, im Kohlendioxid, im Plus und Minus des Magneten, im warm schwingenden G, in welchem der Planet Erde klingt, in den Sonnensystem (die nämlich wirklich ein System haben), in den Galaxien und den Galaxiehaufen, in den transgalaktischen Voids und im Gyros, das mir immer noch im Magen sitzt.

Geil, oder?

Ich habe ALLES hinterfragt, sogar die Liebe, die ich stets als die einzig unumstößliche Wahrheit angenommen habe. Alles.

Ehrlich gesagt, weiß ich nicht einmal, ob die Liebe wirklich die einzige Wahrheit ist. Ich fühle zwar, dass das so ist, aber ich kann es nicht erklären und das werde ich auch nicht versuchen.

Was ich jedoch mit Gewissheit sagen kann, ist: Harmonie und Chaos wechseln einander ab, Gott und der Teufel ringen unaufhörlich und der eine kann ohne den anderen nicht existieren, Dämonen waren einst Engel und die Gazelle, die vom Krokodil verschlungen wurde, verdaut noch immer das Gras, das sie zuvor verspeiste, bevor schließlich alles verdaut ist und das Krokodil zu einer Lederhandtasche verarbeitet wird, die wiederum einem zahnlosen Strauchdieb das Leben rettet und so weiter und so fort. Nicht einmal Gandalf erkennt alle Absichten. Denn alles ist untrennbar miteinander verbunden und erschafft auf diese Weise ein unüberschaubares, komplexes System, das nicht linear und folglich nicht zu messen oder gar zu werten ist.

Gut und Böse, Weiß und Schwarz und der ständige Drang des Menschen, alles in Tuben zu packen und sich für eine Seite zu entscheiden, spielen hier schon lange keine Rolle mehr.

Wer hier angekommen ist, der kümmert sich nicht mehr darum, ob er kriegerisch oder engelhaft handeln will; es ist selbstverständlich, dass er gemäß der Natur handeln wird, was auch immer das bedeuten mag. Er erkennt seine Position, er erkennt die Komplexität des Universums und akzeptiert die Endlichkeit seines Denkens.

Denn hier, hier muss er nur fühlen, dankbar sein und sich allen Zuständen, die er zu erfahren in der Lage ist – Gefühle, Empfindungen und so weiter – hingeben. Das ist alles.

Darüber zu reden, ist, wie ich schon oft gesagt habe, ziemlich absurd. Aber wie sonst, soll ich einen Anreiz geben?

Wirklich etwas BEWIRKEN kann ohnehin nur die einzig universelle Sprache und wir wissen, welche diese Sprache ist. *zwinker*

Warum ich die Konvention stets in den Schmutz ziehe? Warum ich all jene provoziere, ja offen angreife, die irgendwas Sinnentleertes studieren und arbeiten, ohne zu wissen, warum? (Außer, um „Geld“ – was für eine absurde Erfindung! – zu verdienen?)

Nun, ganz einfach: Weil ich an jeden von ihnen glauben möchte. Ich möchte daran glauben, dass jeder Mensch fähig ist, seinen Weg zu gehen.

Und – laut meiner Erfahrung – ist dieser Weg untrennbar mit der Berufung verbunden. Versteh mich nicht falsch, jeder von uns muss zwischendurch jobben, um sich über Wasser halten zu können. Aber jeder von uns hat auch eine Berufung und die gilt es zu erkennen.

Ich für mein Teil weiß nun, wie ich mich selbst und meine Mitmenschen in Einklang bringen kann. Mit dem Erzählen von Geschichten. Ob diese Geschichten nun musikalisch oder sonst wie rübergebracht werden, spielt keine Rolle. Bagatellen wie Geld, Ruhm und Ego haben schon LÄNGST jede Bedeutung verloren. Ich will nur das kollektive Unterbewusstsein anregen, um zu verschmelzen, wobei mein „Wollen“ auch nur ein unzulänglicher Ausdruck für einen Drang ist, der nicht in leere Worte verpackt werden sollte.

 

Kurz: Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich nicht länger struggle, auch wenn sich faktisch nichts verändert hat. Ich verdiene immer noch kaum Geld und lebe immer noch in einer Stadt, die mir das Leben aussaugt wie ein spöttischer Vampir und ich bin von der Greencard und dem Großteil meiner „Träume“ – faktisch – so weit entfernt, wie eh und je.

Aber ich kämpfe nicht länger mit meiner Bestimmung.

Ich fühle mich gesegnet und unfassbar privilegiert, ein Musiker sein zu dürfen. Ich fühle mich, als würde ich dem Kreis einer Bruderschaft angehören, die ausgesandt wurde, um eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen.

Und genau das werde ich tun.

Aus diesem Grund bin ich völlig überzeugt davon, dass JEDES EINZELNE Individuum, in der Lage ist, diese seine Bestimmung zu finden. Und damit sich selbst zu finden.

Und im Endeffekt ist das der Beginn und gleichzeitig das Ende einer Reise, die das Verständnis um Wu Wei (Die Kraft des „Nichtstuns“, vgl. Woche 28), Tao („Weg“, „Sinn“) und Ying und Yang zu einem Gefühl macht, das so selbstverständlich ist wie das Pinkeln, das Essen, das Schlafen und das Liebemachen.

Eine schöne Woche noch, lieber Leser/liebe Leserin!

Dein Troubadour

 

PS: Am Freitag kannst du mich mit Timna Brauer auf der Langen Nacht der Kirchen im Stephansdom hören.

PPS: Am Samstag kannst du mich auf dem Life Ball in der Big Band um Conchita Wurst und Ute Lemper erleben, entweder vor Ort oder im TV. Du wirst sterben, wenn du meinen Anzug siehst! *zwinker*

 

(Jannis Raptis, „Ansichten eines Troubadours“ Blog 2017, http://www.jannisraptis.com)

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