Ansichten eines Troubadours, Woche 28: „Die Pinie und die Weide”

Grüß Gott und schönen Wochenstart, verehrte Leserschaft!

Mit Sodbrennen und einem wehleidig zuckenden rechten Auge stieg ich soeben aus dem Flieger aus; einer betagten Maschine jugoslawischer Nationalität, die rußig und düster, aber durchaus solide, ihre dreihundert Knoten zurückgelegt hatte. Nach einem ausgedehnten Spontan-Wochenende in Thessaloniki, fühle ich mich dem Tao so nahe wie schon lange nicht. Mehr denn je belächle ich all die Hygieniker, deren tägliche Kasteiung und Askese nur dem Ziel dient, etwas zu „erreichen“, „Erfahrung“ zu erleben und so alt zu werden wie P’eng Tsu. Auch wird mir ein weiteres Mal klar, wie unendlich beschränkt das lineare Denken des modernen Menschen geworden ist, wie wenig Raum er sich und seiner Gemeinde lässt, um die nicht-linearen Konstrukte des Kosmos zu spüren, sich des Lebens zu erfreuen und sich im stetigen Wechselspiel von Yin und Yang zu wiegen.

Stattdessen trachtet er unablässig nach Kontrolle und will sich die Natur mit Maschinen und Computern zu Eigen machen.

Das ist nicht das Tao.

In einer Welt, die so verkommen ist, kann ein Mensch wie ich sich nur wie ein Alien fühlen! *lacht* Es ergibt wieder Sinn. Und ob ich nun weise oder vollkommen wahnsinnig bin, sei dahingestellt. Anfühlen tut es sich jedenfalls wie unverfälschte Erkenntnis und das ist das Wichtigste.

Ich verwendete soeben den Ausdruck „verkommen“ und muss mich tadeln, denn tatsächlich liegt mir derzeit nichts ferner, als zu vergleichen oder gar zu urteilen. Ich bin eins mit Yin und Yang, das muss reichen. Wo Licht ist, dort ist auch Schatten. Jeder Pluspol benötigt auch einen Minuspol und umgekehrt.

Und, um einen Exkurs in die heilige Dreifaltigkeit des Hinduismus zu machen: Die Trimurti besteht aus Brahma, dem Erschaffer, Vishnu, dem Erhalter und Shiva, dem Zerstörer. Dieser Kreislauf war mir seit jeher sympathisch und ich denke, für eine Religion – und meine Meinung zu diesen Institutionen kennst du – ist das Konzept recht fortschrittlich.

Genau das dachte ich mir, als ich durch Thessaloniki schlenderte und bei aller Liebe, die ich für mein Land hege, ein weiteres Mal zugeben musste: Fuck.

Die Busse streikten, das Volk war uneins und der einstige Glanz dieser Hochkultur stand in fetten, blutroten Lettern auf der Todesliste der Wirtschaftskrise und dem unerträglichen laissez-faire des modernen Griechen.

Das ist nicht Wu Wei.

Die Kraft des Nichtstuns hat absolut gar nichts mit laissez-faire oder gar Faulheit und Perspektivenlosigkeit zu tun. Bitte!

Aber zurück zu Yin und Yang, wo wir stehengeblieben waren, kurz bevor ich in Griechenland-Schelte abdriftete (wofür ich mich nicht schäme): Wo Licht ist, dort ist auch Schatten.

Das bedeutet also, dass ich nicht länger werten möchte. Ich will nicht! Und ich habe nicht das Recht dazu. Meine Spezies schlägt sich nun Mal seit Anbeginn der Zeit die Köpfe ein und scheinbar ist das für die Natur okay, andernfalls würde es nicht passieren. Menschen kommen auf die Welt, Menschen sterben, Menschen leben glücklich, andere leiden.

Ich habe beschlossen, mich von dem Gedanken einer „idealen“ Welt, Schrägstrich dem Messias-Syndrom, das mich nachts nicht schlafen lässt, zu verabschieden.

Ich kann diese Welt nicht „retten“. Niemand kann das. Und niemand muss das tun. Denn, um mit einem Jurassic-Park-Zitat zu kommen: „Das Leben findet einen Weg.“

Was uns bleibt, ist, an uns selbst zu arbeiten, und während der kurzen Zeit unseres Wirkens die Gemeinde mit unseren Kräften zu einen und glücklich zu machen. Ich habe Musik und Wörter gelernt, weiters kann ich Nächstenliebe und gutes Benehmen anbieten. Das ist mein kleiner Beitrag. Mehr kann ich nicht.

Bagatellen wie Ego, Geld und Ruhm haben schon lange keinen Platz mehr, sobald man sich so tief in die Materie gewagt hat, sobald man die unendliche Einfachheit (oder die einfache Unendlichkeit) des Tao gekostet hat. Dort, wo es keine Dualität gibt, keine Zweifel, keine Verwirrung und keine vom Menschen erfundene Systeme, die sich völlig gegen das Tao stellen.

Ich fürchte mich nicht länger. Vor nichts und niemandem. Und all jene, die am Leben hängen und den Tod fürchten, sollten sich mal ernsthaft darüber Gedanken machen, wie absurd das eigentlich ist. Während dieses Prozesses, sollen sie die Angst jedoch noch ein Mal richtig machen lassen, sie spüren, sie genießen. Denn die Angst gehört ja genauso dazu, wie alles was davor und danach im Bewusstsein stattfindet! *lacht-fröhlich*

Während meines Fluges schwelgte in Erinnerungen an mein taoistisches Wochenende in den Tiefen der thessalischen Nächte. Beinahe hatte ich vergessen, wie magisch diese Stadt bei Nacht ist! Tatsächlich hatte Thessaloniki drei Jahre lang ohne mich auskommen müssen; ein Fauxpas, der mir hoffentlich nicht wieder unterlaufen wird.

Still und heimlich feierte ich mit meinem Kumpel und Gastgeber, der das Wu Wei instinktiv begriffen zu haben scheint und von Sportwetten lebt, meinen geheimen Abschied vom „alten“ Leben. Wir zogen durch die angesagtesten Clubs der Stadt, tranken Whisky, zockten im Casino, sahen uns Tanzshows an und ich verliebte mich für einige Minuten in die Tänzerin Viktoria, die eins mit der Stange geworden zu sein schien und mir im Gespräch ihre ganz sensationellen Verführungskünste offenbarte; eine Kunst, die nur mehr selten Gebrauch findet in diesem Zeitalter der schnellen Befriedigung. Sie war zweifelsohne eine bemerkenswerte Frau, die es schaffte, Männer dazu zu bringen, sie zu lieben.

Ich gab ihr den Segen Gottes und trat auf die nächtliche Straße.

Von diesem Zeitpunkt an verschwimmen meine Erinnerungen. Wieso ich mich bei Tagesanbruch auf einem thessalischen Highway wiederfand, auf meiner großen Stirn ein Lippenstiftabdruck prangte und mich gruselige Straßenhunde anbellten, vermag ich nicht zu ergründen.

Am nächsten Tag sah ich mir Verlobungsringe an.

Sieben-Sekündige-Gedankenpause

Das Tao hatte mich in seinen sanften Schoß gebettet, ich räkelte mich genüsslich in seiner Umarmung. Zum ersten Mal hatte ich die Nacht gelebt und von der Dunkelheit gekostet, ohne dabei einem Trieb, der von Selbstzerstörung oder Unachtsamkeit genährt wird, zu folgen, ohne dabei flüchten zu wollen. Ich stand über den Dingen! Und selbst das geschah ohne Ego, ohne das Gefühl etwas „Besseres“ sein zu „wollen“. (Die Gänsefüßchen mögen nerven, doch in diesem Falle sollen sie bei den beiden Begriffen lediglich zum Nachdenken anregen *zwinker*)

Wie absurd sind nervige Quälgeister wie das Ego nur! Und doch verteufle ich es nicht; es ist Teil der menschlichen Natur, ebenso wie der Mörder, der Dieb und der Lügner Teil der menschlichen Natur sein könnten.

Was ich jedoch denke, ist: Im Zusammenleben ist es wichtig, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Oftmals stoßen wir auf Individuen, die sich gegen das Tao gestellt haben, nicht in ihrer Mitte sind und sich auf putzige Art und Weise sehr wichtig machen. Das braucht uns jedoch nicht länger zu ärgern. Unsere Aufgabe ist klar: Unsere Aufgabe ist es, eine Immunität gegen die Pfeile des Egos zu entwickeln und ins Herzland vorzudringen, wo wir tatsächlich etwas bewirken können.

Dort, wo wir alle gleich sind.

 

Dass ich die Vermessenheit besitze, über so wichtige Dinge zu schreiben, sei mir verziehen. Denn sogar die Lehren, die mir am sympathischsten sind – so wie etwa der Taoismus, der ursprüngliche Konfuzianismus, Heraklit und Sokrates, der junge Buddhismus und das ganz frühe Christentum – dienen lediglich als Geburtsthelfer.

Nicht mehr und nicht weniger. Deswegen gefällt mir das Daodejing von Laotse so dermaßen gut. Es beginnt schon mit den Worten:  Das Tao, das taoisiert werden kann, ist nicht das echte Tao.

Womit er ganz eindeutig sagt: Kinder, darüber zu reden, bringt nichts. Ihr müsst es erleben.

Allein darin ist schon die Wahrheit über Meditation und Erkenntnistheorie enthalten. Wir sprechen hier von einem Empirismus, der bereits vier Jahrhunderte vor Christus da war und den Menschen als das autarke Individuum benannte, das er ist.

Keine Götter, keine Rituale, kein verwirrendes Geschwätz, keine Teilung des Volkes, aber vor allem: Keine Trennung.

Als das große Tao verloren war, entstand die Vorstellung von Menschlichkeit und Gerechtigkeit.

Als Wissen und Klugheit kamen, entstanden die großen Täuschungen.

Als Familienbande nicht mehr harmonisch waren, entstand die Vorstellung von guten Eltern und folgsamen Kindern.

Als das Volk in Unordnung und Missherrschaft verfiel,

entstand die Vorstellung von treuen Ministern.

Lao-tzu (147c)

Da haben wir es schwarz auf weiß und ich möchte am Liebsten gar nichts mehr dazu sagen.

Wie blind muss man nur sein (und wieder werte ich, gebt mir eine Ohrfeige!), um nicht zu erkennen, was sämtliche Religionen (als sie zu verbrecherischen Institutionen wurden) angerichtet haben! Wie naiv und gutmütig muss man sein, um einem Verbrechen solcher Natur nicht entgegenzuwirken mit dem, was Gott uns gegeben hat: Dem Verstand.

Wovon ich spreche?

Pah! Gott und Mensch waren niemals getrennt! Die Einheit ging niemals verloren! Alles ist Eins, du bist Teil des nicht-linearen Konstruktes, genauso wie ich, der Tisch, an dem du gerade sitzt, das Iphone, durch das du gerade virtuell blätterst und dir denkst: „Wovon zum Teufel redet dieser Irre?“ und das Souvlaki, das mir gestern den Magen verdorben hat.

Weder Priester, noch Kirchen, noch ewige Strafen oder Belohnungen, noch Lehren sind von Nöten, um zu sich und zum All-Einen zu finden! Sie sind im besten Falle Geburtshelfer und dort endet ihre Rolle genauso, wie nun mein Text endet.

Ein weiteres Mal muss ich an Jiddu Krishnamurti denken, der einer der wichtigsten und fortgeschrittensten Individuen unserer Zeit war, und sich selbst und den Leser stets tadelte, da das Predigen und Zuhören keinesfalls zielführend, sondern maximal ein „nettes Extra“ war. Dass jeder seinem individuellen Weg zu folgen hatte, ohne dabei das Gefühl der Einheit jedoch einzubüßen.

Es beleidigt mich, dass in den Schulen Religion und Informatik gelehrt, während Dinge, die wirklich etwas bewirken könnten, nicht ein Mal angerissen werden.

Aber gut. Dass das Schulsystem Jannis Raptis ankotzt, ist wohl genauso Teil des Ganzen wie die Fliege, die grad durch das Zimmer schwirrt und bald sterben wird, wie der Hunger und das Sodbrennen und wie die Turbinen des Fliegers, die mir Kopfschmerzen bereiteten.

Alles, was geschieht, ist Teil des Stroms. Und selbst im Falle, dass wir von Aliens regiert werden: Wenn dem tatsächlich so ist, dann passiert das halt gerade und ist Teil des Ganzen. Wo ist das Problem dabei?

Die Welt zu verbessern, ist ein nobler Gedanke und ohne dieses idealistische Streben wäre mein Leben wohl ziemlich leer. Und dennoch: Ich denke nun, dass es wichtig ist, die Natur machen zu lassen. Und damit meine ich auch die furchtbaren Dinge. Denn genauso, wie sie begonnen haben, genauso werden sie auch wieder enden, bevor das Ringen von Yin und Yang sich wieder auf irgendeine Weise manifestieren, die dem Menschen Schmerz oder Freude zufügt.

In meinen düstersten Stunden schrieb ich in diesen Blog, dass es nur eine Garantie gibt im Leben. Diese wäre das Leiden.

Daran halte ich fest. Aber ich muss dem etwas hinzufügen. Es gibt nämlich noch eine zweite Garantie. Das ist die Seligkeit.

Denn ohne den Minuspol kann es keinen Pluspol geben, ohne einzuatmen, kann niemand ausatmen, ohne zu leben, kann niemand sterben – und umgekehrt.

Mischen wir uns nicht ein und urteilen wir nicht über Systeme, die bereits wunderbar funktionieren und immer funktionieren werden, denn sie sind Teil von uns wie unser Nervensystem. Das Tao wird uns leiten und wir sind das Tao.

Wu Wei, die Kraft durch das Nichtstun, können wir vergleichen mit den Ästen einer Pinie und einer Weide im Schnee: Der starre Ast der Pinie zerbricht unter der Last, der Ast der Weide gibt dem Gewicht nach und lässt den Schnee abgleiten. Dabei ist die Weide nicht schlaff, sondern federnd. Das bedeutet, dass Wu Wei, der Lebensstil eines Menschen, der dem Tao folgt, eine Form von Intelligenz ist. Ein sich Wiegen in den kosmischen Gesetzmäßigkeiten, eine Einheit mit der Natur.

Keinesfalls ein Nichtstun.

Und wieder habe ich viel zu viel gelabert, viel zu viel Tinte verbraucht, in der Hoffnung, irgendjemandem, der oftmals unter Attacken der Verwirrung leidet (mich eingeschlossen), daran zu erinnern, wer und was er ist.

Oftmals habe ich in den „Ansichten eines Troubadours“ über die Rückkehr zum Kind gesprochen.

Nun.

Bitte sehr.

Wir sind alle Kinder Gottes oder der Großen Mutter, welche wiederum in und um uns herum ist und keinen Namen trägt, keiner Religion angehört und keine Befehle erteilt oder gar Gebote hinterlässt. Oder in Lao-tzus Worten:

„Das Prinzip des Tao ist das, was von selbst geschieht.“

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(Jannis Raptis, „Ansichten eines Troubadours“ Blog 2017, http://www.jannisraptis.com)

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