Ansichten eines Troubadours, Woche 4: „Am Brunnen des Geifers“, Tag 7.

Wusstest du, dass vorgestern eine Pyramide in der Antarktis entdeckt und, dass von den Medien bereits ein Mantel des Stillschweigens darüber gebreitet wurde?

Tja. Warum wohl?

Einen gesegneten Sonntag! Wie geht’s denn so?

Ich hatte ein sehr schönes Wochenende und kämpfe noch mit dem Jetlag. Mein Wappen ist die löchrige Windmühle, meine Waffe ein rostiges Metallrohr, mein Kriegslied „La Paloma“.

Hier, am Brunnen des Geifers, sitze ich nun wieder und nehme meinen Trunk ein. Mit leuchtenden Augen, den Geist an eine Wurzel gebunden.

„To the blank page“, flüstere ich zu mir selber und trinke einen Schluck Yakmilch.

Seit Stunden starre ich schon auf die weiße Seite und weiß einfach nicht, was ich schreiben soll.

Kennst du diese Tage?

Leergefegte Straßen, triste Lichteffekte, trübe Stimmung. Das – das! – ist der November in Wien, wie wir ihn kennen. Und noch dazu Sonntag!

Unfassbar.

Seltsame Energien bahnen sich ihre labyrinthischen Wege durch die Stadt. Die Sitzheizung funktioniert wiedermal nicht, das Griffbrett der Gitarre ist irgendwie härter als sonst und die Traumlandschaft ähnelt einem misslungenen Trip.

Auch alltägliche Situationen verkommen zu purem Surrealismus, der nur von Erik Satie musikalisch untermalt zu werden vermag.

Zum Beispiel: Ich saß neulich am Esstisch mit Leuten, die ich kaum kannte. Da war eine blonde Russin, das Gesicht schön und anmutig, doch gleichzeitig kalt und seltsam… makellos, wie das einer Puppe. Obwohl wir beide kaum ein Wort sprachen und uns voller Überzeugung auf unser Essen konzentrierten, trafen sich immer wieder unsere Seitenblicke und blieben für mehrere Sekunden aneinander kleben, bevor wir wieder auf unsere Teller starrten. Es war ein verstörendes Prozedere, und bei Gott kein Flirt oder so. Weit gefehlt! Wir waren wie zwei Insekten. Wie zwei insektoide Entitäten, deren Greifzangen unablässig klackten und deren ausdruckslose Netzaugen auf geradezu unheimliche Art ins Leere starrten.

Auch, als ich gestern Nacht durch die Innenstadt schlurfte und nach einem Zanderfilet suchte, überkam mich die Groteske der Situation wie ein unschöner Kälteschauer. Wo hätte ich um diese Uhrzeit ein Zanderfilet herkriegen sollen? Ich wusste tief in meinem Inneren, dass dieses Unterfangen aussichtslos war. Stattdessen musste ich mich an den Orks und Trollen vorbeischleichen, die im Bermuda-Dreieck ihr Unwesen trieben, und dabei zu Boden blicken, um mich nicht als Menschenhasser zu entlarven.

Ich schämte mich, die Stadt, das Land und den Planeten mit ihnen zu teilen, und ohne das versprochene Zanderfilet sah ich keine Hoffnung, mich mit den Legionen der Dunkelheit zu versöhnen.

Ich schrieb eine Whatsapp-Nachricht an eine Freundin und fragte, ob ein bestimmtes Restaurant, das ich von ihr kannte, um die Uhrzeit noch offen hätte. Wie sehr oft, antwortete sie mit „Jannis“, dann stand da lange Zeit „schreibt…“ und dann kam schlussendlich doch nichts mehr.

Ich dachte mir ein weiteres Mal: „Danke. Danke, dass du mich mindestens ein Mal die Woche daran erinnerst, wie ich heiße.“

Erschöpft von der stetigen Unachtsamkeit der Leute, ging ich einen Parkour im Schneckentempo, während mein Mantel hinter mir her flatterte wie das räudige Flügelwerk einer Fledermaus. Ein Freund schrieb mir, dass er versetzt worden war, zwei weitere sandten mir Nachrichten von ähnlicher Natur.

Ich sah ein Hologramm vor meinem geistigen Auge, das ein übergewichtiger Asiate betätigte und auf dem all jene Seelen zu sehen waren, die in dem Augenblick umherirrten. Diamanten im Scheißhaufen, um einen Kultisten aus dem Hazoshul-Kult zu zitieren.

Ich begriff das nicht-lineare Konstrukt und schaffte es, über mein Ego und meine wahnhafte Suche nach dem Zanderfilet hinauszuwachsen. Ich lächelte müde, verstand, dass die Strukturen des fetten Asiaten und die Wege des Kosmos unergründlich waren und dass das auch okay so war.

Es war ein zufriedenstellendes Gefühl. Ich würde keinen Zander essen, ein Zander jedoch würde sich einen netten Abend machen. Mein Freund war heute versetzt worden, aber der Zander mochte gerade die Nacht seines Lebens haben.

Und das war würdig und recht so.

Mit dem wissenden Lächeln des Semi-Erleuchteten begab ich mich zum Würstelstand, bestellte ein Hot Dog MIT Senf und Ketchup und ein Gösser und gab mich, umringt von Orks und Halbtrollen, dem Genuss hin.

Kein Zanderfilet.

Zu viele Legionen des Tartaros um mich herum.

Zu wenig Debussy in den Boxen der Tavernen.

Aber ich fügte mich. Ein weiteres Mal. Mit klackenden Greifzangen.

„To the blank page“, wiederhole ich nun und freue mich, dass ich etwas für den Blog niedergeschrieben habe.

Heute war es schwer. Das Aufwachen in der Früh war schwer, das kauen war schwer, das bloggen war schwer, das gammeln war schwer. Der Sonntag wog mehrere Gallonen. Eine Gallone beträgt übrigens 3,7 Liter.

Aber wir haben es geschafft!

Hier, am Brunnen des Geifers, beende ich den ersten Monat in „Ansichten eines Troubadours“ und freue mich, morgen mit Woche 5 zu beginnen!

Entspannten Sonntagabend noch.

Genieß dieses *räusper* zauberhafte Wetter.

 

Gourmet-Tip: Zanderfilet mit Sojasprossengemüse und Kokoscurry-Sauce

 

(Jannis Raptis, „Ansichten eines Troubadours“ Blog 2016, www.jannisraptis.com)

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