Ansichten eines Troubadours, Woche 9: „Das letzte Aufgebot“, Tag 4.

Hallöchen!

Hast du dir drei Sätze überlegt? Reitest du gerade nach Tibet? Hast du deinen Job gekündigt? Deine Beziehung beendet oder gerettet?

Ist der letzte Donnerstag des Jahres gut zu dir? Fühlst du dich magisch? Oder eher magisch depressiv?

Ich hab zwar sehr wenig geschlafen und das mehr schlecht als recht, aber dadurch, dass die Sonne scheint, geht’s mir fantastisch!

Nachdem ich letzte Nacht also alleine in der Kruger’s Bar meditiert und mir Gedanken über die Stringtheorie und den Kategorischen Imperativ gemacht hatte, erblickte ich am anderen Ende der Bar eine Frau, die in ihrer stummen Anmut ganz und gar bemerkenswert war und mich binnen Sekunden für sich gewann.

Ich wusste, ich hatte keine Wahl.

Ich musste sie kennenlernen…

 

I.

„Jimmy, einen Whisky, bitte“, raunte ich dem Barmann zu, ohne ihn anzusehen.

Natürlich hieß er nicht Jimmy, aber er hörte auf den Namen, den ich ihm gab. Er war ein guter Junge.

„Bitte sehr“, sagte er freundlich und stellte das Glas auf den Tresen.

„Danke.“

Langsam, so, wie ich es von den Hollywoodschauspielern gelernt hatte, wandte ich den Blick von der fremden Schönheit ab und widmete mich meinem frisch bestellten Zaubertrank. Ich nahm einen Schluck, genoss die Wärme, die Schärfe, das Brennen.

Wieder blickte ich rüber. Noch immer machte die Fremde keine Anstalten, meinen Blick zu erwidern. Doch etwas hatte sich verändert. Sie spürte meinen Blick. Sie fühlte sich beobachtet. Wusste, dass jemand sie anvisierte. Ich erkannte das sofort. An der Art, wie sie sich nervös durch das schwarze Haar fuhr, wie sie bewusst in die andere Richtung starrte, als gäbe es dort etwas Interessantes zu sehen, wie sie ihren Gin Tonic trank und auf diese Weise verkündete: Komm doch her, wenn du dich traust, Cowboy.

Ich seufzte, knallte vierzig Pesos auf den Tresen und stand auf.

„Bist `n guter Bursche, Jimmy“, sagte ich und ergriff mein Glas. „Hast das Herz am rechten Fleck, eine seltene Eigenschaft heutzutage, ja, das kannst du mir glauben, seltene Eigenschaft.“

„Danke, Señor Raptis.“

Ein wenig schwerfällig und mit dem Gang eines Mannes, der zu viel getrunken und noch mehr von der Welt gesehen hatte, zwängte ich mich durch die Hochwohlgeborenen, die sich an der Bar tummelten und Champagner tranken, und begab mich zu jener fremden Schönheit, die mich zu sich gerufen hatte.

Sie spürte mein Kommen, tat aber so, als würde sie mich nicht bemerken, bis ich direkt vor ihr stand. Dann täuschte sie vor, verwundert zu sein und blickte mich mit ihren dunklen Augen an. Sie hatte einen asiatischen Touch und das gefiel mir.

Es gefiel mir sogar sehr gut.

„Salud“, sagte ich mit einem charmanten Lächeln und prostete ihr zu.

Sie zögerte und blickte mich herausfordernd an. Ja. Wieso auch nicht? Wer das Spiel spielen konnte, der sollte es verdammt nochmal auch spielen. Und wie es aussah, mochte sie Spiele genauso sehr wie ich.

Wortlos stieß sie mit mir an und trank einen Schluck. Dabei hatte ich Gelegenheit festzustellen, dass ihr Unterarm tätowiert war. Als ich genauer hinblickte, erschrak ich, denn ich erkannte das Symbol der Batukadischen Schlange. Das geheime Symbol einer Zunft, die, so sagte man, zu den gefährlichsten Triaden in ganz Laos gehörte.

Ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen. In Wahrheit jedoch hätte ich so etwas wie den Anflug von Furcht empfunden, wenn Alkohol und schöne Frauen mich seit jeher nicht derartig abzulenken in der Lage gewesen wären.

Die Batukadische Schlange. Andere nannten sie den Drachen von Laos, wieder andere sprachen vom Gott des Todes. Tatsächlich handelte es sich bei dieser Zunft jedoch um ein Mysterium. Vielleicht waren das alles nur Mythen?

Ja, vielleicht.

„Bist du nervös, Gringo?“, fragte sie mich und zwinkerte mir zu.

„Ich bin nicht weniger nervös als du“, sagte ich und räusperte mich. „Und du bist nicht weniger Gringa als ich.“

Diese Antwort schien ihr zu gefallen, denn sie öffnete einen spaltbreit ihre Lippen. Es war der Anflug des Schattens eines anerkennenden Lächelns. Ja, sie mochte Spiele.

„Woher kommst du und was treibt dich nach Guadalajara?“, fragte ich freundlich.

„Woher ich komme, spielt keine Rolle. Was mich hierher bringt, ist ein dringlicher Auftrag.“

„Das ist gut und fair so“, sagte ich und nickte bestätigend, bevor ich ihr eine Zigarette anbot und mit einem Streichholz anzündete.

„Und du, Gringo?“

„Woher ich komme, spielt ebenfalls keine Rolle. Und in diesem Augenblick habe auch ich einen äußerst dringlichen Auftrag.“

Ich pustete das Streichholz aus und warf es in den großen Aschenbecher. Dann lehnte ich mich an die Bar und blickte die Fremde von der Seite an.

„Du hast gute Manieren“, hörte ich sie sagen.

„Und du hast wunderschöne Augen.“

Ein Schatten huschte über ihr Gesicht. Sie schien mit Komplimenten nicht umgehen zu können. Aus diesem Grund wechselte ich sofort das Thema und fragte sie, was sie denn trinken wollte.

„Gin Tonic“, sagte sie und zog an ihrer Zigarette. „Danke.“

Im selben Moment stimmten die Mariachis eines meiner Lieblingslieder an. Den Einsamen Bullen. Ich sang leise mit.

„Nein, danke dir für die Einladung“, korrigierte ich sie mit einem Lächeln.

„Für die Einladung?“

„Naja, du hast mich ganz offensichtlich zu dir gerufen“, sagte ich und hob beide Hände, um meine Unschuld zu demonstrieren.

„Du hast mich angestarrt!“, sagte sie und es war das erste Mal, dass sie lächelte. „Da blieb mir nicht viel Anderes übrig.“

„Du meinst, ich habe mich selbst eingeladen?“

„Du hast die ersten zehn Türchen des Adventskalenders auf einmal eingetreten!“

„Bleibt also nur noch das Hintertürchen“, sagte ich nachdenklich.

„Oder die Feuertreppe“, meinte sie und zwinkerte mir zu.

„Oder die Feuertreppe“, wiederholte ich und trank gedankenversunken einen Schluck. „Oder die Feuertreppe.“

Sie musterte mich mit einem Anflug von Interesse. Ich mochte ihren Blick. Es fiel mir dennoch schwer, die Fremde zu lesen. Es schien mir, als würden kindliche Spontaneität und grenzenlose Erschöpfung um die Vorherschaft ihres Gesichtes ringen. Da war etwas. Etwas, was ich nicht benennen konnte. Etwas, das sie verbarg und was ihr auch gut gelang. Immerhin war sie eine meisterhafte Schauspielerin, das hatte ich von Anfang an bemerkt.

Doch auch ich war ein guter Schauspieler. Und ich wusste: Da war etwas. Etwas, von dem sie nicht wollte, dass irgendjemand davon erfuhr.

Sie war hübsch. Ich begehrte sie und das wusste sie. Wären Konvention und Emanzipation mir nicht im Nacken gesessen, hätte ich sie vermutlich geküsst.

„Wie heißt du?“, fragte ich nach einer Weile und sah ihr tief in die mandelförmigen Augen.

Sie war gerade im Begriff zu antworten, als urplötzlich ein lauter Knall ertönte. Die Gespräche ringsum verstummten. Die Mariachis hielten in ihrem Treiben inne. Ich benötigte eine Sekunde, um zu begreifen, dass es sich bei dem Geräusch um einen Pistolenschuss gehandelt hatte.

„Runter!“, schrie die Fremde unvermittelt, packte mich und warf uns beide zu Boden. Im selben Moment kam das Glas zum Überschwappen. Männer und Frauen verfielen in panisches Kreischen, Gläser, Flaschen und Fenster klirrten.

Endlose Pistolenschüsse zerrissen die Luft und verwandelten den Ort binnen Sekundenbruchteilen in ein Schlachtfeld.

Heilloses Chaos brach aus.

Ich hatte keine Ahnung, woher die Schüsse kamen, hatte keine Ahnung, weshalb sie kamen. Ich spürte nur, wie die Fremde mich in geduckter Haltung mit sich zerrte und an der Bar entlang durch das Lokal lotste.

„Was zum…“

Etwas Warmes benetzte urplötzlich mein Gesicht. Ich erkannte eine Fontäne aus Blut und wenig später einen Dolch in den Händen meiner mysteriösen Retterin. Sie hatte jemanden getötet!

Verdammte Scheiße, was geschah gerade!

„Was zum Teufel ist hier los?“, schrie ich, doch meine Stimme ging im Lärm unter. „He!“

Die Unbekannte blieb abrupt stehen und drehte sich zu mir. Blutstropfen benetzten ihre hohen Wangenknochen. Das Blut des Mannes, den sie getötet hatte.

„Was geschieht hier?“, fragte ich außer Atem.

„Wir müssen hier sofort verschwinden. Keine Zeit für Erklärungen.“

Ohne ein weiteres Wort und ohne meine Hand loszulassen, rannte sie in geduckter Haltung weiter. Ich folgte ihr in blindem Vertrauen. Was hatte ich auch für eine Wahl? Ringsum ertönten Pistolenschüsse, Glasscherben regneten auf unsere Köpfe hernieder, Blut und explodierende Flaschen überschwemmten die Bar wie eine Sintflut.

Als sich uns zwei Männer in den Weg stellten, sah ich meine Retterin ihren Dolch schwingen. Binnen Sekunden sackten beide leblos in sich zusammen.

„Du hast sie umgebracht!“, schrie ich sie an.

Sie ignorierte mich. Plötzlich waren wir draußen. Für einige Momente erlaubte ich es mir, zu verschnaufen. Natürlich, ich hatte bereits die eine oder andere Schießerei in Guadalajara miterlebt. Das gehörte dazu. Aber in ein Kreuzfeuer war ich noch nie geraten.

Und ich war erst recht noch nie von einer Frau gerettet worden.

„Wer bist du?“, rief ich wutentbrannt.

Sie schwieg und zerrte mich wie einen willenlosen Sack mit sich. Wir steuerten auf ein schwarzes Auto zu.

„Verdammt, rede mit mir, du!“, schrie ich.

„Mein Deckname ist Lo Tiph“, antwortete sie knapp. „Los, ins Auto.“

„Nein!“, sagte ich entschlossen und blieb stehen.

Wie, um meine Antwort zu unterstreichen, erklangen Pistolenschüsse aus der Bar.

„Ernsthaft?“, fragte Lo Tiph genervt und drehte sich zu mir. „Ernsthaft jetzt?“

„Ich steige nicht in dieses Auto!“, sagte ich und verschränkte trotzig die Arme vor der Brust.

„Dann willst du hier bleiben und sterben, verstehe ich das richtig?“

„Ich habe keine Ahnung, wer du bist! Du hast soeben drei Männer erstochen!“

„Männer, die uns töten wollten. Hätte ich sie nicht zuerst erwischt, wären wir nun nicht mehr am Leben. Aber das werden wir auch nicht sein, wenn du hier weiter rumzickst wie ein störrisches Mädchen! Los, ins Auto!“

„Wieso wollten die uns töten?“, fragte ich.

„Nun. Sie wollten dich töten. Ich hattet das Pech, an deiner Seite zu sein.“

Laute Stimmen machten auf sich aufmerksam, als ein Dutzend bewaffneter Männer aus der Bar trat.

„Oh verdammt“, hörte ich Lo Tiph knurren. „Los, los, los! Ins Auto!“

Motorisch rannte ich los und sah sie gerade noch zwei Pistolen aus ihrer Lederjacke ziehen. Noch während das nächste Pistolenfeuer die düstere Seitengasse in die Kulisse eines mexikanischen B-Movies verwandelte, stieg ich ins Auto. Kurze Zeit später sprang Lo Tiph in den Fahrersitz, startete den Motor und trat aufs Pedal.

Ein hysterischer Schrei entfuhr mir, als mein Fenster, von einer Kugel getroffen, in tausend Scherben zerbarst.

„Oh, Gott!“, klagte ich, doch meine Stimme ging im Quietschen der Reifen unter.

Lo Tiph fuhr wie eine Teufelin. Und ich hasste schnelle Autos. Ich fühlte, etwas Warmes und Feuchtes in meiner Hose.

Verdammt. Da hatte ich mich allen Ernstes angepisst. Vor einer Frau.

Das war alles einfach nur zum Kotzen.

„Was… ist hier los“, keuchte ich verzweifelt.

„Ich werde es dir erklären, sobald wir in Sicherheit sind“, sagte Lo Tiph. „Kannst du mit so einer umgehen?“

Sie hielt mir eine Knarre hin, ohne dabei den Blick von der Straße abzuwenden.

„Es… es geht“, sagte ich leise und ergriff die Pistole.

„Wenn die Bastarde die Verfolgung aufnehmen, schießt du. Verstanden?“

„Verstanden“, seufzte ich kopfschüttelnd. „Wer…“

„Ich bin ausgesandt worden, um dich zu beschützen. Reicht dir das als Antwort?“

„Wovor?“, rief ich unkontrolliert. „Wieso wollten diese Männer mich tot sehen?“

„Das wirst du noch früh genug erfahren. Du musst mir vertrauen. Meine Aufgabe ist es, dich zu beschützen.“

„Mich zu beschützen. Als nächstes behauptest du, ich wäre der Auserwählte und du ein Roboter. Bist du also ein… Roboter?“

„Nein, bei Bathuk, nein!“

„Bist du ein Mensch?“

„Aus Fleisch und Blut. Ich bin die schnellste Klinge meiner Gilde. Sie nennen mich die Schwarze Viper. Du musst mir vertrauen. Wir schweben in größter Gefahr.“

„Bei Bathuk“, wiederholte ich leise. „Dann gehörst du dem Clan der Batukadischen Schlange an?“

„Das tue ich.“ Sie nahm eine scharfe Rechtskurve, was mich beinahe vom Sitz schleuderte.

„Und wo fahren wir hin?“

„Mach dich auf eine kleine Reise gefasst, Hübscher. Wir begeben uns ins Geheimversteck. Wir fliegen heute Nacht nach Laos.“

TAM TAM TAM!

Okay zugegeben, die Geschichte hat nicht ganz so stattgefunden, aber ich hatte gerade Lust ein wenig zu schreiben. Ich hoffe, es hat dir gefallen! Falls ja, freue ich mich natürlich, wenn du auf den Share-Button klickst oder mir einen zuckersüßen Like schenkst.

Immerhin geht es im Leben ja nur um Likes, oder? Ein Posting, das nicht genug Likes hat, ist wertlos. *lacht*

Schönen Abend noch und wir sehen uns morgen mit Tag 5!

Besitos

 

 

(Jannis Raptis, „Ansichten eines Troubadours“ Blog 2016, www.jannisraptis.com)

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