Ansichten eines Troubadours, Woche 16: „Institutionelle Investoren“, Tag 5.

Einen wunderschönen Tag, wünsche ich!

Danke fürs Reinschauen und ein herzliches Prost an alle, die Wasser trinken.

Was machen deine Eskalationen? Deine Extrapolationen? Deine Spekulationen?

Bist du eigentlich eher salon- oder regimefähig?

Wenn du die Wahl hättest, in einer ur schirchen Wohnung in einem tollen Bezirk oder in einer riesigen, geilen Wohnung in einem furchtbaren Bezirk zu wohnen, wofür würdest du dich entscheiden?

Ernsthaft, ich glaube, die Antwort auf diese Frage sagt viel über einen Menschen aus.

Ich für mein Teil hätte am liebsten niemals wieder eine Adresse, aber auf jeden Fall immer eine Unterkunft. Nun, da ich aus Gründen realistisch-sozialer Natur seit fast drei Monaten in Wien gestrandet bin und jede Faser meines Körpers nach Ausbruch lechzt, während ich tagtäglich mit dem Erstickungstod ringe, wird mir eine Sache klarer denn je: Ich halte nichts aus, was mich in irgendeiner Form an die Vergangenheit erinnert.

Ich möchte alle Sofas verbrennen, alle Fenster einschlagen. Gleichzeitig – und das sage ich, obwohl mich mit Wien kein purer Hass, sondern durchaus eine Hassliebe verbindet – bin ich der Ansicht, dass es Orte gibt, die einem sehr viel Schaden zufügen können.

Einen Platz in der Welt zu finden, halte ich für das Schwierigste überhaupt und ich beneide jene gefühlt 90% der Bevölkerung, die problemlos glücklich sein können in einer Stadt, in der sie ihr gesamtes Leben verbracht haben. Ich beneide die Leute, die mit der U6 fahren, ohne dabei in Tränen auszubrechen, die das Billa-Schild sehen und keinen Depressionsschub bekommen, die durch den 10., 11., 12. Oder gar 23. Frohlockend spazieren können, ohne dabei in die Knie zu gehen und Blut zu husten.

Ich beneide die Glücklichen so sehr!

Ich beneide all Jene, die morgens aufstehen und in die Arbeit fahren können, ohne dabei das Gefühl zu haben, ihr Todesurteil unterschrieben zu haben. Ich beneide all Jene, die mit einer geliebten Person zusammenziehen und heiraten, ohne dabei zu befürchten, ihren letzten Funken Freiheit aufgegeben zu haben.

Es ist scheinbar möglich, glücklich zu sein. Und ich schreibe wie ein betrunkener Pfosten tagtäglich Briefe an dich, in der Hoffnung, mit meiner Fragerei, dem Sinn, dem Glück näher zu kommen, nicht wissend, dass diese Queste den zartbitteren Beigeschmack des Todes mit sich bringt.

Ich bin ein politischer Idealist, aber bei Gott kein Mörder.

Sag es mir! Sag mir, wie kann man mit sich leben, wenn man den Westbahnhof und dessen Abschaum erblickt, wenn man tagtäglich mit öffentlichen Verkehrsmitteln, lieblosen Gesichtern und trostbefreiten Hamsterrädern konfrontiert wird?

Und weißt du, was ich fürchte?

Dass diese tristen Seiten einer Stadt allgegenwärtig sind. Es gibt keine Stadt auf dieser Welt, die keinen Westbahnhof, keine U6 und keine geifernden Orks zu bieten hat.

Bedeutet das, dass diese Welt durch und durch ein hässlicher Ort ist? Dass es keine Fluchtmöglichkeit gibt? Dass gebrochene Leute wie ich, nur mehr in den Dschungel oder in die Berge gehen können?

Hach.

Siehst du die Venus da draußen? So fett hat sie noch nie geleuchtet.

Ein Funken Hoffnung?

Ein Wegweiser?

Ich habe keine Heimat, lieber Leser. Wenn du eine hast: Du hast mehr, als du dir vorzustellen vermagst.

Ich schreibe Lieder und Fantasymärchen, um nicht zu ersticken, um nicht zu ertrinken in der grenzenlosen Dunkelheit, die mich umgibt. Meine einzige Heimat ist meine Kunst.

Und wenn du es ganz geschwollen willst: Meine einzige Heimat ist die Zeit.

Wenn es einen Geiferer da Draußen gibt, der sich von mir verstanden fühlt: Das Ziel dieses Blogs wurde erreicht! Mission complete!

Wir Ertrinkende müssen zusammenhalten. Wir müssen uns stets gegenseitig daran erinnern, dass nicht WIR die Wahnsinnigen sind. Wir müssen uns ständig daran erinnern, dass wir blinde Passagiere auf einem sinkenden Schiff sind, das sich „Leben auf der Erde innerhalb einer sich gegenseitig ausrottenden Gesellschaft“ nennt. Wir müssen uns daran erinnern, dass wir lediglich in einer Übergangsphase stecken und unsere Aufgabe AUSSCHLIESSLICH darin besteht, unseren Mitmenschen zu helfen, Gutes zu verbreiten, Schlechtes zu vermeiden und die Liebe zu verstreuen.

Unser Licht und unsere Liebe gehören nicht uns.

Sie gehören der Welt und all jenen Verlorenen, deren Licht ihnen vor langer Zeit abhanden gekommen ist.

Was, wenn wir unser Licht verlieren? Wenn der Tresen zu unserer Bettstatt und die Pein zu unserer Geliebten wird? Wer gibt es uns?

Gott?

Alle Versprechen, die die Götter gaben: Ungültig.

Cancelled. Error.

Eingewickelt in EAN-Codes, stigmatisiert von den Konzernen und besessen von einem Dämon namens Konsumgeilheit, der aus den tiefsten Höllenkreisen – der feurigen Ebene der Blindheit und Unachtsamkeit – stammt, haben wir nun den Schlamassel auszubaden, den Andere anrichteten.

Kyrie Eleison.

 

(Jannis Raptis, „Ansichten eines Troubadours“ Blog 2017, www.jannisraptis.com)

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2 thoughts on “Ansichten eines Troubadours, Woche 16: „Institutionelle Investoren“, Tag 5.

  1. Hallo.
    Das Gefühl hast du gut umgeschrieben. Ich glaube, dass jeder Mensch bekommt dieses Gefühl von Zeit zu Zeit.
    Und ich glaube, dass die einzige Lösung um dieses Gefühl zu bekämpfen, wenn man sich Ziele ausdenkt und anfängt diese Ziele zu folgen.

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