Ansichten eines Troubadours, Woche 18: „Gäste, Geister und Geschenke“, Tag 4.

Einen wunderschönen Tag, werte Leserschaft!

Alles klar?

Die Sonne scheint, die Vöglein zwitschern, das Blattwerk raschelt und ich beginne den Tag mit einer frischen Grapefruit und zweieinhalb Liegestützen.

Es sind die kleinen Dinge.

Ein weiteres Mal sitze ich also hier, vor den Ansichten eines Troubadours, die eigentlich die Meinen sein sollten, und stelle mir die Frage: Worüber soll ich heute nur schreiben?

Was empfinden Troubadoure? Wovor fürchten sie sich? Wovor schrecken sie zurück? Was lieben sie? Was inspiriert sie?

Hach, lieber Leser, werte Leserin. Ich erwachte heute in aller Herrgottsfrühe (11:38) aus einem furchtbar intensiven Traum. Derzeit träume ich immer häufiger von eben jener Stadt, nach der ich mich sehne und tagsüber erreichen mich Flashbacks von ihren Straßen und Plätzen wie göttliche Eingebungen.

Sie ruft mich zu sich. Ich MUSS so bald wie möglich wieder zurück.

Und das werde ich natürlich auch.

Denn ich sehe nicht ein, wieso ein Mensch aufgrund bürokratischer Möchtergernhindernisse nicht an dem Ort leben kann, den er wirklich liebt.

Ich denke nicht, dass es wie in den Beziehungen zwischen Mann und Frau ist, wo die einzig wahre Liebe – und davon bin ich überzeugt – die unerwiderte Liebe ist.

Applaus an die Minnesänger da draußen! Ihr seid meine Helden. Und ich will so sein wie ihr.

New York, ich liebe dich, wie ich keine Stadt auf dieser Welt je geliebt habe. Und ich werde zu dir zurückkehren.

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Aber bis der krumme Zeigefinger der Bürokraten, der sich tief in meinen Enddarm gebohrt hat, nicht von mir weicht, bin ich gestrandet. Gestrandet an einem Ort, der mir Wunden zufügt und mich an ein Leben erinnert, das schon lange nicht mehr das Meine ist. Ein Ort, in dem die Geister der Vergangenheit, die sich einst als schöne Frauen tarnten, mich verfolgen.

Ein Ort, der nun seinen Tribut fordert.

*Düster-in-die-Kamera-blickend*

Sag mir, Freund: Wie gehst du mit deiner Vergangenheit um?

Fürchtest du sie? Meidest du sie? Verfolgt sie dich? Hängst du an ihr? Liebst du sie womöglich?

Du musst mir natürlich nicht antworten. Aber stell dir mal die Frage selber.

Was ist es, das die Vergangenheit zu solch einem mächtigen Gegner macht?

Ich habe das Thema oftmals aufgegriffen. Bei der letzten Abhandlung kamen wir drauf, dass die Vergangenheit IMMER ein Teil von uns sein wird und das Konglomerat aus vergangenen Ichs unsere Persönlichkeit bildet. Was wiederum bedeutet, dass wir in jeder Sekunde einem ständigen Wandel unterworfen sind.

Faszinierend.

Wie sagt Frodo am Ende von Herr der Ringe 3, nachdem er ALLES erlebt hat, so schön:

„Wie knüpft man an an ein früheres Leben? Wie macht man weiter, wenn man tief im Herzen zu verstehen beginnt, dass man nicht mehr zurück kann? Manche Dinge kann auch die Zeit nicht heilen, manchen Schmerz, der zu tief sitzt und einen fest umklammert.“

Das, werter Herr Beutlin, ist eine sehr berechtigte Frage.

Und du weißt, wie Meister Frodo sie beantwortet hat. Er hat ein Schiff genommen und ist in den Westen gesegelt, zum fernen Kontinent Valinor ohne Aussicht auf eine Rückkehr.

Genauso fühle ich mich.

Nur, dass es auf Valinor keine Probleme mit Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen gab! *lacht*

Ich möchte, dass du dir heute folgende Fragen stellst, wenn du ein Paar Minuten für dich allein hast:

1. Bin ich zufrieden mit den Umständen und wie sie sich entwickelt haben?

2. Falls nein: Was müsste anders sein? Falls ja: Wenn ich dieses Leben für den Rest meines Lebens leben könnte, würde ich es tun? Wenn ich die Wahl hätte jetzt „Ja“ zu sagen und alles bleibt so, wie es gerade ist, bis zum Ende, oder aber „Nein“ zu sagen, und fortan als zerrüttetes wölfisches Geschöpf durch die Gezeitenströme zu irren, mit der geringen Hoffnung, wahres Glück zu erlangen, wofür würde ich mich entscheiden? Ja oder Nein?

Ja oder Nein?

 

 

(Jannis Raptis, „Ansichten eines Troubadours“ Blog 2017, www.jannisraptis.com)

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