Ansichten eines Troubadours, Dezember 2018: „Next please“

Da sind wir also wieder. Am Abgrund der Gezeiten; unter uns die wohlvertraute Kluft. Ein weiterer 365-Tage-Zyklus, den wir mit dem Beinamen „Jahr“ versahen, ergibt sich unter qualvollem Ächzen der Vergangenheit und schafft Platz für seinen Nachfolger.

Doch es ist kalt und dunkel in der Endlosigkeit des Alls. Hier frieren Raum und Zeit ein. Hier gibt es kein Begehren, kein Lechzen, kein Bitten und kein Wollen. Alles nimmt seinen Lauf und der Erdball sticht aus der Dunkelheit hervor wie eine Oase der Hoffnung. Unter weißen Wolkenmustern erheischt der Blick kosmischer Passanten dieses klare, endlos schöne Blau – und nur zu Erahnen bleiben Größe und Pracht der Ozeane, die den Planeten bedecken. In verspielten Mustern treten die Kontinente hervor wie die Panzer gewaltiger Meeresschildkröten. Und beständig kreist dieser Wanderer vor sich hin, folgt einer Bahn, die nur er kennt und weicht nicht von ihr ab. Nichts ist wichtiger als diese eine Bahn, der der riesige Wanderer folgt und so, wie das Spermium in geradezu manischer Euphorie nach Leben trachtet, so tut dies auch der Riese. Denn Klein und Groß folgen den selben Gesetzen. 

Sie wollen erhalten und erhalten bleiben.

Das ist ihr einzig’ Bestreben und jenes des gesamten Kosmos. In dieser Einfachheit liegt das Mysterium des Universums verborgen. Der Kosmos braucht keinen „Lebenssinn“. Er folgt einfach, fließt lediglich. Das ist es, was wir gemeinhin als Tao bezeichnen. Wie also kann ein Teil dieser wundersamen und endlosen Schöpfung sich dagegen stellen? Wie kann die Spezies, die wir beide hier in- und auswendig kennen, so derartig irre nach einem Sinn in dem suchen, das bereits von sich aus einen Sinn darstellt – dem Leben.

Gib deinem Leben einen Sinn.

Gib ihm doch lieber einen Gin!

Wer später nicht mal „was werden“ möchte, ist also gerade nichts? Wer nicht genug Leistung bringt und Profit macht, der ist also nichts wert? Und im Versuch, eben dies zu erreichen, hurt und frisst er ohne Rücksicht auf Verluste, ohne Moral, Selbstrespekt, Achtsamkeit und Demut, bis das Wildschwein in ihm Überhand genommen hat?

Bravo!

Neulich riskierte ich wieder einen meiner seltenen Blicke in die Pandora-Büchse namens TV und erspähte eine Reality-Show, die entsetzlicher, widerwärtiger und falscher nicht hätte sein können, mit dem Titel: Power of Love.

Was, in Gottes Namen, ist das nur für eine Frechheit… Die „Power of Love“, das reinste und schönste, was einen wirklichen Wert hat, derartig zu entweihen und ungeschoren davonzukommen, beleidigt mich zutiefst. Um ehrlich zu sein, möchte ich heulen, kotzen und eine Flasche Whisky intravenös eingeführt bekommen. Gleichzeitig.

Hier herrscht die reine Willkür. Nichts besitzt mehr einen Wert, nur Lügen, Lügen, Lügen. Und ich denke an den Planeten, an diesen wunderschönen, blauen Ball in der Dunkelheit des Alls und mir kommen die Tränen. Er sieht so vielversprechend aus… So schön, so anmutig. Wie groß nur sind die Schmerzen für jene, die um sein Los wissen! Befallen von einem Stamm, der nimmt, ausbeutet und zerstört und sich in ein selbst erschaffenes Nirvana frisst, bis er hoffentlich eines Tages platzt.

Daran zu glauben, dass die nächsten 365 Umdrehung des Erdballs etwas verbessern werden, grenzt an Idiokratie. Das werden sie nicht, außer wenn jedes Individuum beginnt, sich selbst und somit die Welt zu verbessern.

Und wir alle wissen, dass das nicht passieren wird.

Drum: Scheiß auf Silvester, scheiß auf Joffrey und scheiß auf den König.

Oder, wie ich neulich in einem Anflug tiefer Verzweiflung zum Publikum lallte: „We are all old, ugly and we are going to die. This is all meaningless. Worst audience ever.“

Und ich bitte nicht um Entschuldigung. In diesem Sinne: Gib meinem Hängen einen Sinn. Lass uns Händchen halten und gemeinsam irgendwie versuchen, die Überbleibsel dieser Zerstörung zusammenzutragen. Denk an das oben beschrieben Bild, sieh es, fühle es. 

Lieben wir denn nicht den Boden, der uns nährt? Diesen gutmütigen, kugelförmigen Riesen, der uns trägt und füttert?

Wir sind Erdlinge, for fuck‘s sake! Earthlings – all ONE!

Und es ist an der Zeit, dass all die verfickten Nationalisten, Kriegstreiber und Faschisten mit ihren Dämonen, Göttern und „heiligen Büchern“ endlich einsehen, dass ihre Zeit abgelaufen ist. Lange wird dieses Spiel so nicht mehr weitergehen. Wie viele 365 Umdrehungen soll unser geliebter Ball noch erdulden, wenn wir, anstatt ihn und uns gegenseitig zu pflegen, stattdessen ALLES zerstören, was er zu bieten hat?

Die Zeit wird knapp.

Mir ist schlecht, und ich bin noch nicht einmal betrunken.

Prosit Neujahr.

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