Der milchig trübe Februar neigt sich seinem Ende. Es fällt mir jedes Jahr schwer, zu glauben, dass die kargen Äste der Baumriesen aus dem Neunzehnten bald mit frischem Blattwerk bespickt sein werden. Dass bald wieder Musik von den nächtlichen Gartenparties erklingen und Wein ausgeschenkt werden wird. Dass ich bald wieder auf dem Balkon sitzen und den Eichhörnchen beim Balzen zusehen kann.

Episode 10: Die Helden der Döblinger Legion Jannis Raptis | Geschichten aus dem Neunzehnten

In Episode 10 begeben wir uns nach zwei Monaten Sommerurlaub zurück zu den Baumriesen des Neunzehnten Bezirkes.
  1. Episode 10: Die Helden der Döblinger Legion
  2. Episode 9: Trautes Heim, Glück allein
  3. Episode 8: Soko Nussdorf
  4. Episode 7: Beichte auf der Bellevue
  5. Episode 6: Zu Gast in der Nightline

Noch aber ist es recht kalt und grau und ich spaziere durch Neustift mit windzerrauftem Bart, Mantel und Mütze. Vor meinen Einkäufen begebe ich mich auf den Wanderweg mitten im Weinberg, die Kopfhörer tief in den Ohren, das Gesicht grundlos leidend, der Schritt eilig. Wie so oft ermahne ich mich dazu, die Falten auf der Stirn zu lösen, tiefer zu atmen und langsamer zu gehen. Mittlerweile ist das eine tägliche Übung geworden, die tatsächlich Früchte trägt. Womöglich müssen die Bewohner dieser Generation ein für alle Mal einfach akzeptieren, dass sie getrieben sein werden. Dass sie es eilig haben werden, ohne zu wissen weshalb.

Oder aber das Problem liegt bei mir allein, mutmaße ich, während meine Stiefel auf den matschigen Kieselsteinen knirschen. Ich gehe an den verlassenen Hütten vorbei, wo in ein, zwei Monaten Weine ausgeschenkt und Männer und Frauen aller Altersgruppen und aus aller Herren Bezirke hier ihre Samstag- oder Sonntagnachmittage verbringen werden. Zu meiner Rechten führen die Weinberge steil bergauf, oben blicken mir die kahlen Bäume des Wienerwaldes stumm entgegen. Links geht es steil bergab zur großen Rathstraße und den Heurigen und dort wiederum zur Linken schmiegen sich die Neustifter Anwesen und Häuschen bunt und innig an ihren Hügel.

Schön ist es hier und es tut gut, sich geborgen und sicher zu fühlen. Wären da nur nicht die ständige Ichauflösung, die Paranoia der Vergangenheit und die Angst vor dem Tod.

Könnte damit die Angst vor dem Leben gemeint sein, stelle ich mir beinhart die Frage. Bevor ich eine Antwort darauf finde, setze ich mich auf die Bank neben dem Obelisken, der, seit ich denken kann, am Wegesrand steht und eine schwere Steinstatue auf seinem Sockel erträgt. Das katholische Granitkunstwerk aus dem Jahr 1697 stellt eine Heilige Maria dar, die auf uns Wanderer herabblickt, die Hände zusammengefaltet, der Blick leidend, um uns auf unseren Wegen zu segnen. Zumindest reime ich es mir so zusammen. Eine kleine Lampe ist mit einem Giebel an den unteren Rand des Sockels befestigt, darin steckt eine rote Kerze, die nachts manchmal brennt. Ganz unten, innerhalb einer wappenartigen Gravur, steht in blutroten Lettern geschrieben:

„Ich will Feindschaft setzen zwischen dir o Schlange und dem Weib und zwischen deinen Samen und ihrem Samen Sie wird dier den Kopf zertretten“

I. B. Moses CAP. III. V. XV

1697

Wieso das Dir mit langem „i“ und das Zertreten mit zwei „t“ geschrieben stehen, kann ich mir nicht zusammenreimen. Auch die Wortstellung wirkt auf mich, als hätte der Schreiberling kein richtiges Deutsch gekonnt. Am auffälligsten jedoch ist der Umstand, dass ich diesen Vers bislang in keiner Bibelübersetzung so wie hier gesehen habe. Der Teil „o Schlange“ sieht nach künstlerischer Freiheit aus; vermutlich, um den Kontext auf so wenig Platz irgendwie zu implementieren. Kapitel drei aus der Genesis. Der Fall des Menschen. Genau zwischen dem Paradies und Kain und Abel. Dort, wo Gott die Schlange verflucht, nachdem diese Eva dazu verleitete, von den verbotenen Früchten zu kosten.

Eine köstliche Stelle. Vor allem der Moment, an dem Adam auf Eva zeigt und meint, sie hätte als erste von den Früchten gekostet und ihn verleitet. Ganz großes Kino!

Und doch … es ist, so wie das meiste aus der Bibel, nicht ohne.

Wir begriffen, dass wir nackt waren; etwas, das den Tieren verwehrt bleibt. Zu begreifen, dass wir nackt waren, bedeutete, zu wissen, dass wir beschränkt, endlich und vulnerabel waren, etwas was uns Scham bereitete. Und vor allem bedeutete es, dass wir begriffen, wie ausgesetzt wir den Urteilen der Gesellschaft und unserer Selbst waren. Und gleichzeitig, wie viel Leiden wir in der Lage zu verursachen waren. Bewusstes und beabsichtigtes Leiden, war unsere Spezies doch mit denselben Mechanismen ausgestattet.

Das Wissen um Gut und Böse ward erlangt. Das Gewissen. Die Bürde der Entscheidung.

Die schützende Mauer um den Garten fiel. Der Mensch fiel. Der Traum endete und die Realität begann.

Ein wenig erschüttert von der Macht, die aus den Grundfesten der Menschheitsgeschichte zur mir zu dringen scheint, blicke ich auf die Säule. Wie ein einsamer Leuchtturm ragt sie in die Höhe und durchbricht die grauen Gewitterwolken, als ich mein Smartphone hervorziehe und ein Foto schieße.

Dass Eva als erste von der Frucht kostete, ist genauso ein leicht zu übersehendes Faktum, wie die Tatsache, dass die Jungfrau Maria verantwortlich für die Kreuzigung ihres Sohnes ist. Aber das ist wohl eine andere Geschichte.

Ich lasse das Telefon verschwinden und sehe zwei Joggern dabei zu, wie sie an mir vorbeirauschen. Dabei dringt der klassische Neunzehntbezirk-Talk zu mir; etwas zwischen Aktienkursen und Gemischtem Satz, welcher aus den gleichzeitig gepressten Trauben verschiedener Edelsorten gewonnen wird.

Also, Eva wird bestraft mit den Schmerzen der Geburt. Etwas, das vermutlich miteinschließt, wie lange der Abnabelungsprozess zum Kleinkind dauert und wie schmerzhaft dieser ist. Ein Mal las ich sogar, dass das damit zu tun hat, wie groß der Schädelknochen des menschlichen Säuglings ist und dass die Größe des Gehirns wiederum unmittelbar mit Länge und Intensität des oben genannten Leidens zusammenhängt.

Ich keuche, während mein eigenes Hirn sich zu überschlagen beginnt und blicke auf die Heilige Maria über mir. Die jungfräuliche Mutter. Jene Mutterfigur, die ihren Sohn hinaussandte, dort, wo Schmerz, Lüge und Verrat lauerten, dort, wo er schließlich zerbrach und auf grausamste Weise starb. Sie tat es, da sie vermutlich wusste, dass alles andere falsch gewesen wäre. Sie tat es, weil ihr Kind nicht loszulassen der Innbegriff des Chaos – der Hölle – gewesen wäre.

Sie tat das, was die perfekte Mutterfigur getan hätte.

Bevor mein Hirn in die Metaphysik der symbolischen Jungfräulichkeit driften kann, ermahne ich mich, aufzustehen. Das viele Nachdenken mag zwar eine kathartische Wirkung haben, wenn man sich jahrtausendealte Symbolik zu erklären versucht, aber am Ende des Tages ist es wie mit der Katze, die sich in den Schwanz beißt. Dieses endliche Gefäß kann so Vieles nicht erfassen. Mit der linken Gehirnhälfte mag ich vielleicht zu sehr interessanten gesellschaftsrelevanten oder biologisch-historischen Erkenntnissen kommen, dazu alle Bücher und Aufsätze zu dem Thema lesen und Podcasts aller Philosophen des Abendlandes anhören, aber … ich finde weder Glück noch Erfüllung.

Lustig, dass diese Statue über mir wahrscheinlich genau Letzteres bewirken hätte sollen in den Jahren, die sie hier steht. Möglichst wenig analysieren, stattdessen vertrauen und einfach glauben, dann kommt das innere Glück. Vielleicht.

Ich schätze, beide der oben genannten Wege führen zu Sackgassen.

Genauso wie dieser kleine Wanderweg, die Mitterwurzergasse, die sich zwischen Weinberg und Heurigenmeile ihren Weg bahnt, genauso wie der Neunzehnte, der zwischen Wienerwald und Großstadt nach seiner Bestimmung sucht, genauso wie der kleine Grieche, der hier spazieren geht und einfach nicht weiß, wo er hingehört.

Schön, denk ich mir. Wieder mal ein toller Spaziergang mit grandiosen Erkenntnissen!

Hätte ich Zeit und nicht mit dem Alkohol abgeschlossen, würde ich wohl auf ein Glaserl Gemischter Satz runter zum Fuhrgassl Huber wandern. Doch die Pflicht ruft. Das Einzige, was mir aus der Patsche hilft, wenn ich wie so oft nicht weiß, wohin. Die Arbeit und das Füttern des Künstlertraumes, an dem ich eines Tages zerbrechen werde.

Ich biege ab und folge dem Fuhrgassel steil runter, gehe an den Heurigen vorbei, während zu meiner rechten die Autos auf der vielbefahrenen Straße des Neunzehnten rauschen und mache mich daran, die Einkäufe für die Woche zu tätigen.

Haferflocken stehen ganz oben auf der Liste.

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