Nach zwei Bier im N35 einzuschlafen, könnte zwei Dinge bedeuten. Ein neuer Tiefpunkt ist erreicht. Oder man wird einfach alt.

Ich schrecke aus meinem Sekundenschlaf hoch, als die Türen der 35A Buslinie, die nachts N35 heißt, zuknallen und der Lindwurm mit frischem Fahrer von der Nussdorferstraße lospoltert. Dabei ist es nicht einmal besonders spät. Drei Uhr fünf. Die meisten, die im Bauch der Bestie Platz genommen haben, wirken fast schon nüchtern. Wobei nüchtern in der Wiener Nightline ein – sagen wir – dehnbarer Begriff ist.

Episode 6: Zu Gast in der Nightline Jannis Raptis | Geschichten aus dem Neunzehnten

In Episode 6 wagen wir uns mit der Wiener Nightline durch den Neunzehnten Bezirk und denken über so dies und jenes nach.
  1. Episode 6: Zu Gast in der Nightline
  2. Episode 5: Marienerscheinung im Fuhrgassel
  3. Episode 4: Begegnungen im Café Friedl
  4. Episode 3: Das Tummeln am Trummelhof
  5. Episode 2: Dilemma beim Wolff

Jedenfalls ist es schon ein Weilchen her, dass ich mit der Nightline fuhr. Ab einem gewissen Punkt in meinem Leben hielt ich es schlicht für pietätlos, sich das anzutun, nachdem man dutzende von Euros zuvor an Drinks, Nahrung und was weiß ich noch alles ausgab. Geld fürs Taxi auszugeben, hat für mich zum Fortgehen – oder Ausgehen, wie es im Bundesdeutschen heißt – immer irgendwie dazugehört. Es musste schon ein bescheidener Abend gewesen sein, um die Nightline zu nehmen. Zudem erträgt man die Welt ja immer weniger, je älter man wird.

Manchmal jedoch reitet einen dieser kleine Teufel der Mäßigkeit, der kleine Teufel, der einen zügeln und erden will. Wozu mit Geld um sich schmeißen, wenn man doch eine Jahreskarte für die öffentlichen Verkehrsmittel der Stadt Wien hat? Wieso nicht mal mit dem Bus nach Hause fahren.

Erdung, rede ich mir ein und trommle mit den Fingern auf das Plastikgelände, um mich wachzuhalten. In fünf Jahren wieder. Aber wenn alles nach Plan verläuft, hab ich bis dahin ja bestimmt schon die rustikale Villa am Land, den Porsche und im schlimmsten Fall halt einen Chauffeur.

Aber wann läuft alles schon nach Plan, seufzt mein Inneres und erneut überkommt mich eine Woge der Müdigkeit. Einfach einschlafen. Das wäre gut. Tief, lang und erholsam. Und wenn man aufwacht, ist alles kristallklar, die Sonne scheint und die Welt hat sich gewandelt. Keine Klimakatastrophe mehr und keine sinnlosen Kriege, keine Hirngespinste und keine Verblendung. Ein Neuanafang.

Reset.

Weltschmerz, der Klassiker der späten Stund! Ich lächle erschöpft und fühle mich an die Momente grenzenloser Einsamkeit erinnert, als ich keinen Partner, keine Arbeit und keinen Kontakt mit mir oder der Außenwelt hatte. Damals, als drei Uhr nachts noch richtig wehtat. Damals, als diese Heimfahrt, über die ich nun mit Distanz und Humor in der Lage zu schreiben bin, noch eine Notwendigkeit des Lebenswandels war. Als Dunkelheit, Einsamkeit und die Kälte der Nacht einen zu ersticken drohten, nachdem bereits alle Register gezogen worden waren und schlussendlich nicht für Trost hatten sorgen können.

Damals, als es so etwas wie eine Heimfahrt tatsächlich gar nicht gab.

Mittlerweile weiß ich es besser. Ich ging – wir gingen – immer nach Hause. Novalis wusste das schon. Und nun, nun fahre ich mit der Nightline und lächle ein wenig betreten, doch zufrieden. Zufrieden, dass ich hier nur zu Gast bin. Dass ich schon lange nicht mehr Teil jener Crew bin, die in diesem Augenblick hin und her geschleudert wird und sich morgen vermutlich nicht erinnern wird, wie sie wohin auch immer ankam.

Teil des Schiffs, Teil der Crew …

„Foahrscheinkontrolle“, posaunt ein zugegeben gut getarnter Kontrolleur aus dem Nichts heraus und macht sich mit einem Klingeln des Ticketautomaten wichtig.

Als Gesetzeshund, der ich in solchen Belangen ja bin – und gern bin – greife ich automatisch in die Innenseite meiner Jacke, entnehme ebendieser mein Portemonnaie und ziehe meine Jahreskarte heraus, um sie dem verwahrlost wirkenden Wichtigtuer unter die Nase zu reiben. Der jedoch scheint mit Problemen anderer Natur beschäftigt zu sein. Manche schlafen und ignorieren ihn geflissentlich, andere kramen ewig lang herum und als er vor einem Neunzehntbezirkler stehenbleibt, muss er sich von oben herab noch anhören, was für eine Frechheit das eigentlich ist. Tatsächlich macht ihn der elitäre Schönling, der vermutlich von der Bellevuestraße oder dergleichen herabgestiegen ist und seine Herrlichkeit mit dieser lausigen Busmannschaft teilt, mit elfenhaft klarer Stimme und geübter Rhetorik zur Sau. Was genau er für eine Frechheit hält, erschließt sich mir nicht. Der Kontrolleur jedenfalls gibt klein bei und wirkt in diesem Augenblick so hilflos, dass ich – wäre ich mehr als ein stummer Beobachter auf dieser Welt – beinahe gewillt bin, ihn auf seiner Odyssee durch den Neunzehnten zu unterstützen. Wie ein nasser Biber, dem sein Bau eingestürzt ist, steht er da und wirkt neben all der Döblinger Magnitude wie ein Fehler in der Matrix.

Sei froh, denk ich mir im Stillen, dass du zumindest im Neunzehnten bist, wo dies das schlimmste ist, das dir passieren kann. Sei froh, dass du keine Fahrscheine am anderen Ende der Stadt kontrollieren musst, wo dich vermutlich ein anderes Los erwartet hätte. Du wirst deine Pflicht erfüllen, morgen zu deiner Frau fahren und weiterleben.

„Hello, my name is Georg“, reißt mich die mit schwerem Wiener Akzent beladene Stimme eines Mitfahrers aus den Gedanken.

Der hochrot angelaufene Alkoholiker, der mir irgendwie bekannt vorkommt, stellt sich in vollster Seriosität zwei aufgetakelten Damen vor und wirkt auf mich wie ein Gaukler, dem die Jongleurbälle ausgegangen sind.

„Hablas Espanol?“, versucht er es nochmal, doch die Angesprochenen kichern nur, ignorieren ihn und unterhalten sich weiter auf – wie mir scheint – spanisch miteinander.

Ich lasse den Blick schweifen und wage mich langsam, aber sicher an die Kulisse, über die ich, wie mir langsam schon klar wird, schreiben werde. Bunt durchgemischt sind wir, während dieses absurde Gestell uns durch die nördlichen Säume der Stadt fährt, die einst das Juwel Europas darstellte.

Ein älteres, gut gekleidetes Pärchen, bei dem ich mir wirklich die Frage stelle, weshalb auf eine Taxifahrt verzichtet wurde. Etliche junge Wiener mit dem guten Aussehen und der verspielt charmanten Präpotenz des Neunzehnten, die Champagnerflaschen mit sich herumschleppen und vermutlich noch auf irgendeine geheime Party in ein Anwesen nahe Wienerwald fahren. Außerdem Leute, die nicht ganz in die Döblinger Reichenkulisse passen und dem Gemälde einen exotischen Touch verleihen. Eine Gruppe Anatolier mit Bomberjacken und unschön militantem Auftreten. Ein richtig gefährlich wirkender Kerl, der alleine im vordersten Teil des Buses sitzt, blass, kahlköpfig und mit aggressiv eckigen Tattoos am Hals. Eine kränklich wirkende junge Mutter mit Kinderwagen, weißer Haut, Piercings und geröteter Nase. Ein Afrikaner, der laut telefoniert, viel lacht, und mir definitiv der sympathischste hier ist. Ein älterer Herr im Rollstuhl, der mir schon des Öfteren in der Gegend aufgefallen, und der meistens betrunken ist und, wie mir scheint, einzig im Bus nicht raucht. Die zwei aufgetakelten spanischen Touristinnen. Eine alte, gruselige Frau ganz hinten im Bus, die tief schläft.

Und ein Typ mit riesigem Vollbart, der schweigsam beobachtet und sich Notizen im Kopf macht.

Wenn ich so direkt vergleiche, wie es früher in der Nightline war und heute, nach all den Jahren, dann fällt mir eine Sache ganz besonders auf. Fast alle starren auf ihre Smartphones und es scheint das wichtigste auf der Welt für sie zu sein. Es ist traurig, möchte ich meinen, dass ein Typ wie Georg, der sich den Leuten vorstellt, mehr wie ein Idiot wirkt als all die Schläfer, die von ihren Bildschirmen eingesogen werden.

Wer bin ich, um sie zu verurteilen, geht es mir durch den Kopf. Sie werden schon wissen, was sie tun.

Manchmal habe ich wirklich Schwierigkeiten, mich zu erinnern, wie es damals war. Vor den Smartphones. Was haben die Leute die ganze Zeit gemacht? Aus dem Fenster gestarrt? Gelesen? Sich unterhalten? Maximal noch SMS geschrieben?

Diese unschuldigen Zeiten könnten einem Märchen entstammen. Damals, als noch nicht alles politisch korrekt sein musste. Vermutlich ist es nicht einmal politisch korrekt, das jetzt zu schreiben. Aber von Politik und Korrektheit besaß ich ohnehin nie eine Ahnung. Respekt reichte für meine Generation völlig aus. Da gab es keine große Formel, an der herumgetüftelt werden musste. Keine schwarzen Elfen in Tolkiens Universum, keine vierzig Gender, wo man sich nicht mehr auskennt, was jetzt richtig und was falsch ist, und keine Doppelpunkte mitten in Wörtern. Wörtern, die die Wirren des Althochdeutschen, des lateinischen, griechischen und keltischen Einflusses überlebt hatten und es in unser Zeitalter geschafft hatten wie Epochen überdauernde Monolithen, und in denen nun irgendwelche Spaßvögel Doppelpunkte hineinpflanzen, als hätten sie das Recht dazu.

Nein, Respekt – echter – reichte in meiner Kindheit völlig aus. Einfach nur realer Respekt, der alles, das nun kleinlich ausdefiniert wird, mit einbegriff. Auf eine selbstverständliche und profunde Art und Weise.

Zumindest bin ich so erzogen worden, und ich denke, meine Freunde sind es auch. Aber he: Wenn die Welt so ein furchtbarer und blinder Ort war, wie die Trends von heute uns so laut und klar verdeutlichen, dann bitte. Nur zu! Macht einen besseren Ort aus dieser Welt.

Da gäbe es halt noch so Bagatellen wie die Klimakrise, das Zusammenbrechen der Wirtschaft wie wir sie kannten und den drohenden dritten Weltkrieg, aber hey, nichts für ungut.

Der Bus kommt abrupt zum Stehen. Manche wanken. Andere kippen halb um. Andere schlafen auf ihren Sitzen weiter. Ich verschlucke mich an meinen eigenen Gedanken und schüttle den Kopf. Ein paar der Bumzualer – der Trunkenbolde – steigen aus, auch der Kontrolleur mit einem Unglückswurm, der keinen Fahrschein hatte. Niemand steigt ein. Der Bus ruckt an und poltert los und durch die Billrothstraße, den letzten Frontier, bevor es in die Dunkelheit der Krottenbachstraße geht.

Die Passagiere dösen oder schlafen weiter. Manche führen ihre Unterhaltungen fort. Die meisten versinken in ihren Bildschirmen. Man koexistiert einfach. Ein Haufen Säugetiere im Bauch der benevolenten Stahlbestie. Des ehernen Riesen, der uns nach Hause bringt.

Und jeder hier drin folgt einem Ablauf, den nur er kennt. Eine Bahn, die scheinbar vorprogrammiert ist und den jeweiligen Protagonisten nicht loszulassen gedenkt. Doch über Schicksal und freien Willen zu debattieren, liegt mir um die Uhrzeit fern. Fakt ist: Jeder ist der Protagonist seines eigenen kleinen Lebens. Was wahrgenommen wird, ist so subjektiv wie was ich von Zwölftonmusik halte. Niemand nimmt jemand anderen als sich selbst als Hauptakteur wahr. Daher ist es theoretisch völlig wurscht, was andere von einem denken. Denn entweder, sie nehmen es nicht in Ansätzen so wahr, wie man selbst glauben mag, oder sie vergessen es innerhalb von Sekunden wieder.

Das ist die Befreiung, die mich die Nightline lehrt.

Ich gähne und blicke aus dem Fenster und in die Dunkelheit.

Bald bin ich Zuhause.

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