Der Neunzehnte Wiener Gemeindebezirk erblüht in all seiner Farbenpracht. Die Vöglein hört man nun schon um drei in der Nacht zwitschern, ganz und gar darauf erpicht, den bevorstehenden Tag zu begrüßen. Fremdartige Gerüche liegen in der Luft und endlich – endlich – scheinen die kosmischen Scheinwerfer herzhaft auf uns kleine Menschlein herab. Nicht nur für Sensibelchen wie mich ist diese die schönste aller Jahreszeiten. Ein jeder, der meinen Weg kreuzt, während ich durch die blankpolierten Straßen des Neunzehnten trotte, scheint selbigem Zauber zu erliegen. Alles in allem hat der Frühling in Döbling etwas von einer Traumlandschaft auf Amphetaminen; alles daran ist perfekt. Einzig wer vor der Zeit davonläuft, findet Grund zum Jammern, nach dem Motto: Könnte dieser Moment doch ewig währen!

In Episode 8 begegnet uns der Supermond über Wien.
  1. Episode 8: Soko Nussdorf
  2. Episode 7: Beichte auf der Bellevue
  3. Episode 6: Zu Gast in der Nightline
  4. Episode 5: Marienerscheinung im Fuhrgassel
  5. Episode 4: Begegnungen im Café Friedl

Ich gehe am legendären Café Nest, dessen Zwillingsschwester sich im Herzen Wiens bei der Oper befindet, vorbei und biege scharf links ab und in den sogenannten Schatzerlsteig; einer steilen Treppe, die jemandes Bluthusten und Sturzbachschwitzen mit der epischen Ankunft in der zölestischen Bellevuestraße belohnt. Hier oben riecht die Luft einfach noch eine Spur besser. Nach Reichtum und Wohlstand. Nach Wienerwald und Zauberei.

Es geht weiterhin bergauf, aber nicht mehr ganz so steil. Da diese sagenumwobene Treppe mir nach all den Jahren immer noch den Rest gibt, verringere ich das Tempo und schleppe mich vornübergebeugt dahin, links und rechts von mir die sündhaft teuren Anwesen der Besseren. Eines Tages, keuche ich in mich hinein, eines Tages werden wir Seite an Seite im Paradies weilen. Ihr als Banker, ich als Rockstar.

Um meine Gedanken zu unterstreichen, rast ein Jaguar des F-Typus an mir vorbei und alles daran ist so anmutig und erhaben, dass sogar der Duft seines Abgases sich perfekt ins elysische Gesamtbild fügt. Auch Engel müssen ihre Streitwägen fahren.

Erinnerungen hämmern allmählich auf mich ein. Spaziergänge, Gespräche und Erlebnisse der letzten neunzehn Jahre. So oft und in so unterschiedlichen Phasen bin ich hier gewesen. Manchmal erscheint mir die Last der Vergangenheit einfach untragbar. Am schlimmsten ist es, wenn es so schön ist wie heute. Jahre habe ich damit zugebracht, ergründen zu wollen, was es ist, das mich plagt. Ob es einen Namen dafür gibt. Ob es ein übliches Syndrom ist. Das stetige Gefühl, irgendwohin zurückzuwollen. Aber auch nicht wirklich zurückzuwollen; faktisch war es ja niemals besser als heute. Aber geht es tatsächlich um besser? Oder einfach nur um grün, jung und frisch? Manchmal fühle ich mich wie ein Fass, das überläuft, wenn ich dieselben Gegenden wiederbesuche und ähnliche Situationen erlebe. Als hätte ich einen Film zu oft gesehen, der nun seine Magie verloren hat und dessen jungfräuliche, erste Sichtung verunglimpft wird.

Und manchmal ist mir, als wäre ich mit fünfzehn, sechzehn in einen Traum gedriftet, aus dem ich niemals wieder erwacht bin. Es gibt Momente, da denke ich mir, ich werde aufwachen und alles, was ich in den letzten fünfzehn Jahren erlebt habe, wird ein furchtbar realistischer Traum oder ein Ausflug in eine parallele Zeitlinie gewesen sein. Ich wache auf in meinem Kinderzimmer in der Sieveringerstraße, nehme meine Schultasche, frühstücke und mein Vater fährt mich in die Schule. Meine Schildkröte lebt noch. Mein Bruder ist ein Kleinkind. Das Internet macht noch komische Geräusche, wenn man es verwendet. Man hat noch keinen zarten Busen gesehen, geschweige denn die Küsse eines Mädchens erlebt. Man hat noch keine Ahnung vom Gefühl, auf einer Bühne zu stehen. Der Gedanke an soziale Medien, wie wir sie heute kennen, ist maximal Szenario für dystopische Fiktion. Man fühlt noch so unfassbar viel in seinem Herzen, wenn man in seine Fantasiewelten driftet. Die Tore stehen sperrangelweit offen!

Dieser Eisblock – nehmt ihn weg von mir … Woher kam er, wann kam er?

Die Villen der Elite finden ein jähes Ende und weichen gut bestellten Weinbergen. Der bekannte Hydrant vor der letzten, Science-Fiction-anmutenden Villa erwartet mich, so, wie er es all die Jahre getan hat. Ich labe mich an seinen Ergüssen und trinke wie ein Pferd auf Ketamin. So viel trinke ich, dass ich meine, platzen zu müssen. Nichts geht über das Wiener Hochquellwasser!

In Schweiß und kaltem Wasser gebadet setze ich den Spaziergang fort. Die Bellevuestraße endet. Ein schmaler Pfad führt weiter bergauf, rechts Weinberge und der Cobenzl, links Weinberge und der Neunzehnte. Der magische Pfad, der Tolkiens kühnsten Träumen entsprungen zu sein scheint, ist in ein Kaleidoskop aus Lichtspielen getaucht. Das Blattwerk bildet ein natürliches Dach und spendet uns Wanderern ein wenig Erholung. Überall zwitschern Vögel.

Schließlich bietet sich eine fast unscheinbare Möglichkeit an, rechts abzubiegen. Es ist kaum mehr als eine Wurzel, über die man steigen muss. Und dann ist man dort. Auf der Bellevuewiese. Einem der schönsten Orte auf der Welt.

Dem Balkon der Schickeria. Dem Vestibül der Engel aus den höchsten Kreisen Döblings. Wenn Gott jemals herabsteigen sollte, um uns zu begrüßen, zu verzeihen oder zu bestrafen, dann wird das definitiv seine Anlegestelle sein.

Ein Lächeln mischt sich in die grimmige Maske, die ich Gesichtsausdruck schimpfe, und ich taumle durch das hohe Gras und hinauf zur Baumgruppe, wo drei Bänke stehen. Da es noch früh und außerdem ein Wochentag ist, sind deutlich weniger Leute zugegen als meistens. An Wochenenden und Feiertagen ist hier, im Paradies, die Hölle los. Heute schlendern nur ein paar Pensionisten dahin, einige jüngere Leute mit Hunden, und das war’s.

Weiter in nördlicher und östlicher Richtung sonnen sich die Vorläufer des Cobenzl, dahinter ruhen Kahlenberg und Leopoldsberg. Hübsche Wanderwege führen runter nach Grinzing. Dazwischen schlängelt sich die Höhenstraße wie ein graues Band dahin. Hier und da befinden sich versteckte Gasthäuser verstreut, Waldwege und weitere Wiesen. Es ist eine himmlische Gegend und keine Macht dieser Welt könnte mich je in einen anderen Teil Vindobonas bugsieren. Das hier ist das magischste, das diese Stadt zu bieten hat.

Diese Stadt, auf die man von hier oben eine der besten Aussichten überhaupt hat. Vor allem nachts, bei Vollmond, wenn alles einfach nur ein Traum sein könnte …

Ich lasse mich auf die mittlere der drei Bänke sinken, wo ich gefühlt schon tausende Male gesessen bin, und blicke hinab. Auf den sonnenbeschienenen Kessel. Auf das weite Tal, das wie ein kosmischer Krater unter mir ruht und eine Stadt beherbergt. Eine Metropole im Herzen Europas.

Wien.

Eines hat sich in all den Jahren nicht geändert. So einsam und getrennt man sich auch fühlen mag, wenn man von hier oben, hier draußen, auf die Stadt hinunterblickt, so mischt sich doch jedes Mal auch ein Gefühl der Ordnung hinein. Es macht mit einem Mal so viel mehr Sinn. Noch nicht genug, um wirklich eine Ahnung zu haben, was gerade abgeht. Aber zumindest genug, um durchatmen zu können. Einen tiefen, vollen Atemzug zu machen, auf den jeder Yogalehrer stolz wäre.

Die Erinnerungen hören nicht auf. Ob es Zwangsgedanken sind, stelle ich mir die Frage. Ob eine milde, therapiebegleitende Medikation den Fluss an Stimmen, Bildern und Gefühlen beenden könnte? Scham, Schuld und „Was-wäre-wenn“-Szenarien. Gewissensbisse, Vorwürfe und die Panik, so viele offene Baustellen nicht abgeschlossen zu haben.

Der innere Neurotiker leckt Blut. Die Brust droht zu zerspringen.

Das ist nicht das Leben, knurrt eine Instanz in mir. Es ist jene Instanz, die mich vor dem Wahnsinn bewahrt. Das Leben findet hier und jetzt statt. Das Problem an der ganzen Sache ist, dass manch einer vergessen mag, was hier und was jetzt bedeuten.

Egal, schelte ich mich. Einfach weiteratmen.

Während ich auf den Talkessel und das darin schlummernde Ungetüm blicke, komme ich langsam, sehr langsam zur Ruhe. Früher hätte ich mir an dieser Stelle Pink Floyd oder Wagner reingezogen, vielleicht eine geraucht oder – wäre es Abend gewesen – in amüsanter Gesellschaft ein Gläschen Wein konsumiert und den Sog des Mondes mit Leuchten in den Augen und Schaum im Mund gefeiert.

Jetzt will ich einfach nur das unmittelbarste, das sich mir hier anbietet, wahrnehmen und erfahren. Keine Hilfsmittel. Nur die endlosen Grüntöne um mich herum, das hellblaue Himmelszelt und das von Menschen errichtete Etwas, das dort unten, einem pulsierenden Spinnenmutterleib gleich, pocht und lauert.

Hier oben kriegst du mich nicht, höre ich mich denken.

Die Gedanken beruhigen sich. Für einen kurzen Moment ist die Vergangenheit dahin. Mit ihr die nagende Angst vor der Zukunft, die wie Gift in meinen Venen fließt; ungestört, unbeachtet und als Teil meiner Biologie akzeptiert. Und für einen Augenblick erfahre ich, wie leicht das Leben sein kann. Wie gut sich das Leben anfühlen kann, wenn die Bürde, die man sich selbst auferlegt hat, für ein paar Herzschläge von einem weicht.

Sofort kommen die Schuldgefühle und ich kehre zurück in den Kreislauf des Leidens. Schuldgefühle, da ich mich nicht noch mehr um diesen wichtigsten aller Zustände bemühe. Schuldgefühle, da ich erkenne, dass ich das Potential zu spirituellem Leben hätte, und nicht genug dafür unternehme. Schuldgefühle, dass wieder Monate vergangen sind, seit ich mich so gut gefühlt habe. Schuldgefühle, da alles meine Schuld ist. Schuldgefühle, da ich mich mit Tik-Tok-Marketing und Bullshit befasse, statt mit der Wahrheit.

Es ist nicht deine Schuld, meldet sich eine weitere Stimme in meinem Inneren zu Wort und ich kann nicht zuordnen, wessen Stimme das ist.

Es ist nicht deine Schuld.

Ich entscheide mich, alle Erwartungen endgültig über Bord zu werfen und schließe die Augen. Es ist alles wurscht. Es ist alles gut. Zumindest hier. Auf der Bellevuewiese. Hier oben, wo die Walküren des Neunzehnten über mich wachen, seit Jahrzehnten schon. Es ist nicht meine Schuld und wenn sie es wäre, dann wäre mir das in diesem Moment schnuppe. Ich bin nur ein kleiner Mann, ein kleiner Säuger, umgeben von den endlosen Baumhirten, in deren Schoß ich mich nun wiege und die mir die Beichte und die Schwere der eigenen Gedanken abnehmen.

Am liebsten würde ich für immer hierbleiben.

Ich blinzle, öffne die Augen wieder und blicke lange auf die Stadt hinab.

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