Wenn man so durch die nördlichen Viertel des Neunzehnten Bezirkes spazieren geht, wird man von der Vielfalt der Grüntöne geradezu überwältigt. Um ganz ehrlich zu sein, halte ich es manchmal nicht für möglich, dass die Natur so viele Wege findet, grün zu sein. Ganz gleich, wie schwer manch ein Winter sein mag, spätestens hier und jetzt ist all die Tragik vergessen. Plötzlich freut man sich regelrecht, im Netz des Seins umherzudriften wie ein rosa Pingpongball, ob nun mit Plan oder ohne, ob allein oder in Gesellschaft. Ob beichtend auf der Bellevuewiese, taumelnd in Neustift oder Kaffeetrinkend in Sievering.

Episode 9: Trautes Heim, Glück allein Jannis Raptis | Geschichten aus dem Neunzehnten

In Episode 9 befinde ich mich an den Stränden Griechenlands und frage mich, weshalb ich an den Neunzehnten denke.
  1. Episode 9: Trautes Heim, Glück allein
  2. Episode 8: Soko Nussdorf
  3. Episode 7: Beichte auf der Bellevue
  4. Episode 6: Zu Gast in der Nightline
  5. Episode 5: Marienerscheinung im Fuhrgassel

Dies und vieles mehr denke ich mir verträumt, während ich mit einem befreundeten Pärchen durch den oberen Schreiberweg – einer der teuersten Straßen überhaupt – spaziere und dann scharf rechts und in die Weinberge abbiege. Es ist einfach zu schön, um wahr zu sein hier. Traumhaft, könnte man meinen und es wäre nicht einmal übertrieben. Mitunter stelle ich mir die Frage, ob die Leute wahnsinnig sind, nicht im Neunzehnten wohnen zu wollen. Ja, zu müssen!

Ist es nicht eine naturgegebene Notwendigkeit?

Ich atme einen Insektenschwarm ein und huste. Es ist ein heißer Sommertag. Obwohl die Sonne bereits gen Feierabend driftet, dringt die Hitze bis tief unter die Haut. Meist jedoch führen die Wanderwege hier unter schützendes Blätterdach. Links plätschert ein verträumter Bach, frisch aus den Fantasyromanen importiert, die ich sonst schreibe. Zu unserer Rechten heben und senken sich die Weinberge wie die leibhaftigen Busen von Mutter Natur.

So geborgen und magisch habe ich mich lange nicht mehr gefühlt!

Die Freunde und ich unterhalten uns entspannt und freuen uns auf das Ziel unseres kleinen Ausfluges: den Heurigen auf dem Kahlenberg. Bis dahin ist es jedoch noch ein Stück; immerhin will man ja etwas geleistet haben für sein Soda um fünf Euro sechzig!

Fasziniert betrachte ich das Lichtspiel, das die letzten Sonnenstrahlen auf den Blättern entstehen lassen. Immer wieder zücke ich mein Smartphone, um Fotos zu schießen, im verzweifelten Versuch, die Phänomene der Natur irgendwie zu verewigen. Manchmal klappt es, manchmal ist es einfach unmöglich. Mein innerer Tadler ermahnt mich zu Mäßigung und Rückkehr in den Moment; immerhin ist das das Ziel meines Lebens derzeit. Rückkehr zum Augenblick. Das Leben erschließt sich dir im Moment, nicht in den Qualen der Vergangenheit und nicht in der Todesfurcht der Zukunft.

Nur im Hier. Und im Jetzt.

Und wer davon nicht gekostet hat, oder auf sonstige Weise nicht damit resonieren mag, dem wird sich die Wahrheit hinter diesen überstrapazierten Worten auch nicht öffnen. Oft geht es mir selbst so, aber nicht heute. Heute fühle ich es. Das Pulsieren des Moments. Das Mysterium der Wahrheit und das seltsame Wissen um ebendiese. Ich bin real und doch wirkt alles wie ein schöner Traum.

Wir betreten einen Weg, der quer durch die Weinberge und steil bergauf führt und der mit einem Schild gekennzeichnet ist, auf dem steht: Betreten verboten. Mein innerer Revoluzzer ist schon lange totgeschwiegen worden, daher wäre ich von alleine nie auf die Idee gekommen, diesen Weg zu gehen. Tatsächlich meine ich mich zu erinnern, wie ich vor einem Jahr etwa, Meilen und Meilen an Umwegen gelaufen bin, um dort oben, wohin wir jetzt unterwegs sind, anzukommen.

Ob wir uns nicht strafbar machen, frage ich.

Wer uns anzeigen solle, kontert der Freund und schweigend gebe ich im Recht.

Ich bin zum Wiener geworden, geht es mir durch den Kopf. Ich sollte mehr verbotene Grundstücke betreten, das würde mir sicherlich guttun.

Die Stufen scheinen kein Ende nehmen zu wollen und erinnern mich unwillkürlich an den Schatzerlsteig, der Bluthusten und Sturzbachschwitzen mit der Ankunft auf der Bellevuestraße belohnt. Hier jedoch kommen wir oben auf dem Weinberg an. Die Aussicht ist ohne Worte. Wieder schieße ich Fotos der Landschaft im Licht der untergehenden Sonne. Wir folgen dem Kiesweg, der hier oben angelegt ist und wo auch Autos fahren können und stellen fest, dass wir nicht die einzigen sind, die auf die Idee kamen, einen der Heurigen hier aufzusuchen. Als wir im Weingut Wieninger ankommen, stockt uns der Atem beim Anblick der Warteschlange. Die meisten der Anwesenden sind junge Mädchen und Burschen aus dem Neunzehnten, wie man unschwer erkennen kann. Einer der Adoleszenten fällt mir besonders auf, ist er doch leibhaftig aus dem Bilderbuche Döblings hervorgetreten. Blond und gutaussehend und in Marken gekleidet witzelt er mit seinen Freunden. Seine Begleiter: die verspielte Überlegenheit des Neunzehntbezirklers und die charmante Präpotenz des Jünglings, der sich seiner eigenen Sterblichkeit noch nicht bewusst ist. Dazu die Aura des Prinzen, der noch niemals hat arbeiten müssen und für den das Leben ein einziger Neunzehnter Bezirk ist.

Er erinnert mich an eine jüngere Version von mir mit mehr Geld.

Ich mag ihn. Ich mag alle, die hier rumstehen und Wein trinken wollen.

Geduldig und mit der Akzeptanz der Antilope, die am Wasserloch drauf wartet, dranzukommen, stehen wir an, plaudern und versuchen zu ergründen, was wir bestellen werden. Irgendwann rast ein Polizeiauto den Kiesweg entlang, alle schauen wie aufgescheuchte Rehe, als hätten sie noch nie ein solches gesehen. Wenig später düst ein weiterer Polizeiwagen denselben Weg entlang; es bleibt nur zu erahnen, was passiert sein mag.

„Soko Nussdorf!“, spaßt ein älterer Herr und ich notiere das natürlich umgehend in meinen potthässlich-türkisfarbenen Notizblock.

Vierzig Minuten später ist es soweit. Wir kommen dran, bestellen, bezahlen mit stoischer Todesverachtung und begeben uns an ein Tischchen zwischen den Reben. Wir essen, trinken ein Glas Wein und blicken auf den Leopoldsberg und die Donau zu unseren Füßen. Sobald die Sonne schwindet, wird es unschön kalt und mein Freund leiht mir seine Jacke. Ich bin nun mal ein Sensibelchen, wenn es um Temperaturen geht.

Seltsames Wesen, der Mensch, denke ich mir, während der Gemischte Satz, der ebenjenen Reben entspringt, die mich nun umgeben, meinen Kiefer lockert. Selbst wenn alle anderen Probleme gelöst scheinen, reichen Kälte, Hitze, Feuchtigkeit, Hunger, Durst oder Müdigkeit völlig aus, um die hart erarbeitete Seligkeit auf die Probe zu stellen.

Manchmal ist es bestürzend, dabei zuzusehen und zu realisieren, auf welch sandigem Grund so ziemlich alles erbaut ist, wofür wir uns einsetzen.

Es ist so schön, hier sein zu dürfen, sage ich zu mir und bitte um Erdung, während wir allmählich losstapfen und den Weg hinunter einschlagen. Die Wärme, die der Dankbarkeit vorauseilt, lässt mich selig lächeln. Schön, diese Momente, denke ich mir. Die Momente, in denen alles an seinem Platz zu sein scheint.

Und dann … überrascht uns der Höhepunkt des Abends, von dem – wie ich später feststellen soll – noch zahlreiche Stories auf den sozialen Medien hochgeladen werden werden.

Seit ich ein Kind bin habe ich ein ganz und gar eigentümliches Talent, den Mond, und wenn er noch so unscheinbar oder versteckt sein mag, ausfindig zu machen. Es ist, als würde ein Teil von mir magisch von ihm angezogen werden, und jedes Mal, wenn wir uns im Taumel meiner irdischen Erlebnisse begegnen, nicken wir wissend einander zu und einigen uns darauf, dass wir beide nur Beobachter hier sind.

Heute ist wieder so ein Moment. Während ich beim Heruntergehen auf die abendliche Stadt zu meinen Füßen blicke, die da im Wiener Becken schlummert, erkenne ich eine rote Silhouette am Horizont. Ich bleibe stehen, meine Freunde bleiben stehen, ein fremder Mann mit seinem Kleinkind ebenso, um dort hinunterzublicken, wo nach und nach eine riesige, feuerrote Kugel emporsteigt.

Das Phänomen entpuppt sich als sogenannter Supermond. Das ist, wenn der Mond am nächsten zur Erde steht und sich in vollster Pracht zeigt.

Gebannt starren wir auf den Himmelskörper, während er aufsteigt, von einer Kraft beseelt, die mich mit sanftem Schreck daran erinnert, dass wir verbunden sind in unserer Lebendigkeit. Dieselbe Kraft, die mich morgens aus dem Bett steigen und meine Tätigkeiten nachgehen lässt, lässt auch diesen Körper im All auf- und absteigen, wandern, scheinen und sich an seinen gravitatorischen Erlebnissen erfreuen.

Wir sind derselben Urkraft unterlegen. Und daher sind wir untrennbar miteinander verbunden, ob mit Sinn oder ohne. Feststeht: Wir sind lebendig und real, einzig unsere Erfahrungen unterscheiden sich voneinander.

Und mit diesem unfassbar starken Gefühl in der Brust, sättige ich meinen Blick am Mond, der heller und kleiner wird, bis er weit oben im Himmel steht, bevor ich mit einem Lächeln und einem Ohrwurm von Sister Moon den Heimweg antrete.

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