Nach zwei Monaten am Mittelmeer wieder im Neunzehnten zu weilen, fühlt sich an wie ein zweiter Urlaub. Das kühlende Blätterdach der Döblinger Baumriesen schützt des Ankömmlings von der Sonne verbrannte Haupt, die Stille umschließt ihn in einer langersehnten Umarmung.

Schön, wieder hier zu sein. Im schönsten Teil von Wien, dort, wo Fuchs und Hase sich Gutenacht zuflüstern, nachdem Gemischter Satz und Pfeifentabak sie eingelullt haben. Dort, wo man anonym und doch heimelig, wo es rustikal und gleichzeitig teuer sein kann, wo man in der Stadt ist, und irgendwie auch nicht.

Episode 10: Die Helden der Döblinger Legion Jannis Raptis | Geschichten aus dem Neunzehnten

In Episode 10 begeben wir uns nach zwei Monaten Sommerurlaub zurück zu den Baumriesen des Neunzehnten Bezirkes.
  1. Episode 10: Die Helden der Döblinger Legion
  2. Episode 9: Trautes Heim, Glück allein
  3. Episode 8: Soko Nussdorf
  4. Episode 7: Beichte auf der Bellevue
  5. Episode 6: Zu Gast in der Nightline

Willkommen zurück, Wanderer, höre ich die Platanen mir zuflüstern, während ich die fünfzig Euro Taxifahrt feierlich loswerde und mich mit Rucksack und Köfferchen in meine spießig aufgeräumte Wohnung begebe.

Jetzt geht es wohl weiter, denke ich mir.

Und jedes Mal nach diesen zwei Monaten der Hitze, in denen man Altes rausgeschwitzt und Neues getankt hat, fühlt sich die Rückkehr an wie ein absoluter Neuanfang. Es ist einer der schönsten Zustände und ich möchte ihn ausdehnen, analysieren, verstehen und kontrollieren. So erpicht darauf bin ich, dass ich beinahe den Moment verpasse und mit ihm das Glücksgefühl.

Ein, wie mir scheint, Klassiker in den Verhaltensmustern meiner und der jüngeren Generation. Dabei wüsste ich nicht genau zu sagen, wo dieser Kreislauf beginnt und wo er endet. Als da wären: das ständige Fehlen von Fokus und der Sog tausender Türen gleichzeitig, dann das schlechte Gewissen, etwas zu verpassen oder nicht produktiv zu sein.

Wie, bei den Göttern, soll ein Glücksgefühl produktiv sein!

Es ist einfach um des Seins willen. Es ist da, um genossen zu werden.

Und genau das habe ich diesen Sommer zu üben versucht. Beim Versuch ist es geblieben, aber manche sind ja der Ansicht, dass der Versuch zählt, nicht das Resultat. Ich weiß nicht. Ich möchte mindestens neunzig Jahre alt werden; was ist da dienlicher? Das Sein um des Seins willen oder die Produktivität, um dann nachher umso „besser“ irgendwo sein zu können?

Es braucht weder das Auge einer Kräuterfrau noch die Heinrich Böll Werke im Bücherregal meiner Mutter, um zu erkennen, wie komplex dieser Sachverhalt ist.

Sorge, überall, wo ich auch hinblicke. Stolpere ich über alte Fotos, fühle ich mich, als würde ich nicht bloß eine Zeitreise unternehmen, sondern gleich auch eine Reise durch das Multiversum. Wenn ich zurückdenke, an die höllischen Parties, durch die ich ein gutes Jahrzehnt lang gewankt und gestolpert bin, scheint mir, nicht nur ich hätte mich verändert, sondern auch der Rest der Welt. Zügelloses Mundwerk und Rauch in Innenräumen sind längst mit Vorsicht zu genießen. Wer raucht, hat hinauszugehen, und wehe ihm, er nimmt sein Glas mit nach draußen! Wer sich unbeholfen an Flirt versucht, muss genauestens auf seine Worte achten, und wehe ihm, wenn er politisch inkorrekt oder gar zu männlich auftritt.

Diese Dinge sollte man heute eher unterlassen.

Und Gott bin ich froh, dass ich noch das Ende einer Ära erleben durfte, die Gen Z vermutlich nur aus Legenden kennt. Dennoch muss an dieser Stelle klar ausgesprochen werden, dass wir Millennials den Zoomern immer noch am nächsten stehen. Wir sind irgendwie genau dazwischen … zwischen vorher und jetzt. Wir teilen Vieles miteinander.

Und niemals war es mir so wichtig wie heute, mit Gen Z zu kommunizieren. Ich möchte, dass sie mich verstehen und ich möchte, dass sie mir helfen, sie zu verstehen, denn das ist immer noch einfacher, als von den Generationen davor verstanden zu werden. Die Welt hat sich hundertachtzig Grad gewendet. Zu Geld kommt man auf völlig andere Art, zu Grundbesitz in der Regel gar nicht und zu politischer Relevanz, wenn wir ehrlich sind, auch mehr schlecht als recht. Das System, was auch immer das sein mag, hinkt schwerfällig vor sich hin, und wie manövrierfreudig es tatsächlich ist, bleibt abzuwarten.

Die Alten werden vergehen, doch was sie hinterlassen, damit müssen ich und Gen Z fertigwerden. Eine zerstückelte Wirtschaft, ein brachliegendes Rentensystem und, am schlimmsten, ein Planet, dessen Wehklagen im ganzen Sonnensystem hörbar ist. Die Ungewissheit, die uns – ja, ich schließe mich nun dreist der jungen Generation an – hinterlassen wurde, schwebt wie ein drohender Schatten über ALLEM. Jeder Schritt, jede Entscheidung könnte fatale Folgen haben. Und es sind viele Schritte, viele Entscheidungen, fast endlose offene Türen! So etwas gab es vorher noch nie!

Wie kann man bei so viel vermeintlicher Freiheit nur so sehr leiden?

Lange Zeit dachte ich, ich bin der Einzige, der Probleme mit seinem Fokus hat. Nun weiß ich, dass dem nicht so ist. Fast niemand hat irgendeine Ahnung, was er tut. Und so ziemlich alle jungen Leute kämpfen sich mit theseus’scher Tapferkeit durch das enge Labyrinth, ohne Garantie auf Erfolg, einfach nur, weil sie keine andere Wahl haben.

Für mich sind sie Helden.

Und manchmal, wenn ich es schaffe, ein wenig aufzuräumen und Pläne zu verwirklichen, bin ich mir sogar mein eigener Held.

Das alles geht mir durch den Kopf, während ich auf dem Balkon sitze und lange ins Grüne starre. Im Garten der Nachbarsvilla wird eine Party gefeiert; im Grunde passiert das in den Sommermonaten recht häufig. Meistens höre ich dann einfach nur den Gesprächen und Stimmen der jungen Leute zu. Ich frage mich, ob diese Sprösslinge aus Döbling wissen, wie privilegiert sie sind. Ob ihnen klar ist, dass ihr Erbe sie zu Günstlingen des Pantheons macht. Aber auch sie, mit ihrem Hokuspokus und fancy Accessoires, haben dasselbe Labyrinth zu beschreiten, welches unsere Zeit ihnen beschert.

Wohlstandsgesellschafter sind wir immerhin alle, denke ich mir und notiere den Satz sogleich mit einem Lächeln. Das wäre doch ein hervorragender Titel für mein nächstes Buch.

Lange sitze ich auf dem Balkon und lausche, während die Nacht mich umfängt und langsam dahingleitet. Es tut gut, wieder hier zu sein. Hier, im ruhigen Neunzehnten, der es irgendwie doch schafft, einen daran zweifeln zu lassen, ob die Welt tatsächlich so diffus und verloren ist, wie es den Anschein macht. Hier, in diesem kleinen Zauberreich, scheint die Zeit mitunter still zu stehen. Und wenngleich Bewegung und Fortschritt doch das einzig Konstante sind, und die Akzeptanz ebendieser die einzige Möglichkeit, nicht depressiv zu sein, so darf, finde ich, ab und zu auch ein bisschen Schwelgen nicht verboten sein.

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